Praxiskolumne

Wenn Schulmedizin auf Globuli-Glauben trifft

Aus der Praxis
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Immer mehr Patientinnen und Patienten bringen alternative Überzeugungen in die Hausarztpraxis – von Impfverweigerung bis „Leaky Gut“. Wie gelingt es, sie für evidenzbasierte Medizin zu gewinnen, ohne die Arzt-Patienten-Beziehung zu verlieren?

Zuletzt häuften sich bei mir Anfragen von zugezogenen Patientinnen und Patienten, die eine neue Hausarztpraxis benötigten. Damit landete unter anderem auch ein recht spezielles Patientenkollektiv bei mir, mit sozusagen „alternativen“ Wünschen und Erwartungen an die Medizin.

Nun stand ich da, mit meinen neuen Patientinnen und Patienten. Grundsätzlich freue ich mich über Zulauf jüngerer Menschen. Doch wenn man die große Kluft schon nach drei Sätzen spürt, fällt es schwer, sich eine tragfähige Arzt-Patienten-Beziehung vorzustellen. Wie führt und berät man Menschen, die ein nahezu vollständig anderes medizinisches Weltbild haben? Und wenn einem dabei auch noch bewusst ist, dass es sogar um mehr geht als bloße Therapiekonzepte!

Interessanterweise wissen viele, die neu zu mir kommen, bereits, dass ich mit Alternativmedizin nichts anfangen kann. Das wird mir dann gleich zu Beginn des Gesprächs mal mehr oder weniger abfällig über den Tisch geworfen – mit dem Nachsatz, man habe ja aktuell keine andere Wahl. So viel zur informierten Patientin, zum informierten Patienten. Ich werde vorerst hingenommen. Vermutlich nur, weil parallel bereits ein Heilpraktiker, ein Guru oder Ähnliches konsultiert worden ist. Für Rezepte, Physiotherapie, Blutentnahmen und Überweisungen bin ich gut genug.

Ich aber frage mich derweil, ob es mir langfristig gelingen kann, wenigstens einen Teil dieser Patientinnen und Patienten wieder für die evidenzbasierte Medizin zu gewinnen. Neulich saß ein neunjähriger Junge vor mir, dem ich so gern eine Vierfachimpfung verpasst hätte. Er schaute mich freundlich und unvoreingenommen an und nickte verständnisvoll, doch die Mutter fuhr lautstark dazwischen, um mir zu erklären, sie lehne seit Jahren sämtliche Impfungen ab. Der alte Hausarzt habe das respektiert. Sie wolle auch keine homöopathische Impfung, fügte sie mit ernster Miene hinzu. Wie gut, dass die bei mir ohnehin gerade aus war.

Es soll Hausärztinnen und Hausärzte geben, die quartalsweise Blutuntersuchungen durchführen und Blutbilder bestimmen, ohne dass irgendeine Erkrankung oder Medikation das rechtfertigen würde. Außer vielleicht natürlich der Diagnose „chronische Borreliose“, die bis ans Lebensende in Stein gemeißelt bleibt und bei der alle drei Monate Antikörper bestimmt werden müssen.

Andere wollen eine Zonulinbestimmung, weil die Muskelschmerzen laut Zahnarzt sicher vom Leaky-Gut-Syndrom kämen. Der alte Hausarzt hätte das bestimmt gemacht! Warum ich nicht? Ich muss eine schlechte Ärztin sein, wenn ich das nicht anbiete. Wie könne ich so jung und so schlecht ausgebildet sein? Die frühere Hausärztin habe wöchentlich Fortbildungen besucht. Ihr Weitblick sei enorm gewesen, sie habe wirklich etwas bewirkt, sei nicht engstirnig in der Schulmedizin gefangen gewesen.

Manche werden abwandern, andere sich einlassen

Ich bin gespannt, wie sich diese Beziehungen entwickeln werden. Ob wir jemals einen Zugang zueinander finden oder ob die Patientinnen und Patienten letztlich zu anderen Praxen abwandern.

Eine Handvoll Patientinnen und Patienten konnte ich aber bereits für mich gewinnen. Denn: Die Globuli haben nicht geholfen, waren teuer und alles zog sich nur hin. Diese Patientinnen und Patienten sind damit auch von Heilpraktikern und Co. geheilt.

Daran halte ich mich fest, während ich weiter nach einer geeigneten Strategie im Umgang mit meiner Problemklientel suche. Und mit dem Frust, der sich irgendwann tief in mir breitmachen wird, wenn sie wieder abwandern. Aber wenn am Ende eine Handvoll zufrieden bei mir bleibt, ist immerhin etwas gewonnen.

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