Praxiskolumne

Mind the gap

Aus der Praxis
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Nie zuvor wuchs medizinisches Wissen so rasant. Doch während Biotechnologie und Digitalisierung neue Zusammenhänge offenbaren, bleibt das Gesundheitssystem in alten Strukturen gefangen. Die Zukunft verlangt integrative statt isolierter Versorgung. Eine Kolumne.

Wir befinden uns in einer bemerkenswerten medizinischen Ära: Noch nie wurde Wissen über den menschlichen Körper so schnell erworben wie aktuell. Gesundheitsökonomische Analysen beschreiben den Wissenszuwachs gar als exponentiell.

Modernste Biotechnologie ermöglicht heute schon Einblicke bis hinunter auf die kleinste intrazelluläre Ebene und die DNA. Und gigantische digitale Fortschritte erleichtern das Erstellen, Sammeln und Auswerten von unvorstellbaren Datenmengen. Die Erkenntnisse, die sich aus diesen Fortschritten ziehen lassen, sind faszinierend – aber auch erschreckend. Denn sie sind in der Lage, unser „Medizin-Weltbild“ auf den Kopf zu stellen. Die Frage ist: Sind wir dazu bereit?

Denn was tatsächlich an Erkenntnis vor allen anderen zu nennen ist, ist das neue Wissen darum, dass die verschiedenen medizinischen Perspektiven wirklich alle miteinander verbunden sind. Und nein – das war nicht schon immer klar. Dann hätten wir nämlich keinen Grund gehabt, unsere Fachdisziplinen so einzumauern, wie wir es bis heute noch immer tun!

Zunehmend erlaubt uns die Wissenschaft tiefe Einblicke, wie alles verzahnt ist. Die Psychoneuroimmunologie etwa, die uns beweist, wie immunologische Prozesse sich auf unsere Hormone und Psyche auswirken. Wir haben feststellen dürfen, dass Virusinfektionen wie EBV neurologische Erkrankungen wie MS hervorrufen. Rein psychische Erkrankungen können ein Resultat von Wechselwirkungen aus Genetik, ehemaliger Virusinfektion, Parasiten, Hormonen, Mikrobiom und Immunsystemaktivierung sein. Aber ist es dann noch legitim, diese isoliert psychologisch zu behandeln? Mit Verhaltenstherapie oder Tiefenpsychologie?

Implementation Science als Brücke zur Praxis

Ist es dann überhaupt noch legitim, unsere strikte fachärztliche Trennung aufrechtzuerhalten, wie wir es tun? Zum Beispiel, wenn der Rheumatologe mit den Worten „Nicht mein Fach“ auf die Infektiologie verweist, obwohl ein dringender Verdacht auf eine persistierende EBV-Infektion besteht, die nach aktuellem Wissensstand mit dem Lupus der Patientin in Zusammenhang gebracht werden muss? Gebietet uns nicht die Erkenntnis, dass Impfungen gegen Herpes zoster und Influenza das Demenzrisiko im zweistelligen Prozentbereich reduzieren, ein ganz anderes Verständnis viraler Infektionen insgesamt? Und sehen wir nicht in den Anstiegen an z. B. thromboembolischen kardiovaskulären Ereignissen nach SARS-CoV-2-Infektion – und auch an dem so erschreckenden Bild der postakuten Infektionssyndrome –, dass Infektionen zu verhindern uns weiterbringt? Durch einfache Dinge wie etwa Luftreinhaltung?

Statistisch und erfahrungsgemäß braucht es 17 Jahre, bis neue Erkenntnisse der Wissenschaft im medizinischen Alltag ankommen. „17-year gap“ wird dieses Phänomen genannt. Eine ganzer Wissenschaftszweig, die „Implementation Science“, ist aus dieser Beobachtung heraus entstanden. Mit dem Ziel, Leitlinienprozesse zu optimieren und überholte Praktiken zu „überschreiben“.

Was wir angesichts solcher Erkenntnisse benötigen, ist eine deutlich integrativere Medizin. Mit integrativen und kooperierenden Zentren. Und dies in einer Zeit, in der die Gesundheitspolitik unsere Fachrichtungen als spezialisierte Fachgebietsinseln über ganze Bundesländer verteilt. Das wird ein schwieriger Spagat. Ein Kunststück, das viele offene, wissensdurstige und innovationswillige Kolleginnen und Kollegen benötigt. In einer Zeit, in der wir durch Kürzungen in Personal und Finanzen immer weniger Ressourcen haben. Ich wünsche uns allen, dass wir es dennoch schaffen, den Gap zu überbrücken. Weil es unserer Zeit angemessen wäre.

Dr. Cornelia Werner

Dr. Cornelia Werner

Dr. Cornelia Werner ist Fachärztin für Allgemeinmedizin und schreibt regelmäßig Kolumnen aus der Praxis für die Medical Tribune.

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