Caring Communities: Mehr ehrenamtliche Hilfe für Schwerstkranke
Hospiz- und Palliativmedizin darf nicht auf Kliniken, Heime und einzelne Strukturen beschränkt sein. Man braucht gesellschaftliche Unterstützung, um Schwerstkranken und Pflegepersonen das Leben zu erleichtern. Das Projekt der Caring Communities kann ein wichtiger Beitrag sein.
Von der Gesellschaft für Palliativmedizin, dem Hospiz- und Palliativverband sowie der Bundesärztekammer wurde 2025 die „Handlungsempfehlung Caring Communities im Sinne der Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland“ veröffentlicht. Sie richtet sich an Kommunen und Regionen. Durch ehrenamtliche Hilfe soll ein besseres Netzwerk für Schwerstkranke im direkten Umfeld geschaffen werden.
Die Geschäftsführerin des Vereins Palliatives Netzwerk für die Region Aachen, Veronika Schönhofer-Nellessen, spricht von einem wichtigen Schritt. Denn der Sorgebedarf steigt. Um dem gerecht werden zu können, müsse der gesellschaftliche Zusammenhalt gefördert werden, so Schönhofer-Nellessen. Die Bundesregierung habe im Koalitionsvertrag festgelegt, die Hospiz- und Palliativversorgung weiterzuentwickeln.
Prof. Dr. Roman Rolke von der Klinik für Palliativmedizin des Universitätsklinikums Aachen befasst sich mit dem Konzept der Sorgelotsinnen bzw. -lotsen. Diese ehrenamtlich Tätigen sollen helfen, zu informieren und zu koordinieren. Neben den Angeboten der Kommunen spielen auch große Unternehmen eine wichtige Rolle, betont der Experte. Er setzt sich dafür ein, das Thema Caring Communities an die Uniklinik zu bringen. Der ärztliche Direktor der RWTH Aachen habe bereits seine Unterstützung zugesagt.
Ehrenamtliche Hilfe darf nicht zur Sparmaßnahme werden
In einer besser über Hilfsangebote informierten Bevölkerung können frühzeitige Klinikeinweisungen vermieden werden und die Menschen länger in der gewohnten Umgebung bleiben, berichtet Prof. Dr. Klaus Wegleitner, Institut für Pastoraltheologie und -psychologie, Universität Graz, von Untersuchungen in Österreich. Ehrenamtliche Caring Communities dürften aber nicht zu Sparprogrammen gemacht werden.
Dr. Birgit Weihrauch, Ärztin und Staatsrätin a.D., ist Mitinitiatorin des Vereins „Caring Communities“ in Köln. Dieser entwickelte 2023 eine eigene Handlungsempfehlung. Es geht um Fragen wie: Wie kommunizieren wir miteinander? Wie machen wir Menschen sprachfähig im Umgang mit Schwerstkranken? Wie lässt sich z. B. verhindern, dass die Nachbarin einer Frau, deren Mann vor Kurzem gestorben ist, die Straßenseite wechselt – aus Angst, nicht die richtigen Worte zu finden?
Dr. Weihrauch berichtet von der Arbeitsgruppe „Trauer am Arbeitsplatz“, in der sich auch große Unternehmen engagieren. In umfangreichen Fragebogenaktionen, die eine hohe Rücklaufquote (75 %) hatten, wurden Bedürfnisse der Belegschaften abgefragt. Wenn z.B. eine Arbeitnehmerin ihren Mann verloren habe, komme es darauf an, sie langsam wieder in die Arbeit einzubinden und wiederholte Krankschreibungen zu vermeiden.
Gesundheitsförderung und Prävention liegen der Ärztin am Herzen. Durch eine andere Art des Umgangs miteinander ließen sich nachweislich Depressionen und Einsamkeit vermeiden sowie Zeiten von Arbeitslosigkeit verkürzen, betont sie. Für Kommunen oder Regionen, die ein Netzwerk der Caring Community aufbauen wollen, hat Dr. Weihrauch folgende Hinweise parat:
Es ist ein Marathon, kein Sprint.
Die Einbindung der Kommunalpolitik ist essenziell.Einzelne Arbeitsgruppen sind zentral zu koordinieren.
Rückmeldungen der Betroffenen sind wichtig, um sich zu vergewissern, dass man auf dem richtigen Weg ist.
Man sollte regionale Besonderheiten nutzen, z. B. in Köln den Karneval oder den 1. FC Köln.
Die Sprache der Betroffenen sprechen. Die Caring Community in Köln trägt den Untertitel „Förenander do“.
Dr. Weihrauch sieht in dem Caring-Communities-Projekt, das Menschen dafür gewinnt, aktiv zu werden und zu partizipieren, auch einen Beitrag zur Erhaltung der Demokratie.
Palliativversorgung auch zu Hause ermöglichen
Die Herausforderungen im ländlichen Bereich schildert Christian Blau, Chefarzt für Innere Medizin und Kardiologie an der Eifelklinik St. Brigida in Simmerath. Für die Menschen sei es wichtig, dort bleiben zu können, wo sie groß geworden oder zu Hause sind. Das sei 2017, als er nach Simmerath kam, aufgrund fehlender Strukturen oftmals nicht möglich gewesen. Die Klinik habe sich gegenüber den Hausärztinnen und -ärzten geöffnet und erfahren, wo der Schuh drückt. Inzwischen sei eine auskömmliche Palliativversorgung etabliert, die es Menschen ermöglicht, auch in schweren Zeiten zu Hause zu bleiben. Manchmal seien es ganz einfache Dinge, die Netzwerke bieten sollten, etwa das Abholen eines Kindes vom Kindergarten oder einkaufen gehen.