Chronisch Kranke: Vom Patienten zum Mitgestalter
Die Arbeit in der ambulanten Medizin wird angesichts steigender Lebenserwartung der Menschen zunehmend durch die Behandlung von chronischen Erkrankungen determiniert. Damit einhergehend kommt es im Rahmen der Krankheitsbewältigung u. a. sehr häufig zu einer intensiveren Konsultationsfrequenz. Die bereits bekannten statistischen Erhebungen mit etwa 18 Konsultationen pro Patient und Jahr in Deutschland belegen diese Tendenz eindrucksvoll. Dies sind eindeutige Entwicklungen, die Neuorientierungen immer drängender und die stärkere Einbindung der Patienten erforderlich machen, meint der Allgemeinarzt Dr. Frank Weser. Welchen Einfluss persönliche Ressourcen von Patienten bei der erfolgreichen Bewältigung chronischer Erkrankungen haben können, schildert er an einem Fallbeispiel aus seiner Praxis.
Chronische Erkrankungen wie Diabetes mellitus oder Arthrose gehen meist mit einer hohen Konsultationsfrequenz und Nutzung von Versorgungsleistungen einher. Es gibt jedoch auch Beispiele, deren Analyse vielleicht dazu beitragen kann, zukünftig besser den Bewältigungserfordernissen gerecht zu werden.
Ausgangspunkt der vorliegenden Analyse ist der Fall eines 59-jährigen Patienten, der trotz ausgeprägter Komplikationen eines seit 1990 bestehenden Diabetes mellitus deutlich seltener als der Durchschnitt sowohl die diabetologische als auch allgemeinmedizinische Praxis konsultiert. Dabei besteht eine ausgeprägte Retinopathie, ein diabetisches Fußsyndrom mit späterer Amputation des linken Unterschenkels sowie eine gestörte Feinmotorik der rechten Hand. Er nutzte bislang lediglich eine Diabetes-Schulung und organisiert die Versorgung aller diabetesbezogenen Tätigkeiten selbst. Grundsätzlich fühlt er sich durch den Diabetes nicht wesentlich eingeschränkt. Seit 2007 ist er dauerhaft erwerbsunfähig.
Blick auf die Ressourcen des Patienten
An diesem Fallbeispiel soll deutlich gemacht werden, wie wichtig es ist, den oft isolierten Blick auf das somatische Geschehen auf die sozialen, psychischen und persönlichen Ressourcen im Sinne der Gesundheitssicherung zu erweitern. Dies erscheint nicht neu, setzt aber ein anderes Rollenverständnis über den Patienten als „Nutzer“ gesundheitsbezogener Leistungen voraus.
Entgegen den in der Literatur beschriebenen Erkenntnissen erlebte der Patient mit der Diagnosestellung keine biographische Zäsur. Vielleicht war die bereits bestehende Diabeteserkrankung des Vaters ein vorgelebtes Beispiel dafür, wie innerhalb der Familie und auch des sozialen Umfelds Krankheit integriert werden konnte. Auf der Ebene des Alltagserlebens ergab sich zunächst keine weitreichende Veränderung, die körperliche Tätigkeit konnte er wieder aufnehmen, gravierende Ereignisse wie Wohnungswechsel waren nicht nötig. Die Ambiguität der Erkrankung ließ sich für ihn im Alltagserleben einerseits durch Mitgestaltung der Ehefrau und andererseits durch Alltagsroutinen auflösen. Die Tatsache, dass der Patient als Quelle der Kraft seine Kinder sieht, lässt den Schluss zu, dass ihm an diesem Punkt über die Familie besonders viel Unterstützung zuteilwurde. Eine Überlastung des Hilfenetzes wie es in ähnlich gelagerten Fällen oft beschrieben wurde, konnte ebenso wenig beobachtet werden wie eine Überschreitung von persönlichen Grenzen unterstützender Angehöriger. Es ist überraschend, dass auf der körperlichen Ebene die ebenfalls oft erkennbare Unsicherheit im Zusammenhang mit der Bewältigung von chronischen Erkrankungen nicht beobachtet werden konnte. Damit blieben bekannte Folgen wie Depression, Angst oder Ohnmacht ebenfalls aus. Die bei der Exploration ersichtliche Kontrolle der Krankheit durch den Patienten unterstreicht die Bedeutung fortbestehender Handlungsfähigkeit. Dies erweist sich auch im weiteren Verlauf seines Lebens resistenzbildend und lässt ihn auch nach der Unterschenkelamputation die typische Phasenhaftigkeit von chronischen Erkrankungen trotz Veränderungen des Versorgungsbedarfs erneut gut bestehen.
