Digitalstrategie Gesundheit 2026

Nina Warken hat mit der digitalen Patientenakte Großes vor

Bericht
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Bis zum Jahr 2030 nutzen rund 20 Mio. Versicherte die ePA, hofft das BMG.

Die ePA soll zum „digitalen Begleiter in der Versorgung“ ausgebaut werden. So kündigte es Bundesgesundheitsministerin Nina Warken mit ihrer Digitalisierungsstrategie an. In der Ärzteschaft ist man skeptisch.

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Durch die Einbindung weiterer Anwendungen wie der digitalen Ersteinschätzung, digitalen Terminvermittlung und E-Überweisung soll die ePA spürbare Mehrwerte für Versicherte bieten. Derzeit nutzen rund 4 Mio. Versicherte die ePA aktiv. Bis zum Jahr 2030 sollen es rund 20 Mio. sein. Um das zu erreichen, soll der Zugang durch niedrigere Authentifizierungs-Hürden erleichtert werden. Noch für dieses Jahr kündigte Warken als weitere ePA-Funktionalitäten einen digital gestützten Medikationsprozess, eine Erinnerungsfunktion für Versicherte sowie die Ausleitung von Forschungsdaten an das Forschungsdatenzentrum Gesundheit (FDZ) an.

Das FDZ soll an den neuen Europäischen Gesundheitsdatenraum (EHDS) angebunden werden. Damit wird der Zugang zu Gesundheits- und Pflegedaten für grenzüberschreitende Versorgung und Forschung erleichtert. Bis Ende 2026 werden mindestens 300 Forschungsvorhaben unter Nutzung von Daten aus dem FDZ durchgeführt bzw. initiiert, verkündete die Ministerin.

Laut weiterentwickelter Digitalstrategie wird bis 2028 die KI-gestützte Dokumentation in über 70 % der Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen angepeilt. Das verspreche eine spürbare Entlastung für Fachkräfte.

Gematik soll bei TI-Anwendungen härter durchgreifen

Um die Anfälligkeit der Telematikinfrastruktur (TI) für Störungen und Ausfälle zu verringern, soll deren Komplexität reduziert werden. Zugleich soll z. B. ein mobiler Zugriff für Leistungserbringende und ein digitaler Check-In für Patientinnen und Patienten die Nutzerfreundlichkeit erhöhen. Dazu erhält die gematik GmbH mehr Durchgriffsrechte gegenüber TI-Anbietern, um vereinbarte Standards und Regelungen konsequenter umzusetzen.

Die strategischen Vorhaben werden sich in einem „Gesetz für digitale Versorgung und den Gesundheitsdatenraum“ wiederfinden. Noch im ersten Quartal 2026 will das BMG einen Referentenentwurf vorlegen. Mehr Informationen bietet das Ministerium unter bundesgesundheitsministerium.de/digitalisierungsstrategie

KBV fordert ein elektronisches Versorgungsfach für das Primärversorgungssystem

KBV-Vorstandsmitglied Dr. Sibylle Steiner äußerte Zweifel, dass sich die ePA vom digitalem Datensatz zu einem „digitalen Begleiter in der Versorgung“ weiterentwickelt. „Solange die ePA nicht praxistauglich, stabil und ohne zusätzlichen Aufwand nutzbar ist, entsteht ein struktureller Mehraufwand im Praxisalltag. Damit zukünftig zum Beispiel im Rahmen einer Ersteinschätzung erhobene Daten oder eine elektronische Überweisung unabhängig davon, ob der Patient eine ePA hat oder nicht, verfügbar sind, halten wir ein elektronisches Versorgungsfach für erforderlich.“ Für das geplante Primärversorgungssystem sei dies unverzichtbar.

