Japan setzt trotz Fukushima-Katastrophe weiterhin auf Atomkraft
Auch 15 Jahre nach der Katastrophe in Fukushima wird in Japan weiterhin Atomstrom produziert. Dabei fehlen Studien zu gesundheitlichen Schäden nach 2011. Vor Ort ist die Situation noch immer surreal und es gibt Strahlenopfer beim Rückbau.
Mako Oshidori, freie Journalistin aus Japan, machte in einer Pressekonferenz der „International Physicians for the Prevention of Nuclear War“ (IPPNW) ihrem Unmut über das Handeln in ihrem Land Luft. Im Fokus steht Japans größter Energieversorger, die Tokyo Electric Power Company Holdings (TEPCO), aber auch die japanische Regierung.
m Erdbeben und dem darauffolgenden Tsunami 2011 havarierten Kernkraftwerks Fukushima Daiichi. Noch immer ist der vollständige Rückbau der Ruine nicht in Sicht. Zwar behaupten, wie die Journalistin berichtet, sowohl die Regierung als auch TEPCO, dass der Rückbau bis zum Jahr 2051 abgeschlossen sein werde. Doch auch 15 Jahre nach der Katastrophe sei nicht bekannt, in welchem Zustand sich die Ruine befinde und wo die abgespaltenen Brennelemente überhaupt lägen.
Unabhängige Informationen lassen sich schwer verbreiten
Laut Oshidori, die inzwischen an mehr als 1.500 Pressekonferenzen zu diesem Thema teilgenommen hat, wurden über die Jahre hinweg viele Rückbaupläne verschoben oder aufgegeben. Viele Expertinnen und Experten sehen den Rückbau bis 2051 deshalb als unrealistisch an. Oshidori kritisiert, dass TEPCO die strenge Definition des Rückbaus geändert habe: Ein abgeschlossener Rückbau soll demnach auch dann vorliegen, wenn Brennstäbe nicht vollständig abgeschmolzen sind und kontaminiertes Material noch vorhanden ist.
Die Journalistin berichtet über gravierende Zwischenfälle beim Rückbau, besonders 2023 und 2024. 17 Arbeiter waren durch hohe Kontamination und Unfälle schwer erkrankt oder gestorben. „Aber das wird leider nicht so groß berichtet, geschweige denn im Ausland“, moniert die Journalistin.
Als Grund nennt sie, dass seit 2019 Ministerien und lokale Behörden große Werbeagenturen mit Kampagnen beauftragen, die Ängste und Unsicherheiten in der Bevölkerung bekämpfen sollen. „Angst vor Kontamination und Radioaktivität wird als Hindernis für den Wiederaufbau gesehen“, so Oshidori.
Sie versteht nicht, dass für solche Kampagnen Geld zur Verfügung gestellt wird, nicht jedoch für ausreichende Messungen der Kontamination oder für gesundheitsrelevante Untersuchungen der Menschen vor Ort. Inzwischen würden auch Atomkraftwerke nach und nach wieder in Betrieb genommen. Die Journalistin bedauert Sprachbarrieren: „Vermutlich wäre die Welt eine andere, wenn Tschernobyl und Fukushima englischsprachige Gegenden gewesen wären, da sich die unabhängigen Informationen von Bürgern schneller und direkter verbreitet hätten.“
Kinderarzt beschreibt „surreale Situation vor Ort“
Dr. Alex Rosen, Kinderarzt und IPPNW-Mitglied, reiste im September 2025 für einige Tage durch die Präfektur Fukushima. Bei seiner Rückkehr zeigte er sich „fassungslos über die surreale Situation vor Ort“. Die Zone in den ehemaligen 13 evakuierten Gemeinden rund um die Atomreaktorruine von Fukushima-Daiichi gleiche einem Niemandsland. In den Dörfern rund um Fukushima ist, wie er berichtet, zwar wieder Leben eingekehrt. Es handele sich aber um „Arbeiter, die bezahlt werden dafür, dass sie dort ein paar Monate und ein paar Jahre schuften. Das sind keine Frauen, Kinder, alte Menschen.“
Mehr als 200.000 Menschen hatten nach der Atomkatastrophe Heimat und Identität verloren. Daran erinnert der Kinderarzt. Viele litten durch die Zwangsevakuierung laut japanischer Studien unter den psychosozialen Folgen, sagt Dr. Rosen.
Der Mediziner bestätigt die Einflüsse „einer sehr mächtigen Atomlobby“ auf Informationspolitik und Studien nach der Katastrophe in Fukushima. Angesichts des Wissens über die Auswirkungen der Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki wären die Voraussetzungen für Studien exzellent gewesen. Tatsächlich aber gibt es laut Dr. Rosen bis heute nur eine einzige substanzielle medizinische Studie zu den konkreten gesundheitlichen Auswirkungen der Atomkatastrophe von Fukushima: die Schilddrüsen-Kohorten-Studie der Fukushima Medical University.
