Gefäßrisiko durch E-Zigaretten, Tabakerhitzer und Co.

Sicheres Nikotin gibt es nicht

Aus der Fachliteratur
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Auf Social Media erfahren tabakfreie Nikotinbeutel, sogenannter „White Snus“, durch stylische Verpackungen und fruchtige Geschmacksrichtungen aktuell einen Hype. Oft werden die Beutel einfach als Snus bezeichnet, was jedoch offiziell Schnupftabak bzw. die bräunlicheren, tabakhaltigen Beutel meint.

Weniger schädlich heißt nicht harmlos: Nicht nur Zigaretten, auch Tabakerhitzer, E-Zigaretten, Shishas und Snus enthalten Nikotin und fördern damit die endotheliale Dysfunktion. Schluss mit den Schlupflöchern für neuere Produkte, fordert ein Expertenteam: Gefäßschutz braucht rauchfreie Räume ohne Ausnahmen – und eine einheitliche Gesetzgebung.

Schätzungsweise acht Millionen Todesfälle pro Jahr weltweit sind tabakbedingt, davon entfallen 1,2 bis 1,3 Millionen auf die passive Rauchexposition, schreibt ein Team um Prof. Dr. Thomas Münzel von der Universitätsmedizin Mainz. Allein in Europa sind es 1,2 Millionen Todesfälle, 50 bis 65 % davon liegen Herz- oder Gefäßschäden zugrunde. Denn Nikotin sorgt für oxidativen Stress und Entzündungen – die Grundlage einer endothelialen Dysfunktion. Sie ist der „gemeinsame biologische Fingerabdruck von Nikotin“, schreiben die Autoren. Die Folgen sind unter anderem Hypertonie, akutes und chronisches Koronarsyndrom, Herzinsuffizienz und Schlaganfall.

Die Effekte auf die Endothelfunktion lassen sich nur bei vollständiger Abstinenz wieder rückgängig machen. Nikotin ist damit einer der stärksten vermeidbaren kardiovaskulären Risikofaktoren, betonen die Experten. Deshalb fordern sie mehr staatliche Regulierungen zur Prävention von Gesundheitsschäden, und zwar für alle nikotinhaltigen Produkte.

Oft wird in Zusammenhang mit neueren Produkten wie E-Zigaretten, Geräten zum Erhitzen (Heat-not-Burn), Nikotinbeutel, Snus oder Shishas der Terminus „weniger schädlich als die Zigarette“ verwendet. Dies halten die Autoren für irreführend, weil es eine gesundheitliche Unbedenklichkeit suggeriert. Doch jegliche Nikotinexposition kann die Gefäßfunktion beeinträchtigen. Zudem fehlten für neuere Produkte robuste Langzeitdaten. Biomarker- und Interventionsstudien hätten dagegen klare Warnsignale geliefert.

Endotheliale Dysfunktion als gemeinsamer Fingerabdruck

Tabakerhitzer, Shishas und Snus sind demnach durch eine ähnlich hohe oder sogar höhere Nikotinabgabe gekennzeichnet wie Zigaretten, und mit höheren Dosen steigt auch die Evidenz für kardiovaskuläre Schäden. Bei E-Zigaretten variiert die Nikotinabgabe, ist aber oft hoch mit mittlerer bis hoher Evidenz für Gefäßschäden. Nikotin aktiviert das sympathische Nervensystem, was direkt oder über eine endotheliale Dysfunktion zu einer koronaren Vasokonstriktion führt. Außerdem erhöhen sich Herzfrequenz, Blutdruck und Kontraktilität des Myokards. Dessen Bedarf an Sauerstoff und Nährstoffen nimmt dadurch zu. Kann er, u. a. durch die koronare Vasokonstriktion, nicht gedeckt werden, drohen Ischämie und Myokardinfarkt und letztlich der plötzliche Herztod.

Bei E-Zigaretten ist die Exposition gegenüber bestimmten Verbrennungsprodukten geringer als bei Tabakzigaretten. Sie enthalten jedoch häufig hohe, rasch ansteigende Nikotindosen, was die Autoren als „Turbo“ für die Nikotinsucht bezeichnen. Außerdem enthält ihr Aerosol neben Nikotin weitere biologisch aktive Substanzen.

Keine Schlupflöcher mehr für neue Produkte

Alle nikotinhaltigen Produkte verursachen vaskuläre Schäden – auch wenn Langzeitdaten für Verabreichungsformen jenseits der klassischen Zigarette oft fehlen. Um der Gefahr Rechnung zu tragen, sind nach den Autoren des Positionspapiers diese acht Maßnahmen nötig:

  • Verbot aromatisierter Nikotinprodukte (insbesondere Frucht-, Minz- und Süßvarianten), da diese bei Jugendlichen den Einstieg fördern und eine Entwöhnung unterlaufen

  • Einheitliche Besteuerung aller Nikotinprodukte auf Basis des Nikotingehalts unabhängig von der Art der Zufuhr

  • Verpflichtung zum „Plain Packaging“, d. h. keine Logos, Farben, Bilder etc. auf der Verpackung – auch für E-Zigaretten, orale Nikotinprodukte und Tabakerhitzer

  • Beschränkung des Online-Verkaufs (Altersverifikation) nikotinhaltiger Produkte, Verbot von Werbung in sozialen Medien, durch Influencer sowie von gerätebezogenen Imagekampagnen

  • Ausweitung der Nichtraucherschutzgesetze auf Außenterrassen, Cafés, Kinderspielplätze, Sportstadien etc.

  • Verankerung von Nikotin in nationalen kardiovaskulären Präventionsplänen

  • Umlenkung öffentlicher Mittel: statt Tabak- und Nikotinsubventionen Gesundheitsförderung und Prävention

  • Verbot von Produktplatzierungen in Medien und Unterhaltung bzw., sofern nicht möglich, verpflichtende Anti-Tabakhinweise

Passive Exposition bleibt ein unterschätztes Problem

Besonders gefährdet, eine Sucht zu entwickeln, sind Jugendliche und junge Erwachsene. Außerdem geben Nutzer von E-Zigaretten die Tabakzigarette oft nicht vollständig auf, sondern konsumieren beides. Dieser verbreitete „Dual Use“ führt zu einer hohen kumulativen Nikotinbelastung. Davon abgesehen sind auch die biologisch aktiven Substanzen im Aerosol wie Carbonyle und Aromastoffe nicht gesundheitlich unbedenklich.

Ein weiterer wichtiger Gesichtspunkt in puncto Präventionsstrategien ist für die Experten die passive Nikotinexposition. Bereits kurze passive Inhalationen könnten zu erhöhter endothelialer Dysfunktion, Thrombozytenaktivierung und Entzündungsreaktionen in den Gefäßen führen. Besonders betroffen sind Minderjährige, Schwangere, ältere Menschen sowie Personen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Kinder haben ein Recht auf saubere Luft, betonen die Autoren. Rauchfreiheit sollte sich daher auch den Dampf von E-Zigaretten, Tabakerhitzern und Shishas beziehen und in folgenden Bereichen gelten:

  • Spielplätze, Schulen und Freizeitflächen

  • Außenbereiche von Restaurants, Cafés und Bars

  • Haltestellen, Bahnsteige und Bahnhöfe des öffentlichen Verkehrs

  • Gelände von Krankenhäusern und Gesundheitseinrichtungen

  • Parks, Sportanlagen und Stadien

Klare Regulierung für alle nikotinhaltigen Produkte

Auch auf die volkswirtschaftlichen Folgen des Nikotinkonsums machen die Autoren aufmerksam. Die WHO schätzt die globalen Kosten des Tabakkonsums auf über 1,4 Billionen US-Dollar pro Jahr. Das entspricht 1,8 % des weltweiten Bruttoinlandsprodukts. Ein erheblicher Teil wird beansprucht durch eine kardiovaskuläre Versorgung in Form von Langzeittherapien, Medikamenten, Krankenhausaufenthalten, Eingriffen an den Koronarien (PCI) und Rehabilitation. Außerdem entstehen Produktivitätsverluste durch Arbeitsunfähigkeit und vorzeitigen Tod, was allein 8,3 Milliarden Euro in der EU ausmacht.

Und in diesen Modellen seien E-Zigaretten und Co. noch gar nicht berücksichtigt, mahnen die Autoren. Ihrer Meinung nach sollten künftig alle Produkte, die Nikotin enthalten, rechtlich gleich behandelt werden (siehe Kasten).

Münzel T et al. Dtsch Med Wochenschr 2026; 151: 909-918; doi: 10.1055/a-2791-2067

Dr. Vera Seifert

Dr. Vera Seifert

Dr. Vera Seifert ist approbierte Ärztin mit Berufserfahrung im Medizinbereich (Kinderklinik und Praxen niedergelassener Pädiater und Allgemeinärztinnen/Allgemeinärzte). Seit 2024 als freie Autorin tätig.

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