Ethische Geldanlage

Nachhaltig investieren? Ärzteversorgungswerke im Rendite-Dilemma

Bericht
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Ärzteverbände fordern ethische Geldanlage statt Investitionen in Kohle, Öl und Rüstung.

Versorgungswerke sollten mit ihren Anlagen nicht den Klimawandel befeuern, fordern verschiedene Ärzteverbände. Doch Kohle, Öl und Rüstung wirken kurzfristig renditestärker als nachhaltige Investitionen. Wie können die Pensionskassen mit diesem Dilemma umgehen?

Wenn ausgerechnet ärztliche Versorgungswerke durch Finanzanlagen dazu beitragen, dass sich die Krankheitslast der Bevölkerung langfristig erhöht, ist das widersinnig. Die Investitionen der Versorgungswerke sollten daher dem Grundsatz der ärztlichen Ethik folgen, fordert die Deutsche Allianz für Klimawandel und Gesundheit (KLUG): Sie sollten keinen Schaden anrichten. Wie dies gelingen kann, war Thema einer digitalen Diskussion des von KLUG gegründeten „Centre for Planetary Health Policy“.

An den Finanzmärkten bringen Investitionen in Kohle, Öl und Gas derzeit wesentlich mehr Rendite als nachhaltige Anlagen, und zwar bei scheinbar geringerem Risiko, erklärte Prof. Dr. ­Joscha ­Wullweber von der Fakultät für Wirtschaft und Gesellschaft der Universität Witten/Herdecke. Denn die Kosten für Umwelt und Gesundheit tauchen in den Risiko-Rendite-Profilen nicht auf, so der Experte.

 

Ein Kipppunkt wird kommen, nur wann ist unklar

Langfristig allerdings dreht sich das Bild. „Je stärker Klimarisiken zunehmen, desto stärker werden auch Risikoaufschläge auf fossile Produkte anfallen“, prognostiziert Prof. Wullweber. Extremwetter verteuert Versicherungen, Überschwemmungen zerstören Infrastruktur, politische Vorgaben entwerten Kohlekraftwerke. Dass ein Kipppunkt kommt, ab dem fossile Investitionen massiv an Wert verlieren, sei für alle, die sich professionell mit Geldanlagen befassen, gewiss. Nur den exakten Moment könne niemand vorhersehen.

Wie gehen die berufsständischen Pensionskassen mit dieser Herausforderung um? Zu den größten Versorgungswerken gehört mit einem Anlagevermögen von 18,5 Milliarden Euro die Nordrheinische Ärzteversorgung. Bernd Franken, seit 2014 Geschäftsführer für Kapitalanlagen, verwaltet das Geld mit 45 Mitarbeitern und mithilfe externer Berater. Er muss jedes Jahr mindestens 2,5 % bis 3,5 % Gewinn erwirtschaften – den Rechnungszins, mit dem die späteren Renten kalkuliert werden.

Wie das Geld angelegt werden darf, regelt unter anderem die Anlageverordnung, erläuterte er. Diese Regelung über die Anlage des Sicherungsvermögens von Pensionskassen, Sterbekassen und kleinen Versicherungsunternehmen schreibt vor, dass das Vermögen breit gestreut werden muss. So etwa in sichere Staatsanleihen, in Immobilien, in schwankungsanfälligere Bereiche wie Aktien oder Infrastrukturprojekte. Letztere durften lange nur maximal 35 % des Gesamtvermögens ausmachen. 2024 lockerte die Bundesregierung diese sogenannte Risikoquote auf 40 % und erlaubte zusätzlich 5 % speziell für Infrastruktur, etwa Windparks oder Solaranlagen. Für die Nordrheinische Ärzteversorgung sei dies allerdings keine große Umstellung gewesen, betonte Franken. Man habe die Quote bereits damals erfüllt und investiere heute 8–9 % in Infrastruktur, das Ziel seien 12 %.

In Sachen Nachhaltigkeit hat sich das Versorgungswerk selbst Grenzen gesetzt: Investitionen in fossile Energie und Kernenergie sind ausgeschlossen. Allerdings hätten ältere Fonds diese Ausschlüsse noch nicht, räumte Franken ein. Denn Infrastrukturprojekte werden über spezialisierte Fonds finanziert, die eine Laufzeit von 12 bis 15 Jahren haben. Einmal investiert, bleibt das Geld gebunden. Gesellschaftliche Bewertungen ändern sich hingegen schneller. „Ein Pipeline-Netz war 2012 etwas Positives. Dann kam eine Phase, in der Pipelines als fossil galten und negativ waren. Jetzt sind sie wieder positiver, weil Gaspipelines teilweise für Wasserstofftransport umgerüstet werden.“

Um ein gewisses Maß an Nachhaltigkeit einhalten zu können, erhalten die externen Manager, die in den verschiedenen Assetklassen vom Versorgungswerk mandatiert werden, drei Ebenen an Vorgaben, führte Franken aus: Erstens müssten sie die Richtlinien des „UN Global Compact“ als für sich verbindlich erklären (globalcompact.de). Zweitens müssten sie die genannten Ausschlusskriterien für Waffen einhalten und drittens sollten sie in Bezug auf die 17 Nachhaltigkeitsziele der UN (SDG-Ziele) einen möglichst hohen Wert erzielen (17ziele.de).

Aktuell fließen klimafreundliche Investitionen des Versorgungswerks in Windparks, Solaranlagen, Batteriespeicher und Wasserstofftechnologie. Auch die über 40 eigenen Immobilien sollen klimaneutral werden – ein Vorhaben, das in den nächsten 15 Jahren rund 50 Millionen Euro kostet. „Diese 50 Millionen haben wir nicht in der Rendite“, so Franken. „Aber wir wollen keine wertlosen Gebäude, die man nicht mehr verkaufen kann.“

Nicht aus Versehen zum Stromhändler werden

Beim Umrüsten der Immobilien zeigt sich allerdings, wie Bürokratie Umgestaltungen erschweren kann: Das Versorgungswerk plant Solaranlagen auf den Dächern, Dämmung und klimafreundliche Heizungen. Doch sobald der auf dem Dach erzeugte Solarstrom an die Mieterinnen und Mieter weitergegeben werden soll, gilt die Ärzteversorgung als gewerblicher Stromhändler – mit allen steuerlichen und regulatorischen Konsequenzen. Wallboxen für Elektroautos müssen von einem externen Dienstleister betrieben werden, sonst droht dieselbe Einstufung. Das „Solarpaket I“ der Bundesregierung vom Mai 2024 hat zwar einige dieser Hürden abgebaut – aber nur für Immobilienfonds, nicht für Direktinvestoren wie die Nordrheinische Ärzteversorgung. „Wir würden es wirklich gerne machen“, sagte Franken. „Aber wir dürfen die Wallboxen nicht betreiben.“

Wenn es um ethische Geldanlagen geht, stellt sich auch die Frage, ob berufsständische Versorgungswerke in Tabak oder Rüstung investieren. Letzteres beantwortete Franken mit einem „Ja, aber“: „Die Bundeswehr ist Teil unserer Verfassung und Deutschland ist Mitglied der Nato. Von daher halten wir Investitionen in den Bereich Rüstung für legitim und notwendig, und das nicht erst seit aus den USA ein anderer Wind weht.“ Allerdings greifen Ausschlusskriterien für geächtete Waffen oder Waffenkomponenten gemäß der UN-Konvention vom 10.10.1980 und für Streumunition gemäß dem völkerrechtlichen Vertrag von 2008.

5-Punkte-Agenda von KLUG und ärztlichen Verbänden

Die Deutsche Allianz für Klimawandel und Gesundheit richtet fünf Forderungen an berufsständische Versorgungswerke. Sie wurden von 16 ärztlichen und psychotherapeutischen Berufsverbänden unterzeichnet. Sie lauten: Die Versorgungswerke ...

  • vermeiden gesundheitliche, ökologische oder ökonomische Schäden durch ihre Kapitalanlagen, jetzt und für zukünftige Generationen.

  • haben eine Strategie für an langfristigen Zielen ausgerichtete, krisenresiliente Kapitalanlagen. Das schließt die Berücksichtigung wirtschaftlicher Risiken ein, die aus der Überschreitung planetarer Grenzen resultieren.

  • operieren innerhalb planetarer Belastungsgrenzen. Zur Sicherstellung einer so ausgerichteten Anlagestrategie werden geeignete Instrumente eingesetzt und überprüfbare Transformationspfade festgelegt.

  • definieren Prinzipien für Kapitalanlagen innerhalb planetarer Belastungsgrenzen und informieren ihre Mitglieder und die Öffentlichkeit über geplante und erreichte Zwischenziele bei der Anpassung der Kapitalanlagestrategien.

  • fördern mit ihren Kapitalanlagen die Transformation zu einer Wirtschaftsweise innerhalb planetarer Belastungsgrenzen.

Tabak ist zwar kein Ausschlusskriterium, Franken hält es aber für unwahrscheinlich, dass das Versorgungswerk darin investiert. „Aktien- und Anleihemanager investieren von sich aus eher nicht in Tabakunternehmen, da diese immer kontrovers diskutiert werden. In direkten Mandaten sehen wir keine solchen Titel, auch weil es einigen SDG-Zielen widerspricht.“ Im Bereich Private Equity und Private Debt investiere man aber als Limited Partner ohne direkten Auswahleinfluss in mehrere Tausend Unternehmensbeteiligungen bzw. -kredite. „Wir können nicht ausschließen, dass sich hierin entsprechende Unternehmen befinden.“ Eine weitere Möglichkeit seien Sekundäreffekte. „Wir investieren in Staatsanleihen. Es gibt einige Staaten, die Tabakerzeugnisse produzieren. Somit ergäbe sich eine indirekte Beteiligung.“

Investoren können Druck auf Unternehmen aufbauen

Neben Ausschlusskriterien gibt es noch einen zweiten Hebel, den Investoren nutzen können, um Unternehmen zu mehr Nachhaltigkeit zu bewegen: Engagement – also den direkten Dialog zu suchen, statt einfach nicht in Finanzprodukte zu investieren oder aus ihnen auszusteigen. Doch ob das etwas bringt, hänge von der Art der Ausübung ab, differenzierte Silke Stremlau. Sie ist Geschäftsführerin des Think Tanks „Finance for Transition“ und Mitglied im Aufsichtsrat der NORD/LB. Außerdem war sie in der letzten Legislaturperiode Vorsitzende des Sustainable-Finance-Beirates der Bundesregierung.

Das öffentliche Auftreten auf Hauptversammlungen hält sie für kein sehr vielversprechendes Mittel, um Druck aufzubauen. Effektiver sei der diskrete Dialog hinter verschlossenen Türen – allerdings nur, wenn Investoren sich zusammentun. Ein einzelnes Versorgungswerk habe dafür schlicht zu wenig Gewicht. Sie plädiert für eine gemeinsame Engagement-Plattform, der sich auch kleinere Versorgungswerke anschließen können. In Deutschland mache das beispielsweise der „Arbeitskreis kirchlicher Investoren“ bereits erfolgreich – in den Niederlanden und Großbritannien sei das Modell deutlich weiter verbreitet.

Auch Franken von der Nordrheinischen Ärzteversorgung hat einen Wunsch an die Politik: mehr Instrumente, mittels derer der Bund das erste Verlustrisiko bei privaten Investitionen in riskantere, aber klimarelevante Technologien übernimmt. Ob Wasserstofftechnologie oder andere Zukunftsfelder, die noch nicht profitabel genug sind: Eine solche Konstruktion könnte genau jene Investitionen anschieben, die der Markt allein nicht stemmt. Franken nannte es eine „verdeckte Subvention“ – aber eine, die er für sinnvoll halte.

Global gesehen bestehe bei nachhaltigen Investitionen insgesamt eine große Finanzierungslücke, erklärte Prof. Wullweber. „Wir liegen etwa bei 6 bis 7 Billionen US-Dollar pro Jahr, die wir weltweit zusätzlich investieren müssten, damit wir zumindest unter einer Erderwärmung von 2 ° C bleiben. Für Deutschland beträgt die Lücke ca. 100 bis 200 Milliarden pro Jahr, also eine gigantische Summe.“

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