Neurosonografie im Wandel Wann der Nervenultraschall wirklich hilft
Der bis ins Handgelenk verlaufende N. medianus wird in der Neurosonografie häufig bei spezifischem Verdacht sowie als Referenznerv untersucht.
© Prasert – stock.adobe.com
Mithilfe der Neurosonografie lassen sich Nerven nichtinvasiv morphologisch beurteilen, u. a. durch Messung der Querschnittsfläche. Etabliert hat sich das Verfahren vor allem zum Einschätzen von Karpaltunnel- und Sulcus-ulnaris-Syndrom. Mittlerweile gebe es für den Einsatz jedoch weitere Indikationen, erklärte Prof. Dr. Hubertus Axer vom Universitätsklinikum Jena. Dazu gehörten fokale Nervenläsionen, hereditäre und erworbene Neuropathien.
Einen Durchbruch für die Nutzung des Nervenultraschalls stellte dem Experten zufolge die Diagnostik der chronisch-entzündlichen demyelinisierenden Polyneuropathie (CIDP) dar. Diese geht mit Schwellungen einher, die im Ultraschall sichtbar sind und auch den Ultrasound Pattern Sum Score (UPSS) erhöhen, einen aus mehreren Ultraschallzeichen zusammengesetzten Wert.
Eindeutigster Befund bei hereditärer Neuropathie
Die größten Nervenschwellungen weisen aber Personen mit hereditären demyelinisierenden Erkrankungen wie CMT1* auf. Dementsprechend fällt die Effektgröße des Nervenultraschalls hier am höchsten aus. Cave: „Für axonale Polyneuropathien ist der Ultraschall blind“, so Prof. Axer. Bei diesen werde maximal einen UPSS-Score von 5 erreicht.
Auch bei Diabetes mellitus zeige der Nervenultraschall häufig Verdickungen – das gelte allerdings auch für Personen, die keine diabetische Polyneuropathie haben. Gut unterscheiden könne man damit aber zwischen diabetischer Polyneuropathie und CIDP, denn Letztere führe zu größeren Nervenschwellungen.
Zur Diagnostik von Nerventorsionen eignet sich die Neurosonografie ebenfalls. Sie ist laut Prof. Axer die einzige Methode, um diese darzustellen, ohne den Nerv operativ freilegen zu müssen. Darüber hinaus sieht der Referent potenzielle Einsatzmöglichkeiten bei Nervenverletzungen, allerdings gibt es hier nur wenige Daten zum zeitlichen Verlauf. Für Tarsaltunnelsyndrom und Fibulakopfsyndrom sei die Datenlage ebenfalls dünn.
Insgesamt sei der Ultraschall sinnvoll als Add-on zu Klinik und Elektrophysiologie, resümierte Prof. Axer. Im Zuge der Beurteilung von Polyneuropathien sollte man damit viele Nerven untersuchen, insbesondere dann, wenn Befunde unklar ausfallen. Dabei gelte es unbedingt etablierte Scoring-Systeme zu benutzen, weil diese standardisiert sind und Normalwerte haben.
Die derzeitigen Leitlinien von EAN/PNS** würden den Nervenultraschall bei möglicher CIDP empfehlen, erläuterte Dr. Katharina Kneer vom Universitätsklinikum Tübingen. Die Diagnose werde gestützt, wenn eine Nervenvergrößerung an mindestens zwei Punkten des proximalen Nervus medianus und/oder Plexus brachialis zu sehen ist. Laut Dr. Kneer ist es aber sinnvoll, mehr Messpunkte für die Diagnose in Betracht zu ziehen.
Ein Nervenultraschall kann auch dazu dienen, eine CIDP von anderen Varianten zu unterscheiden. Beim Guillain-Barré-Syndrom z. B. sei die Nervenvergrößerung sowohl vor als auch nach der Therapie weniger ausgeprägt als im Falle der CIDP. Guillain-Barré-Erkrankte zeigen daher in UPSS-Subscores im Bereich der sensiblen Nerven nur vereinzelt Auffälligkeiten, während dies bei der CIDP relativ häufig der Fall ist. Liegt ein UPSS > 9 vor oder ein UPS A > 7, so handele es sich ziemlich sicher um eine CIDP, erläuterte Dr. Kneer.
Die Echogenitätsanalyse ist noch nicht alltagstauglich
Mit der quantitativen Echogenitätsanalyse lassen sich Nerven ebenfalls interpretieren. Das sonografische Bild wird dabei in ein 8-bit-Format konvertiert, erklärte Dr. Kneer. Dann werden die Graustufen analysiert mit Darstellung von Minimum, Maximum und Standardabweichung der Nervenechogenität.
Genaue Cut-off-Werte seien bisher jedoch nur in Studien mit geringen Fallzahlen erforscht, so Dr. Kneer. Zudem sei die Methode sehr aufwendig und daher – zumindest derzeit – im klinischen Alltag kaum anwendbar. Gerade im Falle der CIDP weise die Echogenität eine sehr weite Streuung auf, das Bild sei insgesamt sehr heterogen. Es gebe jedoch Hinweise auf ein besseres Therapieansprechen unter bestimmten Konstellationen (sowohl hypoechogener als auch vergrößerter Nerv).
*Hereditäre motorisch-sensible Neuropathie Typ I
**European Academy of Neurology / Peripheral Nerve Society
Quelle: Medical-Tribune-Bericht