Praxiskolumne

Mehr Krankschreibungen, mehr Krankfeiernde?

Aus der Praxis
|Erschienen am: 
|
Aktualisiert am:

Hallo. Ich bin Ihre Hausärztin und Krankschreiberin.“ So oder ähnlich stellen sich die Herren Merz und Söder wohl vor, wie es in unserem Alltag läuft. Mit diesem Bild vor Augen haben sie sich jetzt auf die Jagd begeben: „Die Welt hat genug Probleme – lasst uns in Deutschland die telefonische AU bezwingen!“

Denn aus ihrer Sicht ist diese Form der überaus alltagstauglichen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung schuldig: schuld an den gestiegenen Zahlen der Fehltage und schuld an der schlechten Wirtschaft. Und vermutlich komplett an allen Problemen und das ohne die Mithilfe irgendwelcher anderer Faktoren.

Was ist am Telefon denn anders als in der Praxis?

Aber wenn die Zahlen der Krankschreibungen gestiegen sind – so die beiden telAU-Jäger weiter –, so kann das doch nur daran liegen, dass immer mehr Menschen immer öfter blaumachen! Aber ist das wirklich so? Sind wir Ärzt:innen einfach nur so was wie dumme Schafe, die krankschreiben, ohne irgendetwas zu hinterfragen? Und das auch noch besonders gerne am Telefon?

Nein: Fakt ist, dass die eAU dazu führt, dass mehr Krankmeldungen auch bei den Kassen ankommen. Und Fakt ist auch, dass wir dank der Pandemie eine lustige, nie endende Infektionsparade tanzen. Ohne Sommerpause, mit atypischen Erregern, zu atypischen Zeiten. Dazu kommen dann noch die Folgeschäden der Infektionen und auch die Folgen der immer knapperen Personaldecken in allen Bereichen, wo die noch Gesunden sich dann immer wieder zu viel aufschultern. Und schon erklären sich die gestiegenen Zahlen.

Schreiben wir unnötig krank? Nein. Aber natürlich gibt es auch Blaumacherinnen und Blaumacher. Kommen die mit einer telefonische AU eher durch? Nein!

Wir kennen alle die üblichen Verdächtigen. Und die wissen wiederum, welche Symptome wir ihnen (nicht) nachweisen können. „Ich hab so Durchfall.“ Oder: „Mein Kopf zerplatzt.“ Oder auch: „Ich habe Schwindelanfälle.“ Wir müssen ihnen zunächst glauben. Aber ob sie uns die Geschichte am Telefon oder in der Praxis erzählen – das ändert nichts: Bei diesen Symptomen bekommt erstmal jede und jeder eine eAU für 1–3 Tage. Bei verdächtigen, wiederholten oder längeren Anfragen bestellen wir ein. Denn einerseits kennen wir alle den Witz mit dem Hypochonder in Zimmer eins, der gestorben ist. Und andererseits gilt natürlich: Wer mit einem grippalen Infekt eine Verschlechterung statt Besserung bemerkt, gehört einfach in die Sprechstunde.

Mit Metastasen noch in den Schichtdienst

Auf der anderen Seite gibt es übrigens auch den Präsentismus: Patient:innen, die es nicht zulassen, dass man sie krankschreibt. Die sich selbst während einer Chemotherapie zur Arbeit kämpfen. (Achtung, Sarkasmus: Wenigstens müssen wir bei solchen Fällen dann die unnötigen Anfragen der Kasse nicht beantworten. Denn die kommen ja sogar bei Palliativfällen. Dann stelle ich mir immer vor, was das für Menschen vom MD oder der Kasse sind, die meinen, man könne mit Hirnmetastasen am Fließband Akkord arbeiten ...)

Mein Fazit also: Die Welt und auch unser Gesundheitssystem haben genug andere Probleme. Die Idee der Blaumacherjagd mithilfe der Abschaffung der telefonischen Krankschreibung ist purer Aktivismus. Es werden Kranke unter Generalverdacht gestellt – und ihre Krankschreiberinnen und Krankschreiber genauso. Statt die Gesundheitsvorsorge insbesondere auch durch Infektionsprophylaxe massiv zu fördern und dadurch weniger Krankheitsfälle zu verursachen, fällt man lieber über die Leidtragenden her.     

Das könnte Sie auch interessieren