Makedoniien

Makedoniien: Im Land der Kirchen

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Viele der Kirchen gibt es heute nicht mehr, aber immerhin sind 36 von ihnen noch bestens erhalten

Hinter den sieben Bergen Schneewittchens und einigen hundert weiteren bizarren Gipfeln findet man den Ort, in dem es einst 365 Kirchen und Kapellen gab, sozusagen eine für jeden langen Tag des Jahres. Im makedonischen Ochrid zählte sie im 13. Jahrhundert ein gelehrter griechischer Reisender und hielt das in seinen Schriften für die Nachwelt fest. Unser Reiseautor Ulrich Uhlmann hat sich persönlich auf die Spurensuche gemacht.

Viele der Kirchen gibt es heute nicht mehr, aber immerhin sind 36 von ihnen noch bestens erhalten, und an jeder Ecke der engen, jahrhundertealten Altstadtgässchen kann sie der Besucher entdecken – manche gewaltig mit ihren runden Kuppeln, andere wiederum winzig mit ihren kaum mannshohen Eingangspforten. An altem Gemäuer wächst lustig-buntes Löwenmaul, Zedern und Pinien spenden rundum Schatten, und der Schlüssel für die Kirchentür ist für den neugierigen Touristen im Nachbarhaus hinterlegt. Gemeinsam ist allen Bauten: Sie atmen Geschichte, wohin man schaut, mit ihren mittelalterlichen Fresken, mit ihren altehrwürdigen Ikonen, die die internationale Kunstgeschichte mitbestimmen. Die Stadt beherbergt heute eine der bedeutendsten Ikonengalerien der Welt. 1980 übrigens wurde Ochrid mit seinen Kunstschätzen zum UNESCO-Kulturerbe erklärt.

Einer der größten Seen Europas

Überall, wo man in Ochrid die schmalen, steilen Gassen am Berghang erklimmt oder auf der Flaniermeile bummelt, fällt der Blick zwischen den malerischen Altstadthäusern auf das "Makedonische Meer", den Ochridsee – mit 358 Quadratkilometern eines der größten Binnengewässer Europas und 30 Kilometer lang. Von imposanten Bergketten mit über 1.000 Meter Höhe umgeben, mit einer Sicht bis nach Albanien hinein, bietet sich ein einmaliges Panorama: Unten glitzert das Wasser, bis 288 Meter tief, in den unterschiedlichsten Farben von Grün bis Blau. Fischerboote sind in der Ferne als winzige Punkte auszumachen, und am nahen Ufer grünen Feigen- und Mandelbäume und andere südländische Gewächse.

Nicht weit, im Fußmarsch von Ochrid zu erreichen, findet sich auf einer felsigen Anhöhe direkt über dem Wasser einer der schönsten Aussichtspunkte rund um den See – die Kirche des Heiligen Jovan Kaneo aus dem 13. Jahrhundert. Dicht daneben das Fischerdörfchen Kaneo, wo das Leben wie in alten Zeiten zu verlaufen scheint. Eingezwängt zwischen Fels und Kaiserfestung werden die meisten Güter und Nahrungsmittel oft noch mit Booten herangebracht. Und noch heute kann der Besucher mit etwas Glück beobachten, wie auf den Kieselsteinen des Strandes nach herkömmlicher Weise Leinen getrocknet und gebleicht wird.

Reisetipps

Anreise: Flug bis Skopje bzw. Ochrid; mit Auto über Italien (Fähre)–Griechenland oder Ungarn–Serbien bzw. Ungarn–Rumänien–Bulgarien.


Unterkunft: Am Ochridsee weit über 60.000 Betten in Hotels und Pensionen, die auch in der Saison nicht ausgebucht sind; außerdem mehrere Campingplätze.


Verpflegung: Preiswerte Mittagsmenüs in den Restaurants erhältlich. Spezialitäten: Aal aus dem Ochridsee oder gegrillte, rotfleischige Seeforelle aus Zuchtbetrieben, dazu einheimischer Slibowitz oder Wein aus der Region. Zu empfehlen auch türkischer Kaffee mit kandierten Feigen als Dessert.


Souvenirs: Als Mitbringsel eignen sich Ochrider Perlen, Holzschnitzereien aus Nußbaumholz, kunstvoll gestaltete Ikonen, Töpferwaren, volkstümliche Stickereien und landestypische Kupferarbeiten. In allen größeren Orten um den Ochridsee finden wöchentlich einmal Märkte statt, die durch ihr buntes Treiben beeindrucken.


Informationen: Prospekte zu Ochrid und Makedonien können angefordert werden unter www.ohrid.com.mk und www.fva.gov.mk.

Am anderen Ende des Ochridsees lockt dicht an der albanischen Grenze paradiesisch-schöne Natur zum Verweilen: mit Macchia bewachsene Hügel, steile Klippen, einladende Badestrände und zahlreiche Quellen, die den See speisen. Wasserschildkröten sonnen sich auf knorrigen Wurzeln, Schlingpflanzen wuchern um uralte Bäume, und mitunter züngelt eine giftlose Schlange über den Wanderpfad. Auf einem Plateau thront aus dem 10. Jahrhundert das Kloster des Heiligen Naum mit seinen Konaks, Einrichtungen klösterlichen Gastgewerbes.

Griechen und Römer hinterließen ihre Spuren

Überhaupt ist die Region rund um den Ochridsee Geschichte pur. Hier zogen Griechen und Römer hindurch, die Byzantiner hinterließen ihre Spuren, und die Türken beherrschten das Land 500 Jahre lang (1395–1912). Allein in Ochrid wird an 250 Fundstellen nach der Vergangenheit gegraben. Goldschmuck und Silbermünzen, frühchristliche Kultgegenstände und mittelalterlicher Hausrat kommen zutage. Kliment und Naum, die zu den bedeutendsten slawischen Aufklärern zählten und die kyrillische Schrift weiterentwickelten, gründeten in der Stadt im 9. Jahrhundert die erste slawische Universität mit damals etwa 3.500 Schülern, die sich mit Schriftkunde, Kirchengeschichte, Gartenbau und Handwerk beschäftigten.

Aus diesen Traditionen heraus hat sich in Ochrid über Generationen altes Handwerk bewahrt. Dazu zählt bewundernswerte Holzschnitzkunst, die sich u. a. im Arbeitszimmer des früheren äthiopischen Kaisers Haile Selassie wiederfand. Oder auch filigraner Schmuck aus Ochrider Perlen – gefertigt aus Schuppen einheimischer Fische –, der schon das schwedische Königshaus begeisterte.

Der Ochridsee mit seinen umliegenden Städten und Dörfern hat also für jeden Geschmack etwas zu bieten – für Kultur- und Geschichtsinteressierte ebenso wie für Wassersportler und Naturfreunde. Weit über 60.000 Übernachtungsmöglichkeiten in Hotels und Pensionen sowie zahlreiche Campingplätze warten hier auf die Gäste aus nah und fern.


Autor:
Ulrich Uhlmann

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (2) Seite 86-88
Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf doctors.today publiziert.