Austritt aus Studie zu Krebs wurde aktiv beworben
„Vor fünf Jahren konnten wir auf unserer 10-Jahres-Veranstaltung von Fukushima Zahlen präsentieren, die zeigten, dass die Anzahl der Schilddrüsen-Krebsfälle bei Kindern und Jugendlichen in der Präfektur Fukushima um den Faktor 20 erhöht war gegenüber dem japanischen Durchschnitt“, berichtet Dr. Rosen.
Aber: Von den 360.000 initial eingeschlossenen Kindern und Jugendlichen sind heute nur noch 60.000 Studienteilnehmende übrig. Alle Menschen, die das 25. Lebensjahr erreichten, wurden automatisch aus der Studie herausgenommen. Zudem wurden Teilnehmende von der Präfektur und der Fukushima Medical University aktiv ermutigt, die Studie zu verlassen. Sie wurden über ihr Recht auf Nichtwissen aufgeklärt und mit Opt-out-Zetteln zum Verlassen der Studie angeregt „mit dem Argument, dass sowieso nichts herauskommt und es doch nur eine Belastung ist, alle zwei Jahre zu dieser Untersuchung zu gehen“.
„Die Realität wird komplett ausgeblendet in der Regierungspropaganda vom Wiederaufbau und vom Aufblühen der Präfektur Fukushima“, kritisiert der Arzt. Es seien keine Bemühungen unternommen worden, die Anzahl von Leukämiefällen in der Präfektur Fukushima zu untersuchen, nicht die Anzahl von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Menschen mit Strahlenbelastung, nicht die Rate an Brustkrebs, Gebärmutterhalskrebs, Ovarialkarzinom, Lungenkrebs und Hautkrebs.
Kernkraft schädigt – und zwar schon ab dem Uranbergbau
Dr. Angelika Claußen, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, hat die Folgen von Fukushima, aber auch von Tschernobyl selbst gesehen. Dass Atomkraft mit den schon in Friedenszeiten schweren Unfällen nicht ausreichend wahrgenommen wird, erschreckt sie. Sie kritisiert, dass keine konsequente Abschaltpolitik durchgeführt wird, obwohl Atomkraft bleibende Folgen für Gesundheit und Leben der Menschen mit sich bringe.
Atomkraft schädige – angefangen schon beim Uranbergbau. „Atomkraft ist auch im Normalbetrieb eine Hochrisikotechnologie“, so Dr. Claußen. Sie verweist auf die im Februar 2026 veröffentlichte US-Studie „National analysis of cancer mortality and proximity to nuclear power plants in the United States“. Hier sei ein signifikanter Zusammenhang zwischen Krebstodesfällen und der Wohnnähe zu einem Atomkraftwerk nachgewiesen worden.
Die Ärztin verweist zudem auf den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Es werde auf AKWs geschossen, auf den Sarkophag von Tschernobyl und auf das Atomkraftwerk Kursk. „Es ist wirklich nicht zu fassen, dass der Krieg auch um die Atomkraftwerke herum bis heute nicht eingedämmt werden kann.“
EU schwenkt um und investiert in Kerntechnologien
Angesichts hoher Strompreise schwenkt jetzt auch die EU-Kommission um. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bezeichnete auf dem Kernenergie-Gipfel in Paris die Abkehr von der Atomkraft, damals ausgelöst durch die Katastrophe in Fukushima, als „strategischen Fehler“. Sie verwies dabei auf den enormen Ernergiebedarf von Künstlicher Intelligenz und Robotik. Europa sei jedoch weder ein Öl- noch ein Gasproduzent, habe aber eigene CO2-arme Energiequellen: die Kernenergie und die erneuerbaren Energien.
„Die Kernenergie ist zuverlässig und liefert das ganze Jahr über rund um die Uhr Strom. So kombiniert das effizienteste System Kernenergie und erneuerbare Energien und wird durch Speicherung, Flexibilität und Netze untermauert“, so die EU-Politikerin. Sie kündigte an, dass die EU private Investitionen in innovative Kerntechnologien mit einer Garantie in Höhe von 200 Millionen Euro unterstützen wird. Europa soll ein globales Zentrum der Kernenergie der nächsten Generation werden. „Wir verfügen über eine halbe Million hochqualifizierte Arbeitskräfte im Nuklearbereich – weit mehr als die USA und China. Wir sind führend in der globalen Innovation bei modularen Reaktoren.“