TrumpRx: Bittere Pille für Deutschland?
Rabatte für verschreibungspflichtige Medikamente von bis zu 90 % für Patientinnen und Patienten in den USA: Das verspricht die neue US-amerikanische Online-Plattform „TrumpRx.gov“. Deutsche Pharmaverbände befürchten, dass ihre international tätigen Mitglieder durch die neue Preisreferenzierung stärkere Abhängigkeiten und Preisdruck verspüren werden.
Ein Durchstechfläschchen Insulin – 65 % billiger als der Listenpreis, ein Fertigpen Ozempic®, der zum Selbstkostenpreis ab 199 US-Dollar angeboten wird, obwohl er sonst fast doppelt so viel kostet. Pompös schwebt über allem ein goldener Adler, in seinen Krallen hält er eine Banderole mit dem Schriftzug „TrumpRx“. Das „Rx“ ist die internationale Abkürzung für verschreibungspflichtige Medikamente. Dass es sich um eine Regierungswebsite mit politischem Branding und keinen Alleingang des US-Präsidenten handelt, verrät die Endung „gov“.
„Trump sei Dank!“-Plattform huldigt dem Präsidenten
Auch verbal wird auf der neuen staatlichen Plattform, die im Februar offiziell gestartet ist, nicht gekleckert, sondern geklotzt. „Dank Präsident Trump sind die Zeiten, in denen die großen Pharmaunternehmen überhöhte Preise verlangten, vorbei“, steht dort über einem animierten Globus, der die USA in Gold hervorhebt. „Mit der vollen Kraft und Macht der Vereinigten Staaten von Amerika hat der Präsident dafür gesorgt, dass jeder Amerikaner die niedrigsten Preise für verschreibungspflichtige Medikamente in der entwickelten Welt erhält.“ Möglich macht es die Einführung der sog. Bestpreisregelung (Most-Favored-Nation-Preisgestaltung; MFN). Bei dieser orientieren sich die USA am günstigsten Preis vergleichbarer Industrienationen, z. B. Deutschland. Sie garantiere den US-Bürgerinnen und -Bürgern „enorme Einsparungen“, heißt es. Nachlässe von bis zu 90 % gegenüber den Listenpreisen werden ihnen versprochen.
Um die Plattform nutzen zu können, müssen sich die Patientinnen und Patienten zunächst ein ärztliches Rezept besorgen. Auf der Website können sie dann das gewünschte Medikament über die Suchfunktion auswählen und vor der Bestellung die potenzielle Ersparnis sehen.
Im Zuge des Bestellvorgangs müssen alle Nutzerinnen und Nutzer bestätigen, dass sie keinem staatlichen Versicherungsprogramm angeschlossen sind, wie etwa dem größten bundesstaatlichen Krankenversicherungsprogramm Medicare (für Personen ab 65 Jahren u. a.) oder Medicaid, dem gemeinsamen Bundes- und Landesversicherungsprogramm für Bedürftige, oder der Versicherung für Militärveteranen (Veterans Affairs). Danach kann der Coupon mit dem goldenen Adler und dem Namen des Wunschpräparats heruntergeladen werden.
Am Ende gibt es zwei Auswahlmöglichkeiten: Der Coupon wird entweder zusammen mit dem Rezept in einer teilnehmenden Apotheke vorgelegt und das Produkt dort bar oder mit Karte bezahlt. Oder das Präparat wird direkt über die Website des Pharmaherstellers als postalische Lieferung bestellt.
Dieser neue direkte Weg der Patientinnen und Patienten zum Medikament bremst vor allem eine Berufsgruppe im US-Gesundheitssystem aus: die Pharmacy Benefit Managers (PBMs), die Zwischenhändler zwischen Pharma, Versicherungen und Apotheken. PBMs verhandeln die Rabatte, verdienen an Preisaufschlägen und sind daher mitverantwortlich für die hohen Arzneimittelpreise in den USA.
Rabatte, aber nicht für alle: die neue Online-Plattform
Mit etwa 40 verschreibungspflichtigen Markenmedikamenten ist sie im Februar offiziell gestartet: die neue staatliche Plattform TrumpRx.gov. Auf der Regierungswebsite werden selbst keine Medikamente verkauft, vielmehr dient sie als Vermittler zwischen Patientinnen und Patienten sowie Arzneimittelanbietern.
Die Preise orientieren sich an europäischen Medikamentenpreisen, die deutlich niedriger liegen als in den USA. Dort sind Medikamente im Schnitt fast dreimal so teuer wie in Deutschland und weiteren OECD-Ländern. Auf Markenmedikamente verspricht die Website deshalb hohe Ersparnisse von 50–90 %. Die Plattform richtet sich primär an die rund 27 Millionen unversicherten Amerikanerinnen und Amerikaner. Sie und Selbstzahlende profitieren am meisten von den Direktangeboten. Explizit ausgeschlossen ist hingegen die Mehrheit der US-Bürgerinnen und -Bürger, wie etwa Versicherte von Medicare, der staatlichen Krankenversicherung für Seniorinnen und Senioren. Wer demnach in eines der Versicherungsprogramme eingeschrieben ist, dem bringt das neue System eher nichts. Nutzerinnen und Nutzer können die Kosten für ihre Medikamente zudem nirgendwo zurückfordern oder als Selbstbehalte anrechnen lassen. Für Patientinnen und Patienten mit chronischen Erkrankungen und teurer Dauermedikation oder auch für Fruchtbarkeitsbehandlungen ist das neue System vorteilhaft, da die Kosten für diese Medikamente von den Versicherungen normalerweise nicht übernommen werden.
40 Medikamente, mehr in der Pipeline
Die Plattform listet bislang knapp 40 Original-Präparate (keine Generika), darunter Diabetesmedikamente (z. B. Ozempic®), Abnehmmittel (z. B. Wegovy®), Arzneien für mehr Fruchtbarkeit sowie Hormonpräparate, die oft nicht über die Versicherungen abgedeckt sind. Laut Trump-Administration sollen kontinuierlich weitere Produkte hinzukommen. Im Gegenzug zu ihren Rabatten erhalten die teilnehmenden Unternehmen eine Zollbefreiung über drei Jahre auf Arzneimittelimporte, zusätzlich wurden Investitionen in Milliardenhöhe in den USA zugesagt (z. B. Pfizer 70 Mrd. USD).
Der Plattform angeschlossen haben sich inzwischen 23 große Pharmahersteller wie Eli Lilly, Sanofi, Novo Nordisk, AstraZeneca und Pfizer, die dort auch Diabetesmedikamente wie Insulin zu deutlich reduzierten Preisen anbieten. Zurück zum Beispiel Semaglutid: Ähnlich wie in Deutschland ist der Bezug von Ozempic® bei Typ-2-Diabetes von den meisten US-Versicherungen abgedeckt, nicht aber die „Off-Label“-Nutzung zur Gewichtsabnahme. Eine Kostenübernahme für das höher dosierte Abnehmmittel Wegovy® (ob Pille oder Pen), das für Erwachsene mit Adipositas zugelassen ist, erfolgt in der Regel ebenfalls nicht.
Hersteller Novo Nordisk sieht die Online-Plattform deshalb als „weitere Option“, den Zugang zu seinen, auch neu zugelassenen Arzneimitteln, wie der Abnehmpille, zu erleichtern. Im März 2025 hatte das Unternehmen bereits für Patientinnen und Patienten ohne Versicherungsschutz einen Direktvertriebskanal auf Basis von „Selbstzahlerpreisen“ gestartet – eine Versandapotheke mit Sitz in Orlando, Florida. Ab Mitte 2026 soll seitens der US-Regierung zudem ein Pilotprogramm („Balance Model“) starten, das GLP1-Medikamente für Adipositas teilweise abdeckt.
Für viele Menschen mit Diabetes in den USA sei die neue Plattform „mehr als ein Marketing‑Gag“, meint der Präsident der International Diabetes Federation (IDF) Prof. Dr. Peter Schwarz: Dadurch würden die Kosten für GLP1‑Analoga und Insulin „real und spürbar“ gesenkt sowie erstmals vor allem „evidenzbasierte Therapien und moderne Insuline für Personen mit fehlender Versicherung breiter zugänglich“. Allerdings verschiebe die MFN‑Strategie die bisherige Logik: Dadurch verfüge Europa nicht mehr automatisch über die niedrigeren Preise, sondern die USA koppelten sich jetzt an internationale Referenzniveaus.
Für den deutschen Medikamentenmarkt erwartet Prof. Schwarz kurzfristig zwar „keine dramatischen Einschnitte, mittelfristig aber einen stärkeren Preisdruck und strategische Reaktionen der Industrie bei Markteinführung und Preisgestaltung“. Entscheidend sei, „ob sich international faire und transparente Modelle entwickeln – oder ob der Zugang in anderen Ländern verzögert beziehungsweise verteuert wird, um US‑Rabatte zu kompensieren“.
Die Neuerungen in der amerikanischen Preispolitik erfolgten „in hoher Schlagzahl“, äußert sich Dorothee Brakmann, Hauptgeschäftsführerin von Pharma Deutschland. Trump betreibe „eine recht brachiale Politik“, um Industrie, insbesondere Pharmaindustrie, in den USA zu halten bzw. anzusiedeln. Die neue Plattform sei deshalb „nur ein Baustein in einer umfassenden Strategie der amerikanischen Regierung, die Arzneimittelpreise in den USA zu senken“, betont sie. Daneben ziele Trump darauf ab, andere Staaten in die Pflicht zu nehmen. „‚Beteilige dich an Forschung und Entwicklung‘, könnte man seine Botschaft an Deutschland übersetzen“, sagt Brakmann. Für die Bundesrepublik biete sich nun die Option, zum „Life-Science-Standort“ zu werden – insbesondere wegen des Risikos weiterer Versorgungsengpässe hierzulande und in Europa, etwa bei Antibiotika, Schmerzmitteln oder Krebsmedikamenten, wenn die US-Politik „gezielt Produktion zurückverlagert und eine bevorzugte Belieferung des amerikanischen Marktes durchsetzt“.
Schon heute ist das Problem offensichtlich: 19 Arzneimittel, die einen echten therapeutischen Durchbruch bei schweren Erkrankungen bedeuten, wie neue Immuntherapien gegen Krebs, sind nach Angaben des vfa in den USA verfügbar, nicht aber in Deutschland. Seit 2015 wurden über 100 Substanzen in Europa nicht mehr zugelassen. MFN verschärft diese Entwicklung weiter.
„Weckruf für Europa“ geht an deutsche Politik
Der vfa sieht darin einen „Weckruf für Europa“. Da die USA mit Abstand der wichtigste Markt für die Pharmaunternehmen seien, entfalte die Preisreferenzierung starken Druck auf europäische und internationale Märkte, „die Preise zu erhöhen oder Produkte vom Markt zu nehmen, wenn kein höherer Preis erzielt werden kann“, befürchtet der Verband. Daneben belasteten auch „immer wieder Zölle die internationale Arbeitsteilung“. Sowohl vfa als auch Pharma Deutschland fordern nun schnelles Handeln von der deutschen Regierung, nämlich eine abgestimmte und ressortübergreifende Politik für attraktive Rahmenbedingungen.