KI stellt das wissenschaftliche Publikationssystem infrage
Studien in Fachjournals sollen Wissen festhalten und der Profilierung der Forschenden dienen. KI stellt beides infrage. Eine Lösung könnte in Südamerika zu finden sein.
Gefälschte Studien auf Knopfdruck
Innerhalb einer Stunde gelang es einem Team der European Molecular Biology Organization* (EMBO) mithilfe künstlicher Intelligenz, eine gefälschte Studie zu erstellen, die nach eigener Einschätzung unbemerkt durch das Peer Review eines Fachjournals gegangen wäre. Das berichtete Dr. Bernd Pulverer, Leiter des wissenschaftlichen Publizierens bei EMBO, bei einem Press Briefing des Science Media Centers zu künstlicher Intelligenz im wissenschaftlichen Publikationswesen.
Die EMBO will sich in einem offenen Brief an die Hersteller der großen KI-Modelle wenden, so Dr. Pulverer. Das Argument: Man solle nicht nur über die Gefahr diskutieren, dass KI etwa dabei helfen kann, Biowaffen zu entwickeln, sondern auch ernst nehmen, dass sie die Kontrollmechanismen des Publikationswesens aushebeln kann.
Welche Aufgaben übernimmt KI im wissenschaftlichen Publikationsprozess?
Die Nutzung von generativer KI im Veröffentlichungsprozess ist vielfältig: Sie kann ein unterstützendes Werkzeug zum Redigieren oder Übersetzen von Formulierungen sein, aber auch als eine Art Co-Forscher fungieren, der komplexe Datenmuster erkennt und sogar Hypothesen generiert. Im Extremfall lassen sich ganze Studien mit KI fälschen oder manipulieren. Das ist nicht zu verwechseln mit synthetischen Real-World-Daten, bei denen KI-Modelle reale Patientenkohorten nachbilden.
Predatory Journals profitieren vom Druck auf Forschende
Einer der Faktoren, die Forschende antreiben, KI in Studien unsauberer zu nutzen, ist das „Publish-or-Perish-Prinzip“ des wissenschaftlichen Publizierens. Das Veröffentlichen in angesehenen Journals diene als Reputationszuweisung, betonte Prof. Dr. Martin Reinhart, Direktor des Robert K. Merton Zentrums für Wissenschaftsforschung der Humboldt-Universität zu Berlin. Bleiben fragwürdige KI-Nutzung oder Fälschungen unentdeckt, wackelt dieses System, das Karrieren daran bemisst, wo und wie viel jemand veröffentlicht. Den Druck auf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler macht sich die Industrie der sogenannten Predatory Journals zunutze. Diese lassen Forschende gegen Gebühr praktisch alles veröffentlichen.
Wenn Peer Review an Grenzen stößt
Auch der klassische Sicherheitsmechanismus gegen Fälschungen, das Peer Review durch Fachkolleginnen und -kollegen, gerät unter Druck. Dr. Ilia Kuznetsov, Gastprofessor für Informatik an der TU Graz, zählte auf, warum sich KI nicht einfach als Ersatz-Gutachter einsetzen lässt: Es fehlt an einer klaren Definition, was ein gutes Peer Review überhaupt ausmacht. Ein System, das beispielsweise für die Informatik entwickelt wurde, funktioniert zudem nicht automatisch auch in der Medizin oder den Materialwissenschaften. Und Sprachmodelle bringen eigene Verzerrungen mit, die sich bei massenhaftem Einsatz auf ganze Forschungsfelder auswirken können, ohne dass das jemand bemerkt.
Wie könnten Alternativen zum Verlagsmarkt aussehen?
Künftig wird sich die Forschung auf gemeinsame Regeln einigen müssen, die für den Umgang mit KI im Veröffentlichungsprozess gelten, waren sich die Experten einig. Inspirationen für neue Publikationslogiken finde man derweil in Lateinamerika, erklärte Prof. Reinhart. Dort gebe es universitätsbasierte Verlage, die über dezentralisierte Schnittstellen und Datenbanken zusammenarbeiten, sodass niemand im System eine Marktmacht erzeugen könne (s. Kasten). Im „globalen Norden“ hingegen werde der Markt von fünf Großverlagen beherrscht.
Südmarika macht vor, wie Open Access geht
In Lateinamerika zahlen weder Forschende noch Lesende: Das „Diamond-Open-Access“-Modell finanziert sich über Universitäten und öffentliche Mittel statt über Artikelgebühren. Getragen wird es von dezentralen, akademisch geführten Plattformen wie SciELO aus Brasilien, Redalyc aus Mexiko und AmeliCA. Wissenschaft wird nach diesem Ansatz als öffentliches Gut verstanden, nicht als Geschäftsmodell. Das zugeschriebene internationale Prestige ist bislang jedoch geringer.
Press Briefing des SMC vom 1.10.2026
Isabel Aulehla
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