„Die Hausärztinnen und -ärzte sind nicht der Flaschenhals“
Den Spruch, dass zu wenige Hausärztinnen und -ärzte in einem verbindlichen Primärarztsystem einen Engpass bilden würden (weshalb Direktzugänge zu Facharztpraxen nötig seien), mag der Vorstand des Bayerischen Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes (BHÄV) nicht mehr hören.
Man habe mit der Hausarztzentrierten Versorgung (HzV) ein funktionierendes Primärarztsystem mit nachweislichen Versorgungsvorteilen geschaffen, an dem bundesweit rund elf Millionen Versicherte freiwillig teilnehmen, betont BHÄV-Chef Dr. Wolfgang Ritter. 80 % der Akutfälle in Hausarztpraxen würden abschließend behandelt. BHÄV-Vize Dr. Petra Reis-Berkowicz stellt klar: „Neun von zehn Patientinnen und Patienten haben eine Hausärztin oder einen Hausarzt. Die Hausärztinnen und Hausärzte sind nicht der Flaschenhals!“ Ein Praxisbesuch sei i. d. R. schnell möglich.
Gab es nicht ein Nachfolgerproblem in der Allgemeinmedizin? Laut Versorgungsatlas der KV Bayerns vom Februar 2026 sind 36,4 % der Hausärztinnen und -ärzte im Freistaat im Alter von 60+. Das sei früher nicht viel anders gewesen, sagt Dr. Ritter. Es gebe jetzt mit der Boomergeneration eine Übergangsphase. Aber es strebten mehr junge Kolleginnen und Kollegen ins System.
Dr. Beate Reinhardt, 2. BHÄV-Vize, verweist darauf, dass sich in Bayern die Zahl der Weitbildungsabschlüsse in Allgemeinmedizin vervierfacht hat – von 99 im Jahr 2010 auf 399 im Jahr 2025. An jeder bayerischen Universität könne Medizin studiert werden.
Außerdem hat der Verband ein Instrument gefunden, das Kapazitäten schafft: das Primärversorgungszentrum HÄPPI. Die halbjährige Erprobungsphase ist beendet, die Evaluationsergebnisse liegen vor. Wichtig ist Dr. Reis-Berkowicz: Jede Praxis kann HÄPPI werden, auch die Einzelpraxis auf dem Land. Das hatte bereits das erste Pilotprojekt in Baden-Württemberg gezeigt, wo es mittlerweile über 40 HÄPPIs gibt.
Der Kapazitätsgewinn resultiert aus der stärkeren Digitalisierung der Praxen, ihrer Vernetzung sowie dem Einbinden nichtärztlicher Berufe wie Primary Care Managerinnen (PCM), die die Praxisleitung entlasten. Der Ausbau einer Praxis zum HÄPPI könne schrittweise erfolgen, was die Umsetzung erleichtere, sagt der Vorstand. Mit der AOK hat man in der HzV einen Honoraraufschlag für das Beschäftigen von Mitarbeitenden mit PCM-Studium vereinbart.
Verband kritisiert geplante Doppelstruktur für akute Fälle
Die Zuversicht des Verbandes, ein verbindliches Primärarztsystem stemmen zu können, wird jedoch von der geplanten Notfallreform getrübt. Falsch sei es, rund um die Uhr, also auch während der Praxisöffnungszeiten, eine telemedizinische und aufsuchende KV-Versorgung anbieten zu wollen, kritisiert Dr. Ritter das BMG. Dafür fehlten Manpower und Ressourcen.