Auf die Rolle des Versorgungswesens angesprochen, gibt er an, in jeder Krankheitsphase immer gut versorgt worden zu sein. Offensichtlich bestanden in seinem Fall somit keine Einschränkungen des Handlungsspielraumes als Nutzer. Ganz im Gegenteil, die positiven Erfahrungen mit allen Akteuren im Gesundheitswesen haben offenbar eine enorme Vertrauensbildung erreichen können, die bis zum jetzigen Zeitpunkt anhält!
Aktive Krankheitskontrolle stärken
Inwieweit kann ein derartig positiver Fall den eigenen Praxisablauf im Umgang mit chronisch Erkrankten optimieren helfen und den Behandlungserfolg verbessern? Grundsätzlich gilt es, bei chronischen Erkrankungen den besonderen Verlauf mit stabilen, instabilen und auch krisenhaften Abschnitten in die therapeutischen Planungen einzubeziehen. Bereits an diesem Punkt stellt sich die Frage, ob ein Schulungsprogramm zu theoretischen Inhalten bei chronischen Erkrankungen sowohl für Patient als auch Therapeut diesem Erfordernis besser Rechnung tragen kann. Vor allem kommt dabei der Erhebung der oben erwähnten sozialen und biographischen Ressourcen wie Schulabschluss, Lebensgemeinschaft oder familienanamnestisch ähnliche Vorerkrankungen plötzlich ein stärkender Einfluss in der individuellen Krankheitsbewältigung zu, den es herauszustellen gilt. Hierbei kann der Patient durch eigene Krankheitskontrolle zur aktiven Überwindung seiner Leidenssituation beitragen.
Spätestens an dieser Stelle soll auf die Gesundheitsförderung innerhalb der gesundheitlichen Versorgung und sozialen Sicherung Bezug genommen werden. Gesundheitsförderung ist nicht auf Risiken oder Risikofaktoren ausgerichtet, sondern vielmehr an der Faktorenanalyse von Gesundheit und Wohlbefinden orientiert. Über diesen Weg gewinnt der Patient seine eigene gestalterische Rolle zurück, kann sein gewachsenes Vertrauen in die Versorgungsstrukturen einbringen und das Nutzungsverhalten zielgerichtet den jeweiligen Bedürfnissen anpassen. Schwerpunkte in der Betreuung von Menschen mit chronischen Erkrankungen sind daher eine gute Beratung bzw. Schulung zum jeweiligen Thema sowie die Betonung spezifischer Ressourcen im Sinne einer Stärkung der Krankheitskontrolle durch den Betroffenen. Damit wandelt er sich vom Patienten zum Nutzer gesundheitlicher Leistungsangebote, vom weitgehend hilflosen zum mitgestaltenden Akteur der eigenen Problemsituation: Im beschriebenen Fall wird sowohl der Hausarzt als auch der Diabetologe nur einmal im Quartal konsultiert.
Abschließend sei an dieser Stelle die Frage nach der individuellen Kraftquelle gestattet. Die Antwort darauf kann einerseits überraschen, andererseits sehr verschieden sein. Es wirkt wie eine Trumpfkarte und erklärt vielleicht auch die Motivation des Einzelnen, sein Schicksal bestehen zu wollen. Oft sind es Kinder oder Enkelkinder, so auch hier, aber natürlich weitere Dinge, die so verschieden sein können wie Menschen eben sind. Wenn alles eingebracht werden konnte, resultiert vielleicht durch bessere Information auf allen Seiten ein Fortschritt in der Begleitung von immer mehr Erkrankten.
Autor:
33332 Gütersloh
Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2014; 36 (20) Seite 41-42
Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf doctors.today publiziert.