Krankenkassen: Der Digitalstrategie müssen nun Taten folgen

Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse (TK), begrüßt, dass „die Digitalstrategie, die ePA weiter konsequent als Dreh- und Angelpunkt im Gesundheitswesen“ vorsieht und der Zugang vereinfacht werden soll. Mitte Januar, ein Jahr nach dem Start der ePA, zählte die TK 900.000 Versicherte, die ihre digitale Akte aktiv nutzten. „Die Akten müssen jetzt erstmal gefüllt werden, erst wenn darin relevante Informationen über längere Zeit zusammenlaufen, werden sie zur wertvollen Unterstützung für die Gesundheit. Die meisten Menschen werden sich erst mit der Akte beschäftigen, wenn sie krank werden oder im Kontext eines Arztbesuchs.“Der Verband der Ersatzkassen (vdek) sprach bei der BMG-Strategie von „wichtigen Impulsen“. Jetzt sei es notwendig, „die Umsetzung mit klaren Verantwortlichkeiten, realistischen Zeitplänen und einer hohen Verbindlichkeit bei Standards voranzutreiben“.

Dem AOK-Bundesverband wäre es wichtig, dass die Gesellschaftsanteile des GKV-Spitzenverbandes bei der gematik erhöht werden oder dass die Kassen durch entsprechende Stimm- bzw. Vetorechte in der Gesellschafterversammlung einen größeren Einfluss erhalten. „Wer bezahlt, muss auch mitbestimmen dürfen“, äußerte sich Verbandsvorstandsvize Jens Martin Hoyer.

ePA-Panne bei der AOK

Rund 6.400 ePA bei der AOK Bayern wurden fehlerhaft temporär geschlossen. Wie die Kasse am 11. Februar mitteilte, sind die Daten wieder eingestellt. Es habe sich um keinen Hackerangriff gehandelt, betont die AOK. Bei einer geplanten Systemumstellung durch IT-Dienstleister sei es „bedauerlicherweise“ zur Schließung von rund 6.400 elektronischen Patientenakten“ gekommen. Das entspreche rund 0,14 % der Versicherten, versucht die AOK die Panne kleinzuhalten. Die betroffenen Versicherten seien umgehend informiert worden. Deren ePA wurden neu angelegt. Die Daten seien sicher und verschlüsselt gespeichert gewesen. Unberechtigte Dritte hätten zu keinem Zeitpunkt Zugriff gehabt.

Ärzteverband sorgt sich bei der ePA um Schweigepflicht und Datenschutz

Vonseiten der Niedergelassenen mischten sich kritische Töne in die Ankündigungen und Lobesworte. Bis Ende Januar 2026 befragte Medi Geno Deutschland rund acht Wochen lang bundesweit 263 niedergelassene Ärztinnen und Ärzte sowie Psychotherapeutinnen und -therapeuten zu den ersten Erfahrungen mit der ePA in der eigenen Praxis.

Demnach bewerten fast 65 % der Befragten die ePA mit Blick auf den Datenschutz als „(gar) nicht sicher“. Fast 72 % sehen die Einhaltung der Schweigepflicht durch die ePA „(sehr) kritisch“. Vorstandsvize Dr. Christian Messer erklärt: „Viele unserer Mitglieder lassen sich mittlerweile von ihrer Haftung durch ihre Patientinnen und Patienten entbinden.“ Über die Hälfte der Befragten empfindet die Beschäftigung mit der ePA im Praxisalltag als „(erheblich) aufwendig“. Rund 84 % verspüren keine Erleichterung. 36 % geben in der Umfrage an, dass sie pro Patientin bzw. Patienten bis zu fünf Minuten in die ePA-Nutzung investieren. Der Ärzteverband fordert Nachbesserungen bei der ePA hinsichtlich Praktikabilität und Datensicherheit.

Michael Reischmann

Michael Reischmann

Stellvertretender Chefredakteur Medical Tribune
Michael Reischmann arbeitet seit dem Jahr 2000 für Medical Tribune in Wiesbaden. Er leitet das Ressort Politik & Management und ist stellvertretender Chefredakteur. Studium der Volkswirtschaftslehre (Diplom) und Erwachsenenbildung (M.A.). Brennt Ihnen ein gesundheitspolitisches Thema oder eine betriebswirtschaftliches Problem zur Praxisführung auf den Nägeln, das journalistisch aufgegriffen werden sollte? Melden Sie sich bitte.

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