Das ABC der Tabakentwöhnung
Wie kann man Menschen dazu motivieren, mit dem Rauchen aufzuhören? Was braucht es vonseiten der Politik? Welche Möglichkeiten bietet der aktuelle G-BA-Beschluss? Prof. Dr. Stefan Andreas, Sprecher der DGP-Sektion Tabakprävention und Gesundheitsfürsorge von der Lungenfachklinik Immenhausen, beantwortet Fragen.
Herr Professor Andreas, wie viele Menschen rauchen zurzeit und warum?
Prof. Andreas: Über die Jahre hinweg rauchen etwa unverändert knapp 30 % der Menschen in Deutschland, Frauen mittlerweile fast so häufig wie Männer. Die Tabakabhängigkeit stellt dabei die bedeutendste vermeidbare Ursache von Krankheit und Tod dar. Nikotin macht stark abhängig, insbesondere, wenn es inhaliert wird. Studien zufolge wirkt es bezüglich der Abhängigkeit ähnlich intensiv wie Heroin. In sozial benachteiligten Gruppen ist der Tabakkonsum besonders hoch.
Der jährliche volkswirtschaftliche Schaden beläuft sich auf fast 100 Milliarden Euro. Deutschland befand sich auf der Rangliste der europäischen Länder in der Tabakkontrollskala im Jahr 2021 auf Platz 34 von 37.
Wie können Onkolog:innen ihre Patient:innen, die mit dem Rauchen aufhören möchten, am besten unterstützen?
Prof. Andreas: Allen Patient:innen, die rauchen, soll eine Tabakentwöhnung angeboten werden. Die Tabakentwöhnung ist eine der kosteneffektivsten medizinischen Maßnahmen. Diese kann effektiv nach dem ABC-Prinzip — ask, brief advice, cessation support — durchgeführt werden. Das heißt: Fragen, Beratung und Vermittlung an eine weiterführende Maßnahme. Ärzt:innen können die Betroffenen zum Beispiel in ein Entwöhnungsprogramm oder eine Telefonberatung vermitteln oder eine DiGA zur Tabakentwöhnung verordnen.
Seit Kurzem kann nach dem aktuellem G-BA-Beschluss unter gewissen Voraussetzungen eine Therapie der Tabakabhängigkeit mittels Nikotinersatztherapie oder Vareniclin auf Kosten der Krankenkassen durchgeführt werden. Dies ist zum Beispiel möglich, wenn bei Lungen-, Herz- oder Tumorerkrankungen eine DiGA zur Tabakentwöhnung rezeptiert wird. Alternativ stellen auch Tabakentwöhnungskurse eine Option dar.
Wichtige Links zum Thema Tabakkontrolle
Fortbildungen für Ärzt:innen, zum Beispiel auf aekb oder pneumologie.de
Deutsches Krebsforschungszentrum (Heidelberg), Strategie für ein tabakfