Arzneikosten bei Herzinsuffizienz und Asthma legen zu
Üblicherweise stehen bei Klagen über steigende Arzneimittelausgaben Therapien gegen Krebs und seltene Erkrankungen im Fokus. Die Barmer stellt aber auch bei Volkskrankheiten eine hohe Dynamik fest.
Etwa zwei Mio. Menschen in Deutschland leiden unter Herzinsuffizienz und circa vier Mio. Betroffene unter Asthma bronchiale. Bei deren Therapie hat sich in den Jahren 2014 bis 2024 viel getan. Allerdings sind die Kosten dafür auffällig gestiegen, berichten der Barmer-Chef Prof. Dr. Christoph Straub und Prof. Dr. Daniel Grandt, Autor des Barmer-Arzneimittelreports 2026.
Der Report nutzt die Daten von Barmer-Versicherten ohne Tumorerkrankung mit Herzinsuffizienz ab 50 Jahren bzw. mit Asthma bronchiale ab 18 Jahren. Demnach stiegen die Arzneimittel-Nettokosten pro behandeltem Versicherten mit Herzinsuffizienz von 1.176 Euro (2014) um 94 % auf 2.283 Euro (2024). Die Anzahl der Erkrankten nahm in dieser Zeit um 14 % zu, was Prof. Grandt auch auf geänderte Kriterien für die Diagnosestellung und Fortschritte der Diagnostik zurückführt. Beide Effekte zusammen ergaben ein Ausgabenplus von 121 %.
Arzneimittelreport 2026 der Barmer Herzinsuffizienz
Einnahmen je GKV-Mitglied können mit den Ausgaben nicht mithalten
Bei Asthma bronchiale sieht es ähnlich aus. Der Anstieg der Arzneimittel-Nettokosten pro Patient von 770 Euro 2014 auf 1.351 Euro 2024 sowie 3 % mehr Erkrankte ließen die Gesamtausgaben um 80 % klettern, also um durchschnittlich 8 % pro Jahr. Zum Vergleich: Die gemittelte Veränderungsrate der beitragspflichtigen Einnahmen je GKV-Mitglied, die bei einer einnahmenorientierten Ausgabenpolitik den Maßstab für die möglichen Mehrausgaben bildet, betrug 2014 bis 2024 laut BMG 3,1 % pro Jahr.
Kostentreiber sind laut Prof. Grandt die patentgeschützten Präparate. Ihr Anteil an den jeweiligen Medikationsausgaben betrug bei Herzinsuffizienz 64,3 % sowie 58 % bei Asthma bronchiale. Während die Nettokosten für Generika um 22 % bzw. 38 % zulegten, waren es bei den patentgeschützten Produkten 183 % bzw. 106 %.
Arzneimittelreport 2026 der Barmer Asthma bronchiale
Neue Therapien brachten nachweislich Verbesserungen
Den höheren Kosten steht allerdings auch ein besseres therapeutisches Ergebnis gegenüber. Für mehrere neue Medikamente und weiterentwickelte Therapiealgorithmen konnte bei Herzinsuffizienz eine Verringerung der Sterblichkeit nachgewiesen werden, betont Prof. Grandt. Auch bei Asthma bronchiale sei der therapeutische Fortschritt deutlich.
Dennoch sieht man bei der Barmer gesetzgeberischen Handlungsbedarf. Das Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG) sei weiterzuentwickeln, um bereits mit der Zulassung zu fairen Erstattungspreisen zu kommen, die „den therapeutischen Gewinn und den Budget Impact“ (finanzielle Auswirkung) berücksichtigen. Die Kopplung des Erstattungspreises an „belastbare Evidenz für patientenrelevanten Zusatznutzen“ müsse verbessert werden. Die Wirtschaftsförderung für pharmazeutische Unternehmen sei aus dem Staatshaushalt und nicht mit Beitragsgeldern zu finanzieren.
Prof. Straub forderte bei einer Pressekonferenz auch eine wirksame Umsetzung der nationalen Präventionsstrategie, die Risikofaktoren für vermeidbare Erkrankungen systematisch reduziert. Von Ländern wie Dänemark oder Finnland könne man lernen. Nur die Hälfte der erreichten Verringerung von kardiovaskulärer Mortalität sei auf Arzneimitteltherapie und die andere Hälfte auf Verringerung von Risikofaktoren zurückzuführen.
Pharmaindustrie wünscht sich Rücknahme der Sparbeschlüsse
Der Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa) reagierte umgehend auf die Vorstellung des Arzneimittelreports. „Arzneimittel können Krankheiten und ihre Folgen verhindern, Krankenhausaufenthalte vermeiden und Pflegebedürftigkeit hinauszögern. Damit verbessern sie die Versorgung und können erhebliche Folgekosten reduzieren“, äußerte sich vfa-Präsident Han Steutel. Bei vielen häufigen chronischen Erkrankungen sei die Zahl der Betroffenen gestiegen, insbesondere bei Adipositas – von rund 10 auf 16,7 Millionen zwischen 2015 und 2023.
Bezüglich der Modernisierung des AMNOG schlägt der vfa vor, den Erstattungsbetrag am nachgewiesenen Zusatznutzen und am therapeutischen Wert einer Innovation zu orientieren und die „zusätzlichen pauschalen Abschläge, nicht nutzenorientierten Rabattverträge und restriktiveren Preis-Mengen-Regelungen“, die mit dem Beitragssatzstabilisierungsgesetz eingeführt wurden, zu streichen. Auch müssten die internationalen Auswirkungen in der Preisbildung und Erstattung berücksichtigt werden (Thema Referenzpreissystem, wie von den USA angekündigt). Die Option, „vertrauliche“ Erstattungsbeträge zu vereinbaren, benötige eine praxistauglichere Ausgestaltung.
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