Diese Kolumne schreibe ich ausnahmsweise nicht nur als Arzt. Sondern auch als Vater von zwei Töchtern, der abends in ihre Zimmer sieht und sich fragt: In was für eine Welt entlassen wir sie da eigentlich? Wir müssen reden, liebe Kolleginnen und Kollegen. Und zwar Tacheles, ohne den Schutzmantel von Fachbegriffen oder den Verweis auf bestehende Leitlinien.
Schauen wir uns den Fall von Collien Fernandes an. Was wir da sehen, ist kein isoliertes Schicksal, es ist ein Symptom der verbreiteten digitalen und körperlichen Gewalt gegen Frauen. Es beginnt bei diesem widerwärtigen Hass im Netz, mit Kommentaren, die die Seele zerfressen. Das ist kein „Internet-Phänomen“, das man so einfach wegklicken kann – das nehme ich auch selbst immer wieder auf Social Media wahr.
Wir unterschätzen, was diese permanente Enthemmung in der Online-Welt mit uns als Gesellschaft macht. Wenn Beleidigungen, Entwürdigungen und sexualisierte Kommentare normalisiert werden, verroht nicht nur die Sprache, es sinkt letztlich auch die Hemmschwelle für körperliche Übergriffe.
Jetzt heißt es zwar wieder überall: „Man(n) müsste mal …“ Aber wir geben dem Ganzen noch immer nicht die Bühne, die es verdammt noch mal braucht. Wir verstecken uns hinter Statistiken, während das Problem direkt vor unserer Nase sitzt. Lassen Sie uns glasklar festhalten: Die Frau ist niemals das Problem. Es ist völlig egal, ob das Kleid „zu kurz“ war, das Outfit „zu sexy“ oder das Lächeln „zu einladend“. Das Problem ist einzig und allein das Verhalten von Männern, die glauben, Grenzen seien Verhandlungssache. Es ist unser Versagen als Männer, wenn wir das nicht laut und deutlich aussprechen.
Wir sind oft die Ersten, die die Scherben aufsammeln
In Praxen und Kliniken sind wir Ärztinnen und Ärzte oft die Ersten, die die Scherben aufsammeln. Wir sind die Schnittstelle zwischen der Tat und dem mühsamen Weg zurück ins Leben. Unsere ärztliche Rolle ist dafür absolut kritisch. Wir sind nicht nur dazu da, Wunden zu nähen oder Infektionen auszuschließen. Wir sind dazu da, ein Signal zu senden: Hier bist du sicher. Hier wird dir geglaubt. Hier endet die Macht des Täters.
Viele Frauen verlieren den Mut. Weil sie wissen, dass Anzeigen selten Konsequenzen haben, Gutachten angezweifelt und Aussagen zerpflückt werden. Wir im Gesundheitssystem sind Teil dieser Kette – und können sie unterbrechen.
Empathie ist in diesen Momenten unsere stärkste Waffe, um die Würde der Betroffenen zu schützen. Wenn wir wegschauen oder nur mechanisch behandeln, werden wir Teil des Schweigens, das die Täter schützt. Wir müssen die Bühne nutzen, die wir haben. Wir müssen den Frauen zeigen, dass sie bei uns die volle Kontrolle zurückbekommen. Dass wir ihre Grenzen respektieren, auch wenn die Welt draußen es nicht getan hat. Dass wir für ihre körperliche und psychische Integrität kämpfen – ohne Wenn und Aber.
Jede und jeder sollte dabei mitmachen, aber erst recht wir Männer! Wir müssen das schiefe Bild von Männlichkeit in unserer Gesellschaft nicht nur kritisieren, wir müssen es einreißen. Wir müssen Vorbilder sein für unsere Patientinnen und Patienten, unsere Söhne und vor allem unsere Töchter.
Schluss mit sexualisierter Gewalt, egal in welcher Form! Wir haben als Ärztinnen und Ärzte eine Verantwortung, die weit über das Rezeptheft hinausgeht. Wir sind die Brandmauer. Lasst uns dafür sorgen, dass keine Frau, die unsere Praxis betritt, sich jemals wieder rechtfertigen muss für das, was ihr angetan wurde. Es ist Zeit, dass wir als Berufsstand aufstehen und sagen: Bis hierher und keinen Schritt weiter.