Wann Krebsvorsorge bei Menschen mit Migrationsgeschichte gelingt und wann nicht

„Misstrauen ist oft das Ergebnis kumulierter Exklusion“

37. Deutscher Krebskongress
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Die Zugangslogiken im Gesundheitssystem sind für Außenstehende nur schwer zu durchschauen.

Eine Studie schaut auf das Teilnahmeverhalten von Migrantinnen und Migranten an der Krebsvorsorge in Deutschland. Was ist förderlich auf dem Weg zur Früherkennung und was steht im Weg?

Wie Menschen, die in erster Generation aus dem Nahen und Mittleren Osten gekommen sind, die Krebsfrüherkennung in Deutschland wahrnehmen, dazu gibt es bislang wenige Erkenntnisse. Dr. Hanna Lütke Lanfer von der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld hat jetzt die Ergebnisse einer von der Deutschen Krebshilfe geförderten partizipativen Studie KIKK1 vorgestellt. Ihr Forschungsziel: das Verständnis für Einflussfaktoren auf die Teilnahme an Krebsfrüherkennungsuntersuchungen zu verbessern.

Eingeschlossen waren Zugewanderte, die noch in anderen Gesundheitssystemen sozialisiert wurden, insbesondere Menschen aus Ländern wie Syrien, Irak, Iran und Afghanistan. Die zentrale Frage lautete: Welche individuellen, sozialen und strukturellen Faktoren beeinflussen die Teilnahme an Früherkennungsuntersuchungen? Und welche Typen lassen sich bei der Teilnahme beziehungsweise Nicht-Teilnahme unterscheiden?

Methodisch stützt sich die Studie auf 15 Expert:innen-Interviews mit Ärztinnen und Ärzten aus verschiedenen Fachrichtungen, die selbst eine Migrationsgeschichte haben, sowie 18 Interviews mit Migrantinnen und Migranten ohne medizinischen Hintergrund. 

Auch die Angst vor der Diagnose kann bremsen

Die Ergebnisse zeigen ein vielschichtiges Bild. Förderlich auf der individuellen Ebene wirken das Wissen über Versorgungsangebote und Strukturen des Systems sowie eine bereits im Herkunftsland bestehende Sozialisierung mit Prävention. Auch religiöse oder persönliche Werte, die Selbstfürsorge betonen, spielen eine positive Rolle. Hinderlich wirken dagegen Faktoren wie Unklarheit über die bestehenden Angebote, fehlende Präventionssozialisation, Scham – insbesondere bei Frauen im Kontext von gynäkologischen Untersuchungen – sowie die Angst vor Diagnosen beziehungsweise auch eine Präferenz von Nichtwissen.

Auf der sozialen Ebene scheinen die von den migrierten Personen wahrgenommene gesellschaftliche Offenheit in Deutschland und eine geringere Tabuisierung insbesondere bei sexualitätsbezogenen Themen die Teilnahme an Präventionsmaßnahmen zu fördern. Zudem wirke eine zunehmende Autonomie von Frauen positiv, so Dr. Lütke Lanfer, gerade bei Personen aus stärker patriarchal geprägten Kontexten. Und ebenfalls eine wichtige Rolle spielen die informellen Netzwerke einer Person: Sie übernehmen wichtige Informations- und Übersetzungsfunktionen. Wenig förderliche Faktoren sind dagegen soziale Isolation, restriktive Geschlechterrollen, kollektiver Entscheidungsdruck sowie eine fehlende familiäre Unterstützung.

Die interkulturelle Kompetenz hat sich verbessert

Auf der strukturellen Ebene haben die Befragten die Kostenübernahme durch die gesetzliche Krankenversicherung besonders positiv hervorgehoben. „Sehr schön ist, dass die Krebsfrüherkennung umsonst ist“, habe man häufig gehört, berichtet Dr. Lütke Lanfer und schreibt beim Wort „umsonst“ Anführungszeichen in die Luft. Ebenfalls förderlich seien die zunehmende Zahl von Ärztinnen und Ärzten mit Migrationshintergrund und deren interkulturelle Kompetenzen. 

Gleichzeitig sei man jedoch auch auf erhebliche Barrieren gestoßen: fehlende institutionalisierte Sprachmittlung, besonders im ambulanten Bereich, komplexe Zugangslogiken im Gesundheitssystem, die für Außenstehende nur schwer zu durchschauen sind, sowie Unsicherheiten darüber, welche Leistungen von der Kasse übernommen werden. Hinzu kommen Ungleichbehandlungen, etwa bei Asylsuchenden mit eingeschränkten Leistungsansprüchen, sowie Erfahrungen von Diskriminierung, von denen auch häufig berichtet wurde.

Die Studie identifizierte vier Typen der Teilnahme beziehungsweise Nicht-Teilnahme. 

Dr. Lütke Lanfer betont, dass Sprach- und Systemkenntnisse zentrale Voraussetzungen für die Teilnahme an Prävention darstellen. „Eine geteilte Sprache erweist sich als grundlegende Voraussetzung für eine gerechte Teilhabe am Gesundheitssystem.“ Die Bereitstellung von Sprachmittlung sei in Deutschland gesetzlich allerdings leider noch nicht umgesetzt. 

Vertrauen wächst durch nachhaltige Wertschätzung

Eine eigene oder familiäre Krankheitsgeschichte wirke sich unterschiedlich aus: In einigen Fällen führe sie zu einer erhöhten Teilnahme an Krebsfrüherkennung, in anderen zu Rückzug und Misstrauen. Erfahrungen struktureller Exklusion wurden in fast allen Typen berichtet, insbesondere in den ersten Jahren nach der Migration. Vertrauen entstehe durch wiederholte Interaktionen, die von Respekt und Wertschätzung geprägt sind. Misstrauen sei häufig das Ergebnis kumulierter Erfahrungen von Exklusion. Bestehende Barrieren könnten u. a. durch die Förderung interkultureller Kompetenzen sowie die Reflexion ausschließender Mechanismen im Gesundheitswesen reduziert werden. Das Paper zur Studie befindet sich im Peer Review.    

KIKK – Kultursensible Informationen zu Krebsfrüherkennung und -prävention für Menschen mit Migrationshintergrund, Prof. Dr. Doreen Reifegerste, Dr. Hanna Lütke Lanfer, Maryam Eftekhar, Talisa Khan

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