Geschlechtersensible Medizin: Mehr als eine Herzenssache
Frauen leben länger, aber verbringen durchschnittlich neun Jahre mehr mit Krankheiten als Männer. Geschlechtersensible Medizin ist kein Nice-to-have, sondern entscheidend für Diagnose, Therapie und Versorgungsgerechtigkeit.
Als sich eine 35-jährige Frau im Zentrum für Frauen-Herzen am Rhein-Maas Klinikum vorstellte, war ihr Leidensweg bereits lang, berichtete Prof. Dr. Michael Becker. Seit sechs Jahren klagte sie über Palpitationen und thorakales Druckgefühl mit Dyspnoe. Bereits 15 Ärztinnen und Ärzte hatte sie aufgesucht, doch bislang hatte ihr niemand helfen können – und so führte es die in Konstanz lebende Patientin bis nach Würselen (bei Aachen). Mittels EKG und Acetylcholin-Provokationstestung diagnostizierte das dortige Team schließlich eine vasospastische Angina. Unter entsprechender Therapie wurde die Patientin binnen acht Wochen symptomfrei.
Die 35-Jährige ist kein Einzelfall. „Es ist ein Trauerspiel“, sagte Prof. Becker. So kommen die Patientinnen typischerweise erst nach sieben Jahren und mindestens 15 Arztkontakten zu ihm ans Zentrum. Denn Frauen würden fälschlicherweise schnell in die Schubladen Hysterie, Wechseljahre oder prä- und postmenstruelle Beschwerden gesteckt, erklärte der Referent.
Das Frauenherzzentrum in Würselen wurde 2018 als erstes seiner Art in Deutschland eröffnet. „Wir haben einen riesigen Gegenwind erhalten – auch von Kardiologinnen und Kardiologen aus Kliniken“, berichtete der Experte. Was solle an Frauenherzen anders sein, so skeptische Stimmen.
Noch viel zu tun
Geschlechtersensible Inhalte sind in Aus-, Weiter- und Fortbildung deutlich unterrepräsentiert. Das zeigte eine Umfrage aus dem vergangenen Jahr mit über 1.000 Teilnehmenden aus der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM). Doch gerade die Innere Medizin stehe in der Verantwortung, das Wissen zur geschlechtersensiblen Medizin in die Forschung, in Leitlinien, in die klinische Therapie, aber auch in Aus-, Weiter- und Fortbildung zu tragen, sagte Prof. Dr. Petra-Maria Schumm-Draeger, Sprecherin der DGIM-Kommission Geschlechtersensible Medizin. „Wenn wir die bekannten Unterschiede zwischen Männern und Frauen weiterhin ignorieren, so riskieren wir Unter- und Fehlversorgung.“
Das weibliche Herz ist im Schnitt leichter, es schlägt schneller und erreicht eine höhere Ejektionsfraktion. Das Lebenszeitrisiko für eine Herzinsuffizienz liegt für beide Geschlechter bei etwa 20 %, allerdings tritt bei Männern häufiger eine Herzschwäche vom Typ HFrEF* auf, Frauen betrifft eher die HFpEF**.
Die Beschwerden nicht als atypisch bezeichnen
Kardiovaskuläre Erkrankungen können sich bei Frauen auch anders äußern. So führt ein Herzinfarkt eher zu Schwitzen, Übelkeit, Bauch- oder Rückenschmerzen als zu Schmerzen in der Brust bzw. in Schulter und Arm. Derartige Beschwerden von Patientinnen sollte man aber nicht als „atypisch“ bezeichnen, erklärte Prof. Becker, denn sie seien für Frauen nun mal typisch.
Risikofaktoren wirken sich je nach Geschlecht ebenfalls unterschiedlich stark aus. Ein im Januar publiziertes Positionspapier der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie verdeutlicht dies.1 Ein Diabetes tritt zwar häufiger bei Männern auf, jedoch haben betroffene Frauen ein höheres Risiko an einer KHK zu sterben. Gleicherweise lässt eine Adipositas das kardiovaskuläre Risiko bei Frauen stärker steigen als bei Männern.
Ein weiterer Faktor ist die Schwangerschaft. Eine Studie mit über zwei Millionen Erstgebärenden aus Schweden zeigte, dass diejenigen mit Schwangerschaftskomplikationen wie Präeklampsie oder Frühgeburt noch 40 Jahre später ein deutlich erhöhtes Risiko hatten, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben. Die Schwangerschaft gehöre daher in die Anamnese – unabhängig vom Fachgebiet, hob Prof. Becker hervor.
Die Differenzen setzen sich in der Pharmakologie fort. So spielt bei der oralen Therapie eine Rolle, dass Frauen einen kleineren Magen-Darm-Trakt mit langsamerer Darmpassage haben. Das kann zu einer gesteigerten Bioverfügbarkeit der Medikamente führen. Der Körperfettanteil ist beim weiblichen Geschlecht höher, der Wasseranteil niedriger. Dadurch kommt es zu einer unterschiedlichen Verteilung lipophiler und hydrophiler Substanzen. Bspw. reichert sich das lipophile Diazepam im Fettgewebe stärker an. Die daraus resultierende längere Wirkdauer begünstigt Nebenwirkungen.
Höhere Aktivität von CYP3A4 bei Frauen senkt Wirkdauer
Es gibt viele Beispiele für Unterschiede in der Metabolisierung: Die höhere CYP3A4-Aktivität bei Frauen führt zu einer schnelleren Elimination und geringeren Wirkdauer entsprechender Substrate wie Verapamil. Um all das berücksichtigen zu können, brauche es Hilfestellungen, z. B. durch Apps, sagte Prof. Becker. Es müssen noch viele weitere Aspekte beachtet werden, darunter auch die Verbesserung der bislang limitierten Ausbildung zu diesem Thema (s. Kasten), so der Kollege. Es gilt Bewusstsein zu schaffen, dass Frauen oft unterdiagnostiziert sind.
Männer und Frauen mit ähnlichem Gesundheitszustand erhalten zudem nicht immer die gleiche Therapie. Das zeigt sich besonders drastisch am Beispiel der Reanimation. Einer Arbeit aus Deutschland zufolge läuft diese bei Männern evidenzbasierter ab: Sie bekommen häufiger Adrenalin, werden öfter defibrilliert, erhalten eher eine Thrombolyse und werden länger reanimiert und häufiger in eine Klinik eingewiesen.
* Heart Failure with reduced Ejection Fraction
** Heart Failure with preserved Ejection Fraction
1. Manfrini O et al. Eur Heart J 2026; DOI: 10.1093/eurheartj/ehaf1059