Praxiskolumne

Ist das Primärversorgung – oder soll das weg?

Aus der Praxis
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Die TK stellt die HZV infrage und setzt auf App-Steuerung. Dabei bescheinigen unabhängige Evaluationen der hausarztzentrierten Versorgung mehr Koordination, weniger Komplikationen und niedrigere Kosten.

Die Techniker Krankenkasse (TK) hatte einen ereignisreichen Frühsommer. Erst präsentiert sie eine Auswertung ihrer eigenen Abrechnungsdaten, die – welch Zufall – zu dem Ergebnis kommt, die Hausarztzentrierte Versorgung bringe nichts und koste zu viel. Wenig später kündigt sie 14 HZV-Verträge. Zwei Aktionen, eine unmissverständliche Botschaft: Weg mit der koordinierenden, steuernden Hausarztpraxis.

Der Zugang zur Versorgung soll aus Sicht der TK über eine Kassen-App laufen – digitale Ersteinschätzung inklusive. Klingt erst mal gut: niedrigschwellig, digital, zielgerichtet. In der Praxis droht eine Digital-Dystopie, verkauft als Fortschritt.

Das ist der Punkt, an dem ich als Hausärztin ungemütlich werde. Eine Patientin, die ich seit zehn Jahren kenne, soll mit Brustschmerzen erst eine digitale Eintrittskarte über eine Kassen-App lösen, bevor sie zu mir kommen darf? Wer in einer Hausarztpraxis arbeitet, weiß: Unsere Patientinnen und Patienten kommen so gut wie nie mit nur einem Anliegen – meist sind es drei oder vier gleichzeitig. Deshalb gibt es auch keine Evidenz, dass eine digitale Ersteinschätzung in der Regelversorgung irgendetwas verbessert. Es droht eher das Gegenteil: Übernimmt ein Tool die Steuerung und schreibt gleich Überweisungen oder übertriagiert schon aus Vorsichtsgründen, werden mehr Facharzttermine erzeugt, nicht weniger. Eine digitale Ersteinschätzung kennt keine Behandlungskontinuität – die ist aber eine Grundvoraussetzung für ein steuerndes Primärversorgungssystem.

Digitale Unterstützung muss aus der Versorgung heraus gedacht sein

Damit kein Missverständnis entsteht: Digitalisierung in der Gesundheitsversorgung ist sinnvoll, auch als Steuerungselement – etwa im Notdienst, wo eine strukturierte digitale Ersteinschätzung hilft, Dringlichkeit einzuordnen. Auch die Regelversorgung braucht digitale Unterstützung. Sie muss aber aus der Versorgung heraus gedacht sein, nicht gegen sie.

Dabei führt die Debatte an einer schlichten Wahrheit vorbei: Die niedrigschwellige, zielgerichtete Versorgung, die sich alle wünschen und die man jetzt versucht zu erfinden, gibt es längst. Sie heißt Hausarztpraxis. 80 % aller Fälle behandeln wir fallabschließend. Wir sind für die Mehrheit der Bevölkerung in unter vier Minuten Fahrzeit erreichbar. Und man bekommt bei uns – anders als an fast allen anderen Stellen im Gesundheitssystem – auch einen Termin, wenn nötig noch am selben Tag.

169 Euro weniger Kosten pro Versichertem im Jahr

Was bisher fehlt, ist die Verbindlichkeit, und die hat sich die Bundesregierung jetzt vorgenommen. Dabei will auch sie auf die HZV setzen, so wie elf Millionen Versicherte, die freiwillig teilnehmen. Bei der AOK Baden-Württemberg ist es fast die Hälfte aller Versicherten – und sie fährt gut damit. Unabhängige Evaluationen der Universitäten Heidelberg und Frankfurt belegen das regelmäßig: mehr Koordination, weniger Komplikationen, weniger Klinikeinweisungen, weniger ungesteuerte Facharztkontakte, 169 Euro weniger Kosten pro Versichertem im Jahr.

Die TK lässt sich davon nicht beirren. Ihr Argument: Die HZV kostet die Solidargemeinschaft mehr, als sie bringt. Ein Blick in die amtliche KV45-Statistik genügt: Die Pro-Kopf-Kosten in HZV-Vollversorgungsverträgen sanken von 299 Euro (2019) auf 288 Euro (2025) – während die GKV-Gesamtausgaben im selben Zeitraum um über 41 % stiegen. Von der Kritik an der HZV bleibt, bei Licht betrachtet, nicht viel übrig.

Ich würde mir wünschen, die TK würde ihre Energie in die Frage stecken, was ihre Versicherten wirklich wollen: Von einer App versorgt werden – oder von einem Praxisteam, das sie kennt und Digitalisierung genau dort einsetzt, wo sie nützt? Von den TK-Versicherten, die ich in meiner Praxis versorge, kenne ich die Antwort.

Prof. Dr. Nicola Buhlinger-Göpfarth

Prof. Dr. Nicola Buhlinger-Göpfarth ist Fachärztin für Allgemeinmedizin und seit 2002 als Hausärztin in eigener Praxis in Pforzheim (Baden-Württemberg) tätig. Seit 2017 engagiert sie sich im Vorstand des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes Baden-Württemberg und ist seit 2022 dessen Co-Vorstandsvorsitzende. Seit 2023 ist sie zudem Co-Bundesvorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes. Darüber hinaus hat sie seit 2021 eine Professur für Physician Assistance an der EU|FH Köln inne. Prof. Dr. Buhlinger-Göpfarth ist Mitglied der Vertreterversammlungen von KBV, KV Baden-Württemberg und der Landesärztekammer Baden-Württemberg sowie Vorstandsmitglied des Verbandes „Spitzenfrauen Gesundheit“.

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