Ernährungswende: Hannah Arendt und das Schnitzel
Hannah Arendt hat sich mit totalitärer Herrschaft beschäftigt, nicht mit Ernährung. Trotzdem helfen ihre Theorien dabei, die dringend erforderliche Wende hin zu einer gesunden und klimafreundlichen Ernährung einzuleiten. Und zwar auch in Gesundheitseinrichtungen.
Hannah Arendt und Ernährungsempfehlungen sind auf den ersten Blick eine absurde Kombination. Die 1975 verstorbene Denkerin hat unter anderem über Totalitarismus, Macht und die „Banalität des Bösen“ geschrieben. Über die ökologischen und gesundheitlichen Risiken von übermäßigem Fleischverzehr findet sich in ihrem Werk nichts. Dennoch gebe Arendt viele sinnvolle Begriffe und Ansätze an die Hand, um das Thema mit Blick auf den Klimawandel „neu zu denken“, betont die politische Theoretikerin Dr. Maike Weißpflug im Podcast O-Ton Innere Medizin.
O-Ton Innere Medizin gibt es alle 14 Tage donnerstags auf den gängigen Podcast-Plattformen.
Sie diskutiert darin mit der Internistin, Ernährungsmedizinerin und Geriaterin Dr. Lisa Pörtner, die am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und am Institut für Public Health der Charité – Universitätsmedizin Berlin forscht. Für eine gesunde und klimafreundliche Ernährung empfiehlt die Ärztin die „Planetary Health Diet“. Diese wurde 2019 von der EAT-Lancet-Kommission vorgestellt und basiert auf pflanzlichen Produkten wie Vollkorngetreide, Hülsenfrüchten, Obst, Gemüse, Nüssen und Samen. Auch tierische Lebensmittel sind in Maßen erlaubt.
Krankenkassen könnten Milliarden sparen
Würde man diese Ernährungsform attraktiver machen und in mehr Einrichtungen wie Schulen, Pflegeheimen und Kliniken, aber auch in Unternehmen anbieten, wäre das ein einfacher Beitrag zum Wandel der Ernährungskultur und damit zur Lösung teurer Probleme, gibt Dr. Pörtner zu bedenken: Manche Fälle von Diabetes, Krebs oder kardiovaskulären Erkrankungen ließen sich durch eine geunde Ernährung verhindern. Die Krankenkassen würden jedes Jahr Milliarden Euro sparen. Zudem sei die Umstellung wichtig, um den Klimawandel nicht weiter zu befeuern, der seinerseits massive Gesundheitsschäden mit sich bringt.
Voraussetzung für all diese Änderungen sei aber, dass politisch und auch in einzelnen Einrichtungen die strukturellen Möglichkeiten geschaffen werden. Im Gesundheitswesen seien dies etwa ein präventionsförderndes Vergütungssystem oder mehr Ernährungsmedizin im Medizinstudium. Auch das Angebot und der Preis von Lebensmitteln sowie Werbung sollten nach Meinung der Expertinnen politisch in eine gesundheits- und klimafreundliche Richtung reguliert werden. Durch moralischen Druck auf Einzelne lasse sich die Ernährungswende keinesfalls erreichen, sind sich beide einig.
Unbegrenzte Freiheitist eine Illusion
In Deutschland passiere in diesem Bereich jedoch vergleichsweise wenig – nicht zuletzt wegen der Lebensmittellobby, meint Dr. Weißpflug. „Mit einer Zucchini verdient man kein Geld, aber hinter Medikamenten steht eine starke Pharmaindustrie“, ergänzt Dr. Pörtner.
Erschwerend kommt hinzu, dass Ernährungsthemen schnell populistisch verzerrt werden. Selbst unverbindliche Empfehlungen werden dann als Eingriff in Freiheitsrechte dargestellt. Dabei, so Dr. Weißpflug, sei die Vorstellung von unbegrenzter Freiheit eine Illusion. Arendt habe Freiheit stets als gestalteten Raum gedacht, nicht als grenzenloses Niemandsland. Der Gang durch den Supermarkt sei auch jetzt schon hochgradig reguliert – durch Angebot, Werbung und Preise. Die Frage sei nur, in welche Richtung.