Tattoos: Harmlose Körperkunst oder medizinisches Risiko?
Tattoos: Harmlose Körperkunst oder medizinisches Risiko?
Beim Tätowieren gelangen Farbpigmente und jede Menge Zusatzstoffe dauerhaft in die Haut. Das bleibt nicht ohne Folgen. Doch welche Reaktionen sind behandlungsbedürftig? Was ist von der Entfernung per Laser zu halten? Und wie steht es um die aktuelle Datenlage zu Spätfolgen? In einer neuen Folge von O-Ton Allgemeinmedizin ordnet Dermatologin und Allergologin Prof. Dr. Christiane Bayerl die Fakten ein.
Rund ein Viertel der Menschen in Deutschland trägt inzwischen ein Tattoo, bei jungen Erwachsenen sogar nahezu jeder Zweite. Während die Motive oft sorgfältig ausgewählt werden, geraten mögliche gesundheitliche Folgen leicht in den Hintergrund. Die meisten Tätowierungen heilen nach dem Stechen zwar problemlos ab, Komplikationen sind dennoch keineswegs ausgeschlossen.
Tattoos: Wie verläuft die Heilung nach dem Stechen und wann ist Vorsicht geboten?
In den ersten Tagen sind leichte Rötungen, Schwellungen, Juckreiz oder einzelne Bläschen als normal anzusehen, so Prof. Dr. Christiane Bayerl, Ärztliche Direktorin der Klinik für Dermatologie und Allergologie an den Helios Dr. Horst Schmidt Kliniken Wiesbaden. Wichtig sei jedoch, Warnzeichen wie Fieber, ausgeprägte Schmerzen oder Hinweise auf eine Wundinfektion ernst zu nehmen und gegebenenfalls ärztlich abklären zu lassen.
Auch wenn professionelle Tattoostudios hierzulande meist hohe Hygienestandards erfüllen, spielen Infektionen hin und wieder eine Rolle, berichtet sie aus ihrem klinischen Alltag. Gelegentlich komme jemand mit einer bakteriellen Infektion. Vereinzelt würden auch Viren oder Pilze beim Tätowieren übertragen. Schwere Fälle von Hepatitis B oder C seien allerdings Raritäten, HIV-Übertragungen könnten praktisch ausgeschlossen werden.
Tattoos: Spätfolgen wie Ekzeme und Granulome treten oft erst Jahre nach dem Stechen auf
Deutlich häufiger beschäftigen sie jedoch Probleme, die erst Monate oder Jahre nach dem Stechen zutage treten. Vor allem die rote Farbe gilt als Auslöser für Unverträglichkeitsreaktionen. Neben klassischen Ekzemen bekommt Prof. Bayerl immer wieder granulomatöse Veränderungen im Tattoobereich zu Gesicht. Solche Befunde seien nicht nur kosmetisch störend, sondern könnten auch auf eine bislang unerkannte systemische Erkrankung hinweisen.
Die Behandlung der Langzeitfolgen kann schwierig werden. So lässt sich z. B. eine allergische Reaktion nicht einfach durch Karenz beenden, schließlich sitzt das Allergen in der Haut. Stattdessen empfiehlt die Dermatologin zunächst die topische Behandlung mit Kortison oder Calcineurin-Antagonisten. Die Therapie sei langwierig, doch „dem Patienten geht es tatsächlich darum, diesen Juckreiz und die Missempfindungen loszuwerden“.
Tattoos: Was ist von der Laserentfernung zu halten?
Besonders kritisch bewertet die Dermatologin die Entfernung von Tattoos mittels Laser. Denn unklar ist, welche Substanzen dabei neu entstehen. „Wir sind in einer Art Dark Room, wo man nicht sieht, was da geschieht“, beschreibt Prof. Bayerl die derzeitige Datenlage. Zudem könne es spontan zu Farbveränderungen des Tattoos kommen, v. a. wenn in den Farben Titandioxid enthalten ist. Aus dermatologischer Sicht sei deshalb eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung erforderlich, bevor man sich zur Entfernung per Laser entschließt.
Wie groß ist das Krebsrisiko von Tätowierungen wirklich?
Die Frage nach möglichen Krebsrisiken beschäftigt Wissenschaft und Öffentlichkeit seit Jahren. Prof. Bayerl verweist auf Studien, die bei tätowierten Menschen ein vermehrtes Auftreten von Lymphomen sowie ein erhöhtes Risiko für schwarzen Hautkrebs beobachtet haben. Die Interpretation dieser Daten sei allerdings schwierig. So zeigten manche Untersuchungen paradoxerweise höhere Hautkrebsraten bei Personen mit kleinen Tattoos als bei Menschen mit großflächigen Tätowierungen. Sicher ist jedoch, dass Teile der beim Tätowieren eingebrachten Pigmente nicht an Ort und Stelle bleiben. So findet man regelmäßig, etwa im Rahmen der Melanomdiagnostik, schwarz verfärbte regionale Wächter-Lymphknoten. „Das heißt aber noch nicht, dass da Melanom-Metastasen drin sind“, betont Prof. Bayerl. Welche Folgen diese Farbablagerungen langfristig für die Immunfunktion haben, wird derzeit intensiv erforscht.
Auch im Praxisalltag können Tattoos noch nach Jahren Probleme bereiten. So erschweren sie beispielsweise die Hautkrebsvorsorge, wenn Pigmentmale teilweise verdeckt werden. „Ich brauche doppelt so lang für einen Patienten, der ein größeres Tattoo trägt“, berichtet Prof. Bayerl. Unklare Hautveränderungen müssten deshalb häufiger entfernt und histologisch untersucht werden. Dass durch die Exzision möglicherweise ein Motiv beschädigt wird, nähmen Betroffene aber in der Regel in Kauf.
So beliebt die bunten Hautmotive auch sind: Manchen Menschen sollte man von einer Tätowierung generell abraten. Dazu zählen Immunsupprimierte, Schwangere, Stillende sowie Menschen mit HIV-Infektion, chronischen Wunden oder bestimmten Hauterkrankungen. Und eines gilt ungeachtet der individuellen Risiken: „Es gibt keine Tattoofarbe, die medizinisch sicher ist oder eine Medizinproduktzulassung führt.“
Mehr zum O-Ton Allgemeinmedizin
Den Podcast O-Ton Allgemeinmedizin gibt es alle 14 Tage donnerstags auf den gängigen Podcast-Plattformen. Abonnieren Sie uns und machen Sie auch gerne Themenvorschläge. Kontakt zur Redaktion unter: o-ton-allgemeinmedizin@medtrix.group
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Beim Tätowieren gelangen Farbpigmente und jede Menge Zusatzstoffe dauerhaft in die Haut. Das bleibt nicht ohne Folgen. Doch welche Reaktionen sind behandlungsbedürftig? Was ist von der Entfernung per Laser zu halten? Und wie steht es um die aktuelle Datenlage zu Spätfolgen? In einer neuen Folge von O-Ton Allgemeinmedizin ordnet Dermatologin und Allergologin Prof. Dr. Christiane Bayerl die Fakten ein.
Rund ein Viertel der Menschen in Deutschland trägt inzwischen ein Tattoo, bei jungen Erwachsenen sogar nahezu jeder Zweite. Während die Motive oft sorgfältig ausgewählt werden, geraten mögliche gesundheitliche Folgen leicht in den Hintergrund. Die meisten Tätowierungen heilen nach dem Stechen zwar problemlos ab, Komplikationen sind dennoch keineswegs ausgeschlossen.
Tattoos: Wie verläuft die Heilung nach dem Stechen und wann ist Vorsicht geboten?
In den ersten Tagen sind leichte Rötungen, Schwellungen, Juckreiz oder einzelne Bläschen als normal anzusehen, so Prof. Dr. Christiane Bayerl, Ärztliche Direktorin der Klinik für Dermatologie und Allergologie an den Helios Dr. Horst Schmidt Kliniken Wiesbaden. Wichtig sei jedoch, Warnzeichen wie Fieber, ausgeprägte Schmerzen oder Hinweise auf eine Wundinfektion ernst zu nehmen und gegebenenfalls ärztlich abklären zu lassen.
Auch wenn professionelle Tattoostudios hierzulande meist hohe Hygienestandards erfüllen, spielen Infektionen hin und wieder eine Rolle, berichtet sie aus ihrem klinischen Alltag. Gelegentlich komme jemand mit einer bakteriellen Infektion. Vereinzelt würden auch Viren oder Pilze beim Tätowieren übertragen. Schwere Fälle von Hepatitis B oder C seien allerdings Raritäten, HIV-Übertragungen könnten praktisch ausgeschlossen werden.
Tattoos: Spätfolgen wie Ekzeme und Granulome treten oft erst Jahre nach dem Stechen auf
Deutlich häufiger beschäftigen sie jedoch Probleme, die erst Monate oder Jahre nach dem Stechen zutage treten. Vor allem die rote Farbe gilt als Auslöser für Unverträglichkeitsreaktionen. Neben klassischen Ekzemen bekommt Prof. Bayerl immer wieder granulomatöse Veränderungen im Tattoobereich zu Gesicht. Solche Befunde seien nicht nur kosmetisch störend, sondern könnten auch auf eine bislang unerkannte systemische Erkrankung hinweisen.
Die Behandlung der Langzeitfolgen kann schwierig werden. So lässt sich z. B. eine allergische Reaktion nicht einfach durch Karenz beenden, schließlich sitzt das Allergen in der Haut. Stattdessen empfiehlt die Dermatologin zunächst die topische Behandlung mit Kortison oder Calcineurin-Antagonisten. Die Therapie sei langwierig, doch „dem Patienten geht es tatsächlich darum, diesen Juckreiz und die Missempfindungen loszuwerden“.
Tattoos: Was ist von der Laserentfernung zu halten?
Besonders kritisch bewertet die Dermatologin die Entfernung von Tattoos mittels Laser. Denn unklar ist, welche Substanzen dabei neu entstehen. „Wir sind in einer Art Dark Room, wo man nicht sieht, was da geschieht“, beschreibt Prof. Bayerl die derzeitige Datenlage. Zudem könne es spontan zu Farbveränderungen des Tattoos kommen, v. a. wenn in den Farben Titandioxid enthalten ist. Aus dermatologischer Sicht sei deshalb eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung erforderlich, bevor man sich zur Entfernung per Laser entschließt.
Wie groß ist das Krebsrisiko von Tätowierungen wirklich?
Die Frage nach möglichen Krebsrisiken beschäftigt Wissenschaft und Öffentlichkeit seit Jahren. Prof. Bayerl verweist auf Studien, die bei tätowierten Menschen ein vermehrtes Auftreten von Lymphomen sowie ein erhöhtes Risiko für schwarzen Hautkrebs beobachtet haben. Die Interpretation dieser Daten sei allerdings schwierig. So zeigten manche Untersuchungen paradoxerweise höhere Hautkrebsraten bei Personen mit kleinen Tattoos als bei Menschen mit großflächigen Tätowierungen. Sicher ist jedoch, dass Teile der beim Tätowieren eingebrachten Pigmente nicht an Ort und Stelle bleiben. So findet man regelmäßig, etwa im Rahmen der Melanomdiagnostik, schwarz verfärbte regionale Wächter-Lymphknoten. „Das heißt aber noch nicht, dass da Melanom-Metastasen drin sind“, betont Prof. Bayerl. Welche Folgen diese Farbablagerungen langfristig für die Immunfunktion haben, wird derzeit intensiv erforscht.
Auch im Praxisalltag können Tattoos noch nach Jahren Probleme bereiten. So erschweren sie beispielsweise die Hautkrebsvorsorge, wenn Pigmentmale teilweise verdeckt werden. „Ich brauche doppelt so lang für einen Patienten, der ein größeres Tattoo trägt“, berichtet Prof. Bayerl. Unklare Hautveränderungen müssten deshalb häufiger entfernt und histologisch untersucht werden. Dass durch die Exzision möglicherweise ein Motiv beschädigt wird, nähmen Betroffene aber in der Regel in Kauf.
So beliebt die bunten Hautmotive auch sind: Manchen Menschen sollte man von einer Tätowierung generell abraten. Dazu zählen Immunsupprimierte, Schwangere, Stillende sowie Menschen mit HIV-Infektion, chronischen Wunden oder bestimmten Hauterkrankungen. Und eines gilt ungeachtet der individuellen Risiken: „Es gibt keine Tattoofarbe, die medizinisch sicher ist oder eine Medizinproduktzulassung führt.“
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