Den Kollegen wurde die Existenzgrundlage entzogen
Für den Fall, dass Dr. Stauder sich dem nicht unterworfen hätte, stand die SA bereit. Dafür gab es allerdings gar keine Notwendigkeit. Die ärztliche Selbstverwaltung erwies sich als „willig, ja übereifrig“. Und das nicht nur, weil die Ärzteschaft weit stärker als andere Berufe NS-verbunden war: Man versprach sich darüber eine Aufwertung der eigenen Strukturen. Darüber hinaus brachte der Ausschluss der jüdischen Kollegen handfeste ökonomische Vorteile.
So umreißen es die einleitenden Worte zur Ausstellung „Fegt alle hinweg“, die 2008 anlässlich des 70. Jahrestages des nationalsozialistischen Approbationsentzuges erstellt wurde. Aktuell jährt sich der 30. September 1938, an dem den letzten 3152 in Deutschland noch praktizierenden jüdischen Ärztinnen und Ärzten ihre Existenzgrundlage entzogen wurde, zum 80. Mal. Mehr als 8000 Praktizierende wurden damals vom Beruf ausgeschlossen, vom renomierten Wissenschaftler bis zum Assistenten. Vor allem aber Kassenärzte: Rund 60 % der Ausgeschlossenen waren Niedergelassene.
Ausstellung dokumentiert über 20 Schicksale
Kern der Ausstellung sind 20 individuelle Lebensgeschichten von Ärztinnen und Ärzten aus München, Nürnberg, Fürth, Ansbach, Augsburg und Bad Orb. Zehn der Porträtierten sahen sich gezwungen zu emigrieren. Drei der Ärzte sahen keinen Ausweg als den Suizid. Drei Ärzte verstarben im Konzentrationslager. Eine Ärztin überlebte in einem Versteck, eine andere in einer „Mischehe“. Einer wurde als exponierter Nazi-Gegner bereits 1933 in Dachau ermordet. Und eine Ärztin (siehe Bild) wurde vor der letzten Deportation im Krankenhaus versteckt und praktizierte bis 1971 in München. Entstanden ist die Ausstellung auf der Grundlage der 1988 herausgegebenen Dokumentation „Schicksale jüdischer und ‚staatsfeindlicher‘ Ärztinnen und Ärzte nach 1933 in München“. In den 1980er habe es noch erhebliche Widerstände in den Standesorganisationen gegeben, berichten Ideengeber Dr. Hansjörg Ebell, Facharzt für psychosomatische Medizin, und Kuratorin Ursula Ebell. Es sei zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen. Als „Nestbeschmutzer“ sei beschimpft worden, wer das verdrängte und mit Schuld beladene Thema aufgegriffen habe.
Nur kurz zuvor, nämlich erst 1986, war die Kölner Haedenkampstraße, in der die Bundesärztekammer seit 1956 ansässig war, umbenannt worden, nämlich nach Herbert Lewin, den verfolgten Chefarzt des Israelitischen Krankenhauses in Köln. Der bisherige Namensgeber, Dr. Karl Haedenkamp, war 1933 zur Ausschaltung jüdischer und kommunistischer Ärzte ins Reichsarbeitsministerium berufen worden, er hatte sich beizeiten angedient. Die Zahl der jüdischen und sozialistischen Ärzte, an deren Ausschaltung Haedenkamp beteiligt war, wird auf etwa 6000 beziffert. Zum 70. Jahrestag des Approbationsentzugs in München wurde die Ausstellung u.a. vom Ärztlichen Kreis- und Bezirksverband München sowie der KV Bayerns unterstützt. Seitdem wurde sie um 16 Tafeln mit unterschiedlichen regionalen Schwerpunkten erweitert und stieß an über 40 Ausstellungsorten – darunter auch bei der Bundesärztekammer und auf dem Deutschen Ärztetag – auf großes Interesse.