Debatte über Primärversorgung angeheizt

TK stellt Hausarztverträge infrage

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TK-Evaluation zur HzV: höhere Kosten, kein klarer Mehrwert. Die Studie verschärft die Debatte um Hausarztverträge und Primärversorgung.

Die bislang größte Analyse zur hausarztzentrierten Versorgung kommt von der Techniker Krankenkasse und meldet Mehrkosten ohne klaren Zusatznutzen. Die Studie verschärft die Debatte um Hausarztverträge und Primärversorgung.

Eine Studie attestiert der Hausarztzentrierten Versorgung Mehrkosten bei fehlendem Mehrwert und befeuert damit die Diskussion um das geplante Primärversorgungssystem. Das ist wohl kein Zufall.

Die Techniker Krankenkasse (TK) hat Ende Mai die bislang größte länderübergreifende Evaluation der Hausarztzentrierten Versorgung (HzV) veröffentlicht. Ihr Ergebnis: Hausarztverträge steuern Patientinnen und Patienten nicht besser durch das System als die Regelversorgung – und kosten deutlich mehr. Analysiert wurden die HzV-Verträge der TK in 13 Bundesländern mit Versorgungsdaten aus den Jahren 2015 bis 2024. In der laufenden Debatte um den Aufbau eines Primärversorgungssystems facht die Studie, die das Hamburg Center for Health Economics (HCHE) unter Leitung von Prof. Dr. Jonas Schreyögg durchgeführt hat, die Diskussion weiter an.

Die Grundidee der HzV: Versicherte schreiben sich freiwillig bei einer Hausärztin bzw. einem Hausarzt in die HzV ein, womit diese bzw. dieser fortan als erste Anlaufstelle und koordinierende Instanz fungiert. Das soll unnötige Facharztkontakte reduzieren, Krankenhauseinweisungen vermeiden und die Versorgungsqualität steigern.

Die TK-Evaluation kommt allerdings zu dem Schluss, dass die HzV genau das eben nicht erreicht. Die Zahl der Facharztkontakte ist demnach in der HzV-Gruppe sogar um 1,2 Besuche pro teilnehmender Person und Jahr höher als in der Vergleichsgruppe ohne HzV-Vertrag. Die Menge der Hausarztkontakte blieb nahezu unverändert, die Klinikeinweisungen gingen nicht zurück, und auch bei der Qualität der Arzneimittelverordnungen zeigte sich keine relevante Verbesserung. HzV-Teilnehmende beziehen im Jahresdurchschnitt sogar vier Tage länger Krankengeld als vergleichbare Versicherte ohne Hausarztvertrag.

Die Mehrkosten werden mit 122 Euro pro teilnehmender Person und Jahr angegeben, auf alle TK‑Versicherten in der HzV gerechnet also mehr als 160 Millionen Euro jährlich. Noch mal hochgerechnet auf die rund elf Millionen HzV-Teilnehmenden bundesweit geht es laut TK um Mehrkosten von etwa 1,3 Milliarden Euro. Lediglich bei Menschen mit Diabetes zeigen sich in der Datenanalyse leicht positive Tendenzen.

HzV soll Primärversorgung nur noch ergänzen

Wenig überraschend lehnt die Krankenkasse die HzV damit als Vorlage für das von der Bundesregierung geplante Primärversorgungssystem ab. „Die Evaluation zeigt, dass die HzV in der jetzigen Form dafür keine geeignete Grundlage ist“, erklärt Vorstandsvize Thomas Ballast. Gemeint ist mit der „jetzigen Form“ auch: als Pflicht für Kassen.

Die Ergebnisse bedeuten jedoch nicht, dass die TK die Abschaffung der HzV an sich fordert, so eine Sprecherin der Kasse auf Anfrage. Dass die enge hausärztliche Betreuung der HzV bei bestimmten Gruppen einen Mehrwert in der Versorgungsqualität bieten kann, wie die Evaluation auch zeige, sei ein guter Ansatzpunkt für eine Neuausrichtung. Diese könne ein Primärversorgungssystem sinnvoll optional ergänzen, zum Beispiel als Programm für ältere, vielfach erkrankte Menschen, die von der hausärztlichen Koordination besonders profitieren.

Anstelle des Kontrahierungszwangs, also der Verpflichtung der Kassen, einen HzV-Vertrag abzuschließen, fordert die TK ein einheitliches Primärversorgungssystem mit einer verbindlichen digitalen Ersteinschätzung als erster Anlaufstelle, also einer App oder einem Portal, das Patientinnen und Patienten anhand ihrer Symptome direkt in die passende Versorgungsebene leitet.

Die zentrale Idee der Kasse ist: digital vor ambulant vor stationär. Wann eine Hausarztpraxis, eine Facharztpraxis oder eine Videosprechstunde der richtige nächste Versorgungsschritt ist, soll das System entscheiden – nicht die starre Einschreibung in einen Hausarztvertrag.

Für den Hausärztinnen- und Hausärzteverband ist die Positionierung der TK nicht überraschend. Die Kasse habe sich zuletzt immer wieder gegen ein hausärztlich gesteuertes Primärversorgungsmodell und für eine anonyme digitale Hotline als Ersteinschätzung ausgesprochen. Was die TK anstrebe, so die Bundesvorsitzenden Prof. Dr. Nicola Buhlinger-Göpfarth und Dr. Markus Blumenthal-Beier als „Digitaldystopie, in der Beziehungsmedizin ersetzt wird durch eine digitale Hotline, die die Menschen anonym von einem zum nächsten Arzt lotst“.

Die HzV gehöre zu den am umfassendsten und am längsten wissenschaftlich begleiteten Versorgungsstrukturen, argumentiert der Verband. Seit über 15 Jahren zeigten Untersuchungen der Universitäten Frankfurt/M. und Heidelberg, dass es durch die HzV „eine bessere und effizientere Versorgung gibt, sich Krankenhauseinweisungen reduzieren und die Arzneimitteltherapie zielgerichteter verläuft“. Auch der Sachverständigenrat Gesundheit sowie Studien des Kassenverbandes GWQ und die internationale Evidenz aus Ländern mit etablierten Primärversorgungssystemen würden in dieselbe Richtung weisen. Vor diesem Hintergrund sei es auffällig, wenn nun eine einzelne Studie präsentiert werde, die in Teilen von dieser breiten Evidenz abweiche.

Rolle der Facharztverträge nicht abschließend bewertet

Die TK verweist an dieser Stelle auf Unterschiede im Studiendesign: Es handele sich bei der eigenen um eine Interventionsstudie, die die kausalen Auswirkungen der HzV-Teilnahme auf die Versorgungssituation analysiert. Die bisherigen Evaluationen hätten Zusammenhänge betrachtet.

Der Bundesvorsitzende des Virchowbundes, Dr. Dirk Heinrich, weist auf einen weiteren Unterschied hin: „Die TK-Studie bildet nur die halbe Wahrheit ab, weil sie durch das bewusste Ausblenden der Versorgungsrealität in Baden-Württemberg die Gesamtaussage verfälscht.“ Denn in den von der TK untersuchten 13 Bundesländern existiert die HZV ohne ergänzende Facharztverträge. Diese Kopplung mache das Modell aber erst sinnvoll. Auf Nachfrage stellte die TK schlicht fest, es sei nicht eindeutig feststellbar, inwiefern die Facharztverträge für die unterschiedlichen Ergebnisse verantwortlich sind.    

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