Notfalltraining in der Praxis

Warum Praxisteams Notfälle trainieren müssen

Medical-Tribune-Bericht
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So drückt der Fachmann. Ein Trainingsphantom nimmt klaglos Stromstöße und Intubationsversuche hin. Sogar i. v. Zugänge ließen sich üben.

Eine Patientin mit Herzinfarkt im Behandlungszimmer oder ein Patient mit Anaphylaxie nach spezifischer Immuntherapie – Notfälle in Praxen sind zwar selten, doch wenn sie eintreten, muss jeder Handgriff sitzen. ­Regelmäßige Notfallschulungen helfen, das Praxisteam ­vorzubereiten.

Ein normaler Mittwochvormittag in einer Hausarztpraxis. Das Wartezimmer ist voll, die nächste Patientin wird ins EKG-Zimmer geführt: Routineuntersuchung, Verdacht auf Herzrhythmusstörungen. Plötzlich sackt die Frau auf der Untersuchungsliege zusammen. Die MFA checkt die Vitalparameter. Die Patientin ist bewusstlos und hat keine normale Atmung. Die MFA alarmiert die Ärztin und das ganze Team, dann wählt sie die 112. Doch bis der Rettungsdienst eintrifft, vergehen im besten Fall fünf bis sechs Minuten – in vielen Regionen dauert es oft deutlich länger. Was in dieser Zeit in der Praxis passiert, kann über Leben und Tod entscheiden.

Im Schnitt kommt es etwa alle acht Jahre in einer Hausarztpraxis zu einem Reanimationsfall – und genau das ist das Problem, berichtet Dr. Stephan Wallmeyer, Geschäftsführer der Wallmeyer GmbH, einem Dortmunder Unternehmen, das sich auf Notfalltrainings spezialisiert hat. Denn selbst wenn der Rettungsdienst umgehend gerufen wird, bleibt die Verantwortung für die ersten, oft entscheidenden Minuten beim Praxisteam. Doch bei vielen Ärztinnen und Ärzten liegt die Klinikzeit mit Intensivmedizin oder Notarzterfahrung Jahre oder Jahrzehnte zurück. „Manche Kolleginnen und Kollegen haben in ihrer gesamten Berufslaufbahn noch nie eigenverantwortlich eine Reanimation geleitet“, sagt der Facharzt für Allgemein-, Notfall- und Flugmedizin, der u.a. als Notarzt mehr als fünf Jahre lang Einsätze an Bord von Rettungshubschraubern geflogen ist.

Ist die Liege im EKG-Zimmer gut zugänglich?

Noch prekärer ist die Lage bei den MFA. Viele haben in ihrem gesamten Berufsleben noch nie eine Wiederbelebung durchgeführt oder nur sehr selten in einer solchen Situation mitgewirkt. Entsprechend hoch ist der Stress, wenn plötzlich der Ernstfall eintritt. „Doch sowohl die Patientinnen und Patienten als auch das Team selbst haben einen berechtigten Anspruch darauf, dass diese kritischen Situationen souverän gemeistert werden.“

„Notfallmedizin in der Praxis ist nur 30 % reine Medizin und 70 % Logistik. Und genau hier beginnt die Herausforderung, denn jede Praxis ist anders“, so der Experte. Ein typisches Beispiel ist das EKG-Zimmer. „Die Liege steht hinten links an der Wand. Man kommt nur von einer Seite und vom Fuß­ende ran, oft ist das Kopfteil nicht zugänglich. Wenn dann noch ein 12-Kanal-EKG daneben­steht und vier Leute im Raum sind, dreht sich keiner mehr.“

Die Lösung liegt im Detail: Kann das EKG-Gerät zur Seite gestellt werden? Lässt sich die Liege nach vorne ziehen? Was steht unter der Liege, das im Notfall hinderlich sein könnte? „Nur wenn ich eine räumliche Situation habe, in der ich richtig arbeiten kann, kann ich den Notfall meistern“, erklärt Dr. Wallmeyer.

So meistern Sie die „Toilettensituation“

Ein anderes Beispiel, das praktisch jede Praxis betrifft, ist die „Toilettensituation“. „Patientinnen und Patienten mit Herzinfarkt haben häufig Übelkeit und Erbrechen. Besonders bei Frauen ist dies oft das erste Symptom.“ Sie gehen deswegen auf die Toilette – und dort passiert es: sie kollabieren. „Dann hat die Praxis eine bewusstlose Person mit Herzinfarkt-Reanimationspflicht im WC – vielleicht direkt hinter der Tür – liegen.“

Wie kommt nun jemand vom Team ins WC? „Geht die Toilettentür nach innen oder außen auf? Welches Schloss ist installiert? Ist es mit einem Schlüssel zu öffnen oder befindet sich ein Knopf darauf, den man von außen mit einer Münze öffnen kann? In modernen, neu eingerichteten Praxen ist Letzteres Standard. Doch im allgemeinmedizinischen Bereich sind 80 % aller Praxen mindestens 15 Jahre alt und damals war das ­Toilettenschloss kein Thema“, erläutert Dr. Wallmeyer.

Die Lösung: Die Tür so weit aufdrücken, dass die kleinste oder dünnste Person des Praxisteams durch den Spalt in den Raum eindringen kann, um von innen den Weg für weitere Hilfe freizumachen.

Bloß keine Schaulustigen aus dem Wartezimmer anlocken

Bei Dr. Wallmeyers Notfallschulungen steht das Team im Vordergrund. „Idealerweise trainiert das gesamte Praxisteam gemeinsam – inklusive Praxisinhaberin oder -inhaber.“ Ein besonderer Fokus liegt auf der Kommunikation und der Rollenverteilung im Notfall. „Wenn im Ernstfall alle Mitarbeitenden aufgeregt durch die Praxis laufen, können sie der Patientin oder dem Patienten nicht effektiv helfen.“ Arbeiten stattdessen alle Teammitglieder strukturiert die Notfallalgorithmen ab, erhöht das die Überlebenschancen der hilfsbedürftigen Person. Folglich ist lautes Hilfe-Rufen nach der Praxischefin oder dem Chef zu vermeiden. Sonst werden noch Schaulustige aus dem Wartezimmer angelockt. In manchen Praxen gibt es zur internen Alarmierung Codewörter. Der Anruf bei der 112 sollte erst erfolgen, wenn klar benannt werden kann, welches Problem vorliegt. Die Rettungsleitstelle wird Anweisungen zum weiteren Vorgehen geben.

Ein typisches Notfalltraining mit maximal zehn Personen pro Referentin oder Referent dauert etwa drei Stunden. Es schließt eine Begehung der Praxisräume ein, bei der logistische Herausforderungen identifiziert werden. Geübt werden die richtige Herzdruckmassage, die Anwendung des automatisierten externen Defibrillators (AED) und Beatmungstechniken. Den Abschluss bildet die Besprechung realistischer Fallbeispiele, die an die Umstände der jeweiligen Praxis angepasst sind.Dr. Wallmeyer arbeitet bundesweit mit rund 80 freiberuflichen Referentinnen und Referenten in 18 regionalen Teams zusammen. Alle Trainierenden haben eine medizinische Vorausbildung und arbeiten z. B. als Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensivmedizin oder als Notfallsanitäter mit langjähriger Einsatzerfahrung.

Mit von der Partie sind auch 47 Reanimationspuppen – in den Ausfertigungen Baby, Kind und Erwachsener. Selbst i.v. und i.o. Zugangstechniken können an solchen sog. Trainingsphantomen geübt werden. Dank Sensorik, WLAN und Beamer kann die Kursgruppe live verfolgen, ob ein Teammitglied bei der Herzdruckmassage und Beatmung eine gute Qualität leistet und sich dabei der Brustkorb hebt und senkt.

Eine Schulung kostet pro Referentin bzw. Referent zwischen 900 und 1.000 Euro, inklusive Anfahrt und Trainingsmaterial. Rund 1.000 Praxen und MVZ nehmen nach Unternehmensangaben jährlich Schulungen wahr. Gebucht werden die Kurse gerne als „Teamevent“.

Genutzt wird fürs Training in der Regel Praxismaterial, obwohl die Referentin bzw. der Referent stets ein Notfallset dabeihat. Auf diese Weise fällt beim Ausprobieren auf, ob alles funktioniert oder etwas fehlt. Die Ausstattung der besuchten Praxen mit Notfallrucksäcken ist gut, berichtet Dr. Wallmeyer. Das sei eine Folge der Verpflichtung, ein Qualitätsmanagementsystem zu implementieren.

Trainings gehen auf diespezifischen Zielgruppen ein

Neben den Hausarzt- und Facharztpraxen schult Dr. Wallmeyers Team auch spezielle Zielgruppen, etwa MFA, die in KV-Bereitschaftsdienstpraxen Dienst tun, oder Beschäftigte in der Terminservicestelle 116 117, die eine Ersteinschätzung von Anrufern vornehmen. Eine besondere Herausforderung besteht z. B. in Dialysepraxen. Patientinnen und Patienten, die während einer Blutwäsche zum Notfall werden, können für Erste-Hilfe-Maßnahmen nicht einfach auf den Boden gelegt werden. Ihre Versorgung erfordert spezielle Kenntnisse und angepasste Notfallprotokolle, die über das Standardreanimationstraining hinausgehen.

Videos zu Notfallschulungen

 

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