Praxiskolumne

Kranke Ärztinnen – geht gar nicht

Aus der Praxis
|Erschienen am: 
|Lesezeit: 3 Min

Als Niedergelassene krank zu sein, bedeutet eine geschlossene Praxis und bringt unfreundliche Reaktionen. Wie hoch der Druck im Arztberuf sein kann und warum Arbeiten trotz Krankheit natürlich auch für Ärztinnen und Ärzte gefährlich ist.

Wer selbstständig in einer Praxis arbeitet, sollte nicht alles allein schultern. Unter anderem, um den Betrieb auch im Krankheitsfall aufrechterhalten zu können. Was aber, wenn die Ärztinnen bzw. Ärzte alle gleichzeitig länger ausfallen? Man sollte meinen, das passiert nicht so oft. Bei uns in der Praxis aber gerade schon.

Lang genug hatten meine Kollegin und ich uns noch in die Praxis geschleppt, mit Schmerzen bzw. frisch operiert. Dann kam der Punkt, an dem wir uns nicht mehr um andere kümmern konnten. 

Kranke Ärztinnen. Und jetzt? Die Praxen im Umkreis waren zwar nicht begeistert, dass sie unsere Patient:innen auffangen müssen, aber doch hilfsbereit. Gut, den einen malignen Kollegen hat jeder im Sprengel, den hakt man einfach ab. Die meisten anderen haben sich aber freundlich besorgt nach uns erkundigt – deutlich freundlicher als damals in der Klinik, wenn es hieß: „Xy macht krank.“ Vielleicht weil alle wissen, was diese Situation wirtschaftlich für eine Praxis bedeutet, wenn eine Vertretung angestellt werden muss und nichts mehr rund läuft. Das macht niemand freiwillig.

Ärztinnen dürfen das einfach nicht - krank werden

Doch richtig erschreckend waren und sind die Reaktionen vieler Patient:innen. Es gibt einige, die Verständnis zeigen und gute Besserung ausrichten oder den MFA, die so wahnsinnig viel abfangen, etwas Süßes mitbringen. Aber ein erschreckend großer Teil reagiert mit Unverständnis und Aggression. Es sei eine „Unverschämtheit“, dass wir krank sind. Es sei unglaublich, „dass Ärztinnen über Monate krank sind“. Und: „Ach, sind die jetzt tot, oder was?“ Menschen, die selbst über Monate bis Jahre krank sind, erheben vor den Angestellten die Stimme. Selbst der ärztlichen Vertretung gegenüber.

Und da man uns unsere Krankheiten auch nicht direkt ansieht, brodelt auch die Gerüchteküche. Die MFA haben die Erlaubnis, die abstrusesten Storys im Team zum Besten zu geben. Dann hat man wenigstens was zum Lachen.

Aber wie viel gelten wir Ärztinnen und Ärzte unseren Patient:innen denn bitteschön? Wir scheinen schlichtweg eine Rolle zu erfüllen. Wie es uns geht und dass wir selbst auch Menschen sind, ist irrelevant. Patient:innen haben ein Recht auf ihre Ärztin bzw. ihren Arzt. Basta.

Dabei trifft diese Anspruchshaltung sowieso auf eine Spezies, die häufig ihr Wohlergehen hinter das anderer stellt. Auf Menschen, die ein ausgeprägtes Helfersyndrom haben. Meines wird übrigens gerade durch jeden bissigen Kommentar aus Patientenmund ein bisschen therapiert.

Die Hälfte bis fast alle schleppen sich krank in die Praxis

„Wer sich selbst nicht hilft, kann anderen nicht helfen“, heißt es. Aber in Befragungen gaben 50–80 % der Gesundheitsfachkräfte an, krank zur Arbeit zu gehen. Selbst mit Influenzanachweis gilt das für 25 %. Nicht erstaunlich, fallen mir gleich mehrere Fälle von Kolleg:innen mit Endokarditis oder Myokarditis durch verschleppte Infekte ein. Die wenigsten haben daraus gelernt. Einer ist daran verstorben. Aber er hat bis zuletzt operiert. 

Die Patient:innen waren allerdings nicht auf der Beerdigung. Und das ist einer der Sinnsprüche, die man sich merken sollte: Wer nicht auf deine Beerdigung gehen würde, ist es auch nicht wert, dass du dir die Gesundheit ruinierst.

Und unsere Coping-Mechanismen? Erfahrungsgemäß eher schlecht. Alkohol- und Benzodiazepin-Missbrauch kommt häufiger in unserer Berufsgruppe vor als in anderen. Wir zögern länger, uns ärztliche Hilfe zu holen. Klingt alles recht ungesund. Und wenn wir selbst unsere Patientinnen bzw. Patienten wären, würden wir uns ein ganz anderes Verhalten anraten. Vehement.Also liebe Kolleg:innen, achtet bitte auf Euch selbst. Gerade jetzt. Immer. Und nicht erst, wenn es zu spät ist.

Dr. Cornelia Werner

Dr. Cornelia Werner

Dr. Cornelia Werner ist Fachärztin für Allgemeinmedizin und schreibt regelmäßig Kolumnen aus der Praxis für die Medical Tribune.

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