Sturzprävention im Alter

Weniger ist mehr: Deprescribing senkt Sturzrisiko im Alter

132. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin
|Erschienen am: 
Stürze im höheren Lebensalter: Oft erhöhen Medikamente das Risiko.

Jede dritte Person über 65 stürzt zumindest einmal pro Jahr. Welche Medikamente das Risiko treiben, warum Schlafmittel heikel sind und weshalb Osteoporose oft zu spät behandelt wird.

Ein großes Problem im Alter sind wiederholte Stürze, erklärte Dr. Thea Laurentius von der Universitätsklinik für Geriatrie in Oldenburg. Jede dritte Patientin oder jeder dritte Patient im Alter von über 65 Jahren stürzt mindestens einmal im Jahr, bei den über 85-Jährigen ist es die Hälfte, erklärte die Referentin. Das Sturzrisiko steigt abhängig von der Medikation.

Sogenannte Fall Risk Increasing Drugs (FRID) sind:

Bei den Betablockern sollte stets die Indikation überprüft werden, meinte die Kollegin. Sie erlebe immer wieder, dass geriatrische Patientinnen und Patienten beispielsweise Probleme bei der Tagesaktivierung haben, weil der Blutdruck beim Aufrichten in den Keller sacke, berichtete Dr. Laurentius. Da müsse man kritisch hinterfragen, ob der Betablocker wirklich gebraucht werde.

Wer eine Schmerztherapie benötigt, sollte sie natürlich erhalten, betonte Dr. Laurentius im Hinblick auf die Opiattherapie. Aber möglicherweise lässt sich die Dosis der Medikamente verringern.

Die Einnahme von Schlafmitteln kritisch hinterfragen

Die Sturzgefahr bei Benzodiazepinen und Z-Substanzen beruht nicht nur auf mangelnder Vigilanz, sondern auch auf der muskelrelaxierenden Wirkung dieser Schlafmittel, erläuterte Dr. Laurentius. Der Wunsch nach erholsamem Schlaf ist verständlich. Dass man im Alter nicht mehr durchschläft, häufiger wach wird und weniger erholsam schläft als in jungen Jahren, ist aber normal, betonte sie. Vielfach bestehe aber in der Gesellschaft das falsche Bild, dass man unbedingt durchschlafen müsse.

Wenn ältere Patientinnen und Patienten länger als wenige Wochen Benzodiazepine oder Z-Substanzen eingenommen haben, ist das Absetzen schwierig. Eine stufenweise Dosisreduktion kann allein daran scheitern, dass sehr niedrige Dosierungen zum Ausschleichen nicht als Fertigarzneien zur Verfügung stehen und dass nur wenige Apotheken bereit sind, die benötigten Dosierungen herzustellen.

Ein pragmatischer Ansatz ist die wiederholte Halbierung der Wirkstoffdosis gefolgt vom kompletten Absetzen. Dabei muss man die Betroffenen hinsichtlich der zu erwartenden Phase mit schlechtem Schlaf beraten und besprechen, was man tun kann, wenn der nächtliche Schlaf ausbleibt. Aber klar ist: Einige der Patientinnen und Patienten werden nicht von den Schlafmitteln wegkommen.

Viele Ältere erhalten unzureichende Osteoporosetherapie

Mit dem Sturzrisiko verknüpft ist auch das Thema Osteoporose. Oft wird eine entsprechende Diagnose erst nach einem Sturz mit Fraktur gestellt. Viele ältere Menschen mit Osteoporose erhalten in Deutschland trotz bestehender Indikation keine Basistherapie mit Vitamin D (1.000 IE/d) und Kalzium, geschweige denn eine spezifische Osteoporosetherapie mit Bisphosphonaten oder gar Antikörpern nach einer Fraktur.

Man sollte wenigstens mit der Basistherapie anfangen, schlug Dr. Laurentius vor. Eine intravenöse Therapie mit Bisphosphonaten könne möglicherweise über eine nahegelegene Klinikambulanz realisiert werden. Wenn die Nierenfunktion gut ist, aber eine solche Einrichtung für die intravenöse Therapie nicht erreichbar ist, kann die Therapie auch oral erfolgen.

Zahnärzte raten wegen des Risikos einer Kieferosteonekrose häufig von der Bisphosphonattherapie ab, so Dr. Laurentius’ Erfahrung. Dabei ist das Risiko für eine erneute Fraktur mit ihren Folgen ohne die Therapie viel größer als das Risiko für eine Kieferosteonekrose unter einer Bisphosphonattherapie wegen Osteoporose. Die Dosis ist in dieser Indikation geringer als in der Onkologie, betonte die Geriaterin. Entsprechend niedriger fällt dann auch das Risiko für Kieferosteonekrosen aus.

Friederike Klein

Friederike Klein

Dipl.-Biologin Friederike Klein ist seit 2005 freiberuflich als Medizin- und Wissenschaftsjournalistin tätig. Ihr Schwerpunkt liegt auf der aktuellen Berichterstattung von Kongressen im Bereich Hämatologie und Onkologie, Innere und Viszeralmedizin, Dermatologie sowie Neurologie und Psychiatrie. Sie ist seit vielen Jahren als freie Mitarbeiterin für die Medical Tribune und die Fachtitel des Verlags tätig.

Schlagwörter:

Das könnte Sie auch interessieren