Hochverarbeitete Lebensmittel: Wie schädlich sind sie?
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Etwa die Hälfte aller Lebensmittel im Supermarkt gilt als hochverarbeitet. Diese Produkte stehen im Verdacht, Überessen, Adipositas und Folgeerkrankungen zu fördern. Wie belastbar ist die Evidenz? Ein Ernährungsexperte erklärt, was dran ist am schlechten Ruf der hochverarbeiteten Lebensmittel.
Tiefkühlpizza, abgepacktes Brot, Proteinriegel – sie sind praktisch, günstig zu haben und nahezu überall verfügbar. Hochverarbeitete Lebensmittel verlocken im stressigen Alltag zu einer schnellen, unkomplizierten Nahrungsaufnahme.
Inwieweit sie die Gesundheit beeinträchtigen, wird kontrovers diskutiert. Grund ist die unklare Studienlage, denn die Erforschung der verschiedenen Kostformen hat ein echtes Problem: Eine einheitliche, kontrollierbare und reproduzierbare Methodik anzuwenden, wie es bei Interventionsstudien mit Pharmaka gang und gäbe ist, ist bei der Ernährung nahezu unmöglich. (Warum Ergebnisse aus Ernährungsstudien trotz großer Datensätze mit Vorsicht zu interpretieren sind, zeigt auch ein Medical-Tribune-Bericht über die Schwächen von Ernährungsstudien.)
„Das ist ein Evidenzniveau, das wir schlichtweg nicht leisten können, weil wir nicht Tausende Menschen jahrzehntelang einsperren können, um zu sehen, was hochverarbeitete Lebensmittel machen oder auch nicht machen“, erklärt Prof. Dr. Mathias Fasshauer von der Justus-Liebig-Universität Gießen im Podcast O-Ton Allgemeinmedizin.
Überessen und Adipositas als zentrale Folgen von hochverarbeiteten Lebensmitteln
Und doch konnte man bereits wertvolle Informationen aus etlichen, gut gemachten Studien ableiten. So gibt es ausreichend Evidenz, dass der regelmäßige Verzehr hochverarbeiteter Lebensmittel mit einer höheren Kalorienaufnahme einhergeht. Auch lässt sich belegen, dass die enthaltenen Aromen, Süßungsmittel und verschiedenen Zuckerarten systematisch das sogenannte Überessen und damit Übergewicht fördern", erklärt Prof. Fasshauer. „Die Indizien sind aus meiner Sicht überwältigend, weil sie aus den verschiedensten Richtungen kommen und wir ziemlich klar sagen müssen: Hochverarbeitete Lebensmittel sind einer der ganz wichtigen Punkte, warum in den letzten 50 Jahren in Deutschland – und anderen Gegenden später oder früher – Adipositas zugenommen hat.“
Als Folge von Übergewicht steigt das Risiko für Typ-2-Diabetes, kardiovaskuläre Krankheiten und das metabolische Syndrom. Aber auch für psychische Erkrankungen wie Demenz und Depression hat man Assoziationen zu hochverarbeiteten Lebensmitteln gefunden. (Welche epidemiologischen Befunde und möglichen Mechanismen zu den gesundheitlichen Folgen diskutiert werden, fasst ein Artikel zu ultraprozessierten Lebensmitteln zusammen.)
Welche Maßnahmen zur Adipositasprävention wirklich sinnvoll wären
Gegenmaßnahmen zu ergreifen, um hochverarbeitete Lebensmittel als Treiber der genannten Volkskrankheiten zu reduzieren, erachtet Prof. Fasshauer als absolut notwendig. „Ich bedauere allerdings sehr, dass die Zuckersteuer nur an den zuckergesüßten Softdrinks ansetzt und im Prinzip nur dazu führen wird, dass mehr Light-Getränke konsumiert werden bzw. die Industrie den Zuckergehalt runternimmt und durch Süßungsmittel ersetzt. Wir haben sehr, sehr gute Daten, dass das an den Adipositasraten wenig bis gar nichts ändern würde“, sagte der Experte. Eine generelle „Softdrink-Steuer“, die auch Getränke mit Süßungsmitteln einschließt, wäre aus seiner Sicht die bessere Maßnahme. (Wie die geplante Abgabe ausgestaltet ist, ordnet ein aktueller Bericht zur Zuckersteuer ein: Getränke mit künstlichen Süßstoffen sind von der beschriebenen Regelung ausgenommen.)
Wie erkennt man nun hochverarbeitete Lebensmittel? Prof. Fasshauer forscht seit etwa 30 Jahren auf dem Gebiet und konnte mit seiner Arbeitsgruppe zeigen, dass Aromen einen beträchtlichen Anteil an den gesundheitsschädlichen Effekten haben. Weitere sogenannte Hochverarbeitungsmarker wie Emulgatoren, Farbstoffe und Süßungsmittel spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Einer seiner Tipps, wie man ein hochverarbeitetes Produkt im Supermarkt erkennt, ist deshalb das Prüfen der Zutatenliste nach enthaltenen Aromen. „Wir wissen aus unseren eigenen Daten, dass, wenn Sie auf Lebensmittel mit Aromen verzichten, Sie automatisch auf über 50 % der hochverarbeiteten Lebensmittel verzichten.“
Was der Experte noch rät, um gesunde von ungesunden Produkten zu unterscheiden, welche Gegenmaßnahmen er als sinnvoll erachtet und was er den hausärztlichen Kolleginnen und Kollegen für die Ernährungsberatung empfiehlt, erfahren Sie in der Podcast-Folge von O-Ton Allgemeinmedizin. (Eine ergänzende Orientierung für die allgemeine Ernährungsberatung bieten die DGE-Empfehlungen, die Medical Tribune zusammengefasst hat.)
Yvonne Emard
Mehr zum O-Ton Allgemeinmedizin
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