Heartsink-Response: Von der Angst vor schwierigen Patiententerminen
Heartsink-Response: Von der Angst vor schwierigen Patiententerminen
Gefühle von Frustration, Hilflosigkeit oder Verzweiflung beim Gedanken an eine bestimmte Patientin oder einen Patienten machen sich breit? Der englische Terminus hierfür lautet „Heartsink-Response“. Sie wird von Ärztinnen und Ärzten als große Belastung empfunden und kann sogar das Behandlungsergebnis beeinträchtigen. Doch es gibt Strategien, dies zu verhindern.
„Heute steht Frau X oder Herr Y im Terminkalender. Mir graut vor der Begegnung. Ich weiß therapeutisch nicht mehr weiter und lege mir bereits jetzt mögliche Antworten auf die erwarteten Fragen zurecht. Ich befürchte, dass die Begegnung aus dem Ruder laufen könnte.“ Derartige Gefühle sind typisch für eine „Heartsink-Response“. Eine deutsche Entsprechung für diesen von Dr. Tom O´Dowd geprägten Terminus gibt es nicht. Man könnte sagen: Beim Gedanken an den antsehenden Patiententermin "rutscht den Betroffenen das Herz in die Hose“. Sriya Muralidharan, University of Chicago und ihre Kolleginnen und Kollegen wollten diesem Phänomen auf den Grund gehen und Lösungsstrategien vermitteln. Fälle, die die beschriebene Gemütslage provozieren können, teilten sie in fünf Kategorien ein:
Alle der zahlreichen Behandlungsversuche waren ineffektiv.
Die Erkrankung verschlimmert sich trotz aller ärztlicher Bemühungen oder infolge von Noncompliance und es treten Komplikationen auf.
Es gibt psychische Belastungen, Ängste oder vorausgegangene Traumata, für deren Diagnostik oder Therapie sich die behandlende Ärztin bzw. Arzt nicht ausgebildet fühlt.
Es liegen sozial komplexe Situationen vor, z. B. kognitive Einschränkungen, Entwicklungsverzögerungen mit Langzeitpflegebedarf oder Pflegeeinrichtungen, die mit der Patientin oder dem Patienten nicht vertraut sind.
Es bestehen überzogene Erwartungen , z. B. die einer Heilung bei nicht heilbaren Erkrankungen.
Vermeidungsstrategien bei schwierigen Patiententerminen beeinträchtigen die Behandlung
Zunächst einmal ist es wichtig zu erkennen, dass eine Heartsink-Response vorliegt, um gegensteuern zu können, schreibt das Autorenteam. Ansonsten könnte es dazu kommen, dass die betroffenen Ärztinnen und Ärzte sich Vermeidungsstrategien zurechtlegen, z. B. Diskussionen abkürzen, die Konsultationszeit kurz halten und Hinweise übersehen. Ein zentraler Baustein der Heartsink-Bewältigung ist die strukturierte Kommunikation, gepaart mit einer klaren Erwartungshaltung. Kommunikation wird vor allem dann wichtig, wenn das Gegenüber Grenzen überschreitet, verbal oder physisch. Schon zu Beginn des Patientenkontakts gilt es, gemeinsam erreichbare Ziele zu vereinbaren. Man sollte dabei im Auge behalten, dass eine Heartsink-Response den Weg versperren kann, der der beste für die Kranken wäre.
Auch ohne klare Diagnose erfolgreich therapieren
Das Gefühl, etwas übersehen zu haben, führt mitunter zu ausufernder, aber ergebnisloser Diagnostik und provoziert schlimmstenfalls Komplikationen. So warnt das Autorenteam beispielsweise bei Patientinnen und Patienten mit chronischen, bislang erfolglos therapierten Bauchschmerzen unklarer Genese vor wiederholten Endoskopien, Bildgebungen oder Überweisungen an die Chirurgie. Durch die Fixierung darauf, der Patientin oder dem Patienten eine klare Diagnose mitteilen zu müssen, kann zum Beispiel die Chance auf eine erfolgreiche Schmerztherapie mit rein symptomatischem Ansatz verpasst werden.
Eine Konsultation muss auch nicht immer ein klares Ergebnis haben. Allein die Zeit, die den Erkrankten bei dem Termin geschenkt wird, kann helfen. „Es gibt nichts, was man medizinisch noch tun könnte“ ist nicht gleichbedeutend mit „es gibt nichts mehr zu tun“, stellt das Expertenteam klar. Es empfiehlt daher, für komplexere Fälle mehr Zeit zu reservieren und besser regelmäßige Konsultationen anzubieten als reaktive ungesteuerte Termine.
Kognitive Umdeutung und radikale Akzeptanz als Schutzschild
Manchmal muss man einfach akzeptieren, dass man die Situation nicht kontrollieren kann – radikale Akzeptanz gehört zu den Coping-Strategien und hat nichts mit Resignation zu tun. Hilfreich bei einem solch komplexen Arzt-Patienten-Verhältnis kann zudem ein Kommunikationstraining sein oder die multidisziplinäre Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen aus angrenzenden Disziplinen (je nach Indikation z. B. aus der Onkologie oder Psychologie).
Zudem schützt eine „kognitive Umdeutung“ vor einer Heartsink-Response. Das heißt, statt die Äußerung der Behandelten als Ärger, Frustration oder Unzufriedenheit mit der Behandlung zu interpretieren, könnte man sie als Ausdruck von Unsicherheit, mangelnder Kontrolle oder Verlusterfahrungen sehen. Auch wenn diese Begegnungen emotional herausfordernd sind, können sie die Gelegenheit für Selbstreflexion und tieferes therapeutisches Engagement bieten, geben die Autorinnen und Autoren zu bedenken.
Muralidharan S et al. Gastroenterology 2026; doi: 10.1053/j.gastro.2026.07.008
Dr. Vera Seifert
Gefühle von Frustration, Hilflosigkeit oder Verzweiflung beim Gedanken an eine bestimmte Patientin oder einen Patienten machen sich breit? Der englische Terminus hierfür lautet „Heartsink-Response“. Sie wird von Ärztinnen und Ärzten als große Belastung empfunden und kann sogar das Behandlungsergebnis beeinträchtigen. Doch es gibt Strategien, dies zu verhindern.
„Heute steht Frau X oder Herr Y im Terminkalender. Mir graut vor der Begegnung. Ich weiß therapeutisch nicht mehr weiter und lege mir bereits jetzt mögliche Antworten auf die erwarteten Fragen zurecht. Ich befürchte, dass die Begegnung aus dem Ruder laufen könnte.“ Derartige Gefühle sind typisch für eine „Heartsink-Response“. Eine deutsche Entsprechung für diesen von Dr. Tom O´Dowd geprägten Terminus gibt es nicht. Man könnte sagen: Beim Gedanken an den antsehenden Patiententermin "rutscht den Betroffenen das Herz in die Hose“. Sriya Muralidharan, University of Chicago und ihre Kolleginnen und Kollegen wollten diesem Phänomen auf den Grund gehen und Lösungsstrategien vermitteln. Fälle, die die beschriebene Gemütslage provozieren können, teilten sie in fünf Kategorien ein:
Alle der zahlreichen Behandlungsversuche waren ineffektiv.
Die Erkrankung verschlimmert sich trotz aller ärztlicher Bemühungen oder infolge von Noncompliance und es treten Komplikationen auf.
Es gibt psychische Belastungen, Ängste oder vorausgegangene Traumata, für deren Diagnostik oder Therapie sich die behandlende Ärztin bzw. Arzt nicht ausgebildet fühlt.
Es liegen sozial komplexe Situationen vor, z. B. kognitive Einschränkungen, Entwicklungsverzögerungen mit Langzeitpflegebedarf oder Pflegeeinrichtungen, die mit der Patientin oder dem Patienten nicht vertraut sind.
Es bestehen überzogene Erwartungen , z. B. die einer Heilung bei nicht heilbaren Erkrankungen.
Vermeidungsstrategien bei schwierigen Patiententerminen beeinträchtigen die Behandlung
Zunächst einmal ist es wichtig zu erkennen, dass eine Heartsink-Response vorliegt, um gegensteuern zu können, schreibt das Autorenteam. Ansonsten könnte es dazu kommen, dass die betroffenen Ärztinnen und Ärzte sich Vermeidungsstrategien zurechtlegen, z. B. Diskussionen abkürzen, die Konsultationszeit kurz halten und Hinweise übersehen. Ein zentraler Baustein der Heartsink-Bewältigung ist die strukturierte Kommunikation, gepaart mit einer klaren Erwartungshaltung. Kommunikation wird vor allem dann wichtig, wenn das Gegenüber Grenzen überschreitet, verbal oder physisch. Schon zu Beginn des Patientenkontakts gilt es, gemeinsam erreichbare Ziele zu vereinbaren. Man sollte dabei im Auge behalten, dass eine Heartsink-Response den Weg versperren kann, der der beste für die Kranken wäre.
Auch ohne klare Diagnose erfolgreich therapieren
Das Gefühl, etwas übersehen zu haben, führt mitunter zu ausufernder, aber ergebnisloser Diagnostik und provoziert schlimmstenfalls Komplikationen. So warnt das Autorenteam beispielsweise bei Patientinnen und Patienten mit chronischen, bislang erfolglos therapierten Bauchschmerzen unklarer Genese vor wiederholten Endoskopien, Bildgebungen oder Überweisungen an die Chirurgie. Durch die Fixierung darauf, der Patientin oder dem Patienten eine klare Diagnose mitteilen zu müssen, kann zum Beispiel die Chance auf eine erfolgreiche Schmerztherapie mit rein symptomatischem Ansatz verpasst werden.
Eine Konsultation muss auch nicht immer ein klares Ergebnis haben. Allein die Zeit, die den Erkrankten bei dem Termin geschenkt wird, kann helfen. „Es gibt nichts, was man medizinisch noch tun könnte“ ist nicht gleichbedeutend mit „es gibt nichts mehr zu tun“, stellt das Expertenteam klar. Es empfiehlt daher, für komplexere Fälle mehr Zeit zu reservieren und besser regelmäßige Konsultationen anzubieten als reaktive ungesteuerte Termine.
Kognitive Umdeutung und radikale Akzeptanz als Schutzschild
Manchmal muss man einfach akzeptieren, dass man die Situation nicht kontrollieren kann – radikale Akzeptanz gehört zu den Coping-Strategien und hat nichts mit Resignation zu tun. Hilfreich bei einem solch komplexen Arzt-Patienten-Verhältnis kann zudem ein Kommunikationstraining sein oder die multidisziplinäre Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen aus angrenzenden Disziplinen (je nach Indikation z. B. aus der Onkologie oder Psychologie).
Zudem schützt eine „kognitive Umdeutung“ vor einer Heartsink-Response. Das heißt, statt die Äußerung der Behandelten als Ärger, Frustration oder Unzufriedenheit mit der Behandlung zu interpretieren, könnte man sie als Ausdruck von Unsicherheit, mangelnder Kontrolle oder Verlusterfahrungen sehen. Auch wenn diese Begegnungen emotional herausfordernd sind, können sie die Gelegenheit für Selbstreflexion und tieferes therapeutisches Engagement bieten, geben die Autorinnen und Autoren zu bedenken.
Muralidharan S et al. Gastroenterology 2026; doi: 10.1053/j.gastro.2026.07.008
Dr. Vera Seifert
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