KI in der Hausarztpraxis – was heute schon geht
Die Multimorbidität in Deutschland nimmt zu, gleichzeitig verschlimmert sich der Fachkräftemangel. Hausarztpraxen stehen unter Druck. KI-Tools sollen helfen. Welche sind bereits heute verfügbar?
Die demografische Entwicklung lässt Hausärztinnen und Hausärzten keine andere Wahl, als sich zunehmend mit Künstlicher Intelligenz zu befassen. So lautete die Botschaft, mit der die Berliner Hausärztin Dr. Irmgard Landgraf ihren Vortrag beim diesjährigen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin eröffnete. Durch die Alterung der Gesellschaft nehmen Pflegebedürftigkeit, Multimorbidität, Gebrechlichkeit und Demenz zu, gleichzeitig wird der Fachkräftemangel auf allen Versorgungsebenen schlimmer. Dr. Landgraf gab einen Überblick über die KI-Anwendungen, die es jetzt schon gibt, um Praxen zu entlasten.
Dokumentationsassistenz
Seit Anfang vergangenen Jahres existieren KI-gestützte Dokumentationslösungen von verschiedenen PVS-Anbietern. Sie zeichnen das Gespräch im Sprechzimmer oder beim Hausbesuch auf und fassen es anschließend strukturiert im Praxisverwaltungssystem zusammen. Laut Dr. Landgraf ist diese Funktion in folgenden Angeboten enthalten:
CGM one Doku Assistent
Tomedo-Sprechstundenassistent
Medatixx x.Scribe
All-in-one KI-Assistent in Doctolib PVS
Externe Anbieter (Noa Notes von jameda, Voize, März Health Suite)
Was die KI schreibt, müsse aber immer noch einmal überprüft werden, betont die Ärztin. Manchmal würden Inhalte „dokumentiert", die im Gespräch nicht vorkamen. Die ärztliche Letztverantwortung bleibe in jedem Fall bestehen.
Telefon, Termine und Übersetzung
Verschiedene PVS-Anbieter integrieren eine KI-Unterstützung in ihre Telefonlösungen. Die Systeme hören nicht nur zu und reagieren auf Gesprächsinhalte, sondern können selbstständig Termine vermitteln und kleinere organisatorische Aufgaben übernehmen. Auch hier gab Dr. Landgraf einen Überblick über das Angebot (siehe Tabelle). Besonders interessant sei die mehrsprachige Komponente: Es gebe bereits Telefonassistenten, die mit Patientinnen und Patienten in deren Muttersprache kommunizieren. Einige KI-Sprechstundenassistenten könnten Befunde zudem übersetzen, sodass sie ausgedruckt und der Patientin oder dem Patienten mitgegeben werden können.
Telefonassistenten im Überblick
Anbieter | KI-Besonderheiten | Integration |
Doctolib (Aaron.ai) | nutzt KI zur automatischen Terminbuchung direkt im Kalender; erkennt Patientenanliegen | vollständig in die Doctolib-Plattform integriert |
VITAS | ermöglicht „Freie Szenarien“ über individuelle Prompts; natürliche Gesprächsführung, erkennt auch komplexe Sätze | Schnittstellen zu Praxissoftware wie tomedo |
321 MED | Fokus auf strukturierte Datenaufnahme und Vorqualifizierung der Anrufe für die Online-Rezeption | als Modul für bestehende Online-Systeme |
Smao.ai | bietet KI-gestützte Lead-Qualifizierung und Rückruf-Vorbereitung im Kontext | Fokus auf Automatisierung und Ticket-Erstellung |
Quelle: Dr. Irmgard Landgraf; kein Anspruch auf Vollständigkeit
Diagnostik
Für Anamnese und Symptomchecks gibt es Tools wie Idana, das vorab zur Patientenaufnahme genutzt werden kann, oder „Ada“. Auch einige medizinische Wissensplattformen sind inzwischen mit KI ausgestattet – nach Einschätzung von Dr. Landgraf macht das einen spürbaren Unterschied, etwa bei differenzialdiagnostischen Überlegungen.
Besonders eindrückliche Beispiele für diagnostische Unterstützung liefere die Kardiologie: KI könne Arrhythmien zuverlässig erkennen oder anhand von EKGs hypertrophe Kardiomyopathien identifizieren. Es gebe sogar bereits Tools, die anhand des Sprechens einer Person erkennen können, ob sich eine Herzinsuffizienz verschlechtert, noch bevor das erste Symptom auftrete, erzählt die Internistin. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis solche Möglichkeiten auch in der Hausarztpraxis ankommen.
Klinische Entscheidungsfindung
Noch in diesem Jahr sollen Clinical-Decision-Support-Systeme in die großen PVS-Systeme Einzug halten, kündigt die Referentin an. Diese Anwendungen sollen dabei helfen, seltene und komplexe Erkrankungen frühzeitig zu erkennen, Risikofaktoren zu identifizieren und auf Basis umfassender Datenanalysen eine personalisierte Medizin zu ermöglichen. Auch hier gilt: Die KI liefert Diagnosevorschläge, keine Diagnosen. „Wir können uns nicht, wir dürfen uns nicht darauf verlassen.“
Regeln für den KI-Einsatz
Dürfen Hausärztinnen und Hausärzte KI überhaupt einsetzen – und wenn ja, unter welchen Bedingungen? Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hat klargestellt: Patientinnen und Patienten müssen beim KI-Einsatz nicht um Erlaubnis gebeten, sondern lediglich informiert werden. Dies könne etwa über einen Aushang erfolgen. Voraussetzung ist, dass die KI nicht zum Trainieren von KI-Systemen und nicht zu Forschungszwecken genutzt wird.
Risikoerkennung und Recall-System
Bei Risikopatientinnen und -patienten könnten KI-Systeme helfen, bestimmte Scores durchgängig zu erfassen, sodass auf Warnsignale früher reagiert werden kann. Auch beim Monitoring chronisch kranker Personen bietet KI bereits Unterstützung, etwa durch automatisierte Recall-Systeme für Disease-Management-Programme, Impfungen oder Laborkontrollen. Künftig sollen auch personalisierte Therapiepläne erstellt werden können, indem Patientendaten und Leitlinienempfehlungen zusammengeführt werden. Wichtig in diesem Kontext: Manche der Zusatzmodule zur Fernüberwachung müssten über Selektivverträge abgerechnet werden, so die Referentin.
Aufklärung und Delegation
Den letzten Schwerpunkt ihres Vortrags widmete Dr. Landgraf dem Patienten-Empowerment. KI-Avatare können Patientinnen und Patienten über ihre Erkrankungen und Therapieoptionen aufklären, bevor das eigentliche Arztgespräch stattfindet. In Deutschland gibt es bereits erste sogenannte Avatarpraxen, in denen Patientinnen und Patienten zunächst mit einer medizinischen Fachangestellten und einem Avatar interagieren. Nur, was der Avatar nicht leisten kann, wird an die Ärztin oder den Arzt weitergegeben.