Hausarztpraxis der Zukunft

Delegation entlastet und kommt gut an

Medical-Tribune-Bericht
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Hausarzt Dr. Nicolas Kahl und Nicki Maurer, VERAH und PCM im Studium, am Praxisauto.

Allgemeinarzt Dr. Nicolas Kahl hat Spaß am Delegieren. Deshalb war es für ihn naheliegend, am bayerischen Pilotprojekt HÄPPI teilzunehmen. Sein Praxisteam erweiterte er um eine ­Primary-Care-Managerin, die Patientinnen und Patienten eigenständig unter ärztlicher Supervision betreut.

Delegieren, vernetzen und die Nutzung digitaler Tools sind für Hausarzt Dr. ­Nicolas Kahl in Nürnberg-Fischbach Grundpfeiler, um eine Praxis zukunftsfest zu machen. „Nur wenn Praxisinhaberinnen und -inhaber den Mut aufbringen, vermehrt Verantwortlichkeiten an ihre Mitarbeitenden zu übertragen, können sie die finanziellen und gesellschaftlichen Herausforderungen meistern“, ist der 38-Jährige überzeugt.

Er begann schon vor Jahren damit, die Praxisabläufe durch mehr Delegation zu gestalten. Folglich rannte der Bayerische Hausärztinnen- und Hausärzteverband (BHÄV) mit dem im Juli 2025 gestarteten Modellprojekt für ein „Hausärztliches Primärversorgungszentrum – Patientenversorgung interprofessionell“ (HÄPPI) bei Dr. Kahl offene Türen ein. „Als hausärztliche Teampraxis kam uns die Möglichkeit zur Teilnahme an HÄPPI sehr gelegen, um unsere Arbeitsprozesse konsequent optimieren sowie Grenzen und Chancen der Delegation weiter ausloten zu können.“

An dem HÄPPI-Projekt des BHÄV nehmen neun Praxen teil. Bayerns Gesundheitsministerin ­Judith ­Gerlach (CSU) erklärte anlässlich des Abschlusses der sechsmonatigen Pilotphase: „HÄPPI ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie moderne hausärztliche Versorgung heute gedacht werden kann: als starke Teampraxis mit intelligenten digitalen Lösungen.“

Land fördert Modellprojekt

Das bayerische Gesundheitsministerium fördert das Modellprojekt HÄPPI mit über 650.000 Euro. Neun Praxen nahmen bis zum 31.12.25 daran teil. Das Institut für Allgemeinmedizin der Universität Augsburg begleitet das Projekt wissenschaftlich. Die Erfahrungen der HÄPPI-Praxen werden in einem Workbook zusammengefasst, das als Leitfaden zum Nachahmen dient.

Das Versorgungskonzept wurde vom Bundesverband der Hausärztinnen und -ärzte in Kooperation mit der Universität Heidelberg entwickelt. Es sieht vor, Praxen in interprofessionelle Teams zu verwandeln. Besonders qualifizierte nichtärztliche Fachkräfte übernehmen unter ärztlicher Supervision eigenverantwortlich Aufgaben wie die Infektsprechstunde, das Praxismanagement oder die Betreuung DMP-Teilnehmender. Das soll die Patientenversorgung stärken sowie Ärztinnen und Ärzte spürbar entlasten.

Erst VERAH-Qualifikation, dann Bachelor-Studium

„Ohne engagierte und qualifizierte Mitarbeitende, die Lust darauf haben, mehr Verantwortung zu übernehmen, funktioniert HÄPPI allerdings nicht“, sagt Dr. Kahl. Auch müsse es einer Praxisinhaberin bzw. einem Praxisinhaber liegen, delegativ zu arbeiten. Für ihn sei von Vorteil gewesen, dass er bereits seit Gründung seiner Praxis im Jahr 2021 mit Studierenden sowie Ärztinnen und Ärzten in Weiterbildung zusammenarbeitet und so gelernt habe, Unsicherheiten auszuhalten, wenn er etwas nicht selbst macht.

Dr. Kahl musste auch nicht lange überlegen, wem er in seiner Praxis mehr Verantwortung übertragen wollte. Seine Wahl fiel auf Nicki Maurer, die seit 2022 für ihn als MFA mit den Zusatzqualifikationen Versorgungsassistentin (VERAH) sowie Nichtärztliche Praxisassistentin arbeitet und vor knapp zweieinhalb Jahren mit einer berufsbegleitenden Bachelor-Ausbildung zur Primary-Care-Managerin (PCM) angefangen hat, was sie zusätzlich für arztentlastende Aufgaben qualifiziert. Voraussichtlich Ende Februar schließt die 37-jährige zweifache Mutter ihr Studium ab. Sie ist aber schon vor Beginn der HÄPPI-Testphase nach und nach in ihre neue Funktion als PCM reingewachsen.

„Anfangs habe ich nur Infektpatientinnen und -patienten untersucht“, sagt Maurer. „Mit der Zeit sind immer mehr Aufgaben dazugekommen, wie die Kontrolle von chronisch Kranken, die unsere Praxis im Rahmen von DMP aufsuchen, oder die Betreuung anderer Akutpatientinnen und -patienten.“    

Inzwischen leitet Maurer an vier Tagen in der Woche eine eigene Sprechstunde, macht wie schon zu VERAH-Zeiten weiterhin Routine-Hausbesuche und erledigt im Home­office die Buchhaltung oder das Erstellen der Dienstpläne. Leichtere Verwaltungsaufgaben, wie Anfragen an Versorgungsämter oder die Kommunikation mit den Krankenkassen, sowie Maurers sonstige bisherige Tätigkeiten als Medizinische Fachangestellte, hat Dr. Kahl an seine anderen sechs MFA delegieren können.

Wichtig ist Dr. Kahl, dass er da­rauf vertrauen kann, dass seine PCM ihre Grenzen kennt und sich nicht scheut, bei Unsicherheiten Rat bei ihm oder einem der anderen vier ärztlichen Mitarbeitenden einzuholen. Bei allem, was sie als PCM leiste, arbeite sie nie völlig losgelöst, sondern im ständigen Austausch mit dem Ärzteteam, sagt Maurer.

Ziele von HÄPPI

  • interprofessionelle Versorgung

  • Einbindung akademischer, nichtärztlicher Gesundheitsberufe

  • Patientenzentrierung und ganzheitliche Betreuung

  • Steuerung durch Gatekeeping und Vernetzung

  • Schutz vor Über-, Unter- und Fehlversorgung

  • Integration digitaler Konzepte und Stärkung hybrider Versorgung

  • Stärkung der Gesundheitskompetenz

  • Förderung der Ambulantisierung (HÄPPI-Plus)

Klare Kriterien, wann sich die PCM Verstärkung holt

„Wir haben zudem im Vorfeld klare Kriterien definiert, die, sofern sie bei einem Patientenkontakt von Frau Maurer erfüllt sind, zwingend eine medizinische Intervention erfordern“, betont Dr. Kahl. Dies gelte z. B. für bestimmte Laborparameter, wie eine HbA1c-Untergrenze von 7 % bei insulinpflichtigen Menschen mit Diabetes, um bedrohliche Unterzuckerungen zu vermeiden. Wenn aufgrund einer Erkrankung eine Medikamentenverordnung notwendig wird oder bei auffälligen neurologischen Untersuchungs-Scores, die etwa auf einen Apoplex hindeuten könnten, findet ebenfalls die Arzteinbindung statt. Jeder Versorgungsschritt werde dokumentiert, sodass sämtliche Abläufe für alle Mitglieder des Behandlungsteams jederzeit transparent nachvollziehbar seien.

Die positiven Effekte der Transformation zur HÄPPI-Praxis sind für Dr. Kahl bereits sichtbar. „Zum einen sind wir Ärztinnen und Ärzte durch die Arbeit von Frau Maurer spürbar entlastet. Und bei den Patientinnen und Patienten kommt gut an, dass wir innovative Wege gehen.“

BHÄV-App erleichtert die Patientenkommunikation

Einen wichtigen Beitrag hierzu leiste die nutzerfreundliche App „Meine hausärztliche Praxis“ des BHÄV, die es den Versicherten unter anderem ermöglicht, online Termine zu buchen, Rezepte zu bestellen, sich im Chat mit Nicki Maurer über gesundheitliche Fragen auszutauschen oder sich von ihr über Videosprechstunde betreuen zu lassen. Das App-Angebot kostet die Praxis rund 50 Euro monatlich.

Mittelfristig will Dr. Kahl das Erreichte nicht nur verstetigen, sondern gemeinsam mit seinem Team weitere Untersuchungen identifizieren, die so standardisierbar sind, dass sie ebenfalls von Maurer übernommen werden können. Außerdem denkt Dr. Kahl darüber nach, eine kaufmännische Assistenz in der Praxis einzustellen und vielleicht irgendwann eine weitere PCM zu beschäftigen. Ferner strebt er an, die Digitalisierung der Praxis und die Vernetzung mit Leistungserbringern, wie Pflegediensten, Altenheimen und regionalen Krankenhäusern, voranzutreiben.

Die größte Herausforderung bei der Umsetzung des HÄPPI-Konzepts sei die Vergütung, meint der Arzt. Denn sowohl die PCM-Tätigkeiten als auch die Nutzung der IT-Tools seien im Abrechnungssystem noch nicht abgebildet. Dr. Kahl hofft, dass der Mehraufwand künftig über Zuschläge innerhalb der hausarztzen­trierten Versorgung, ähnlich denen für eine VERAH, abgedeckt wird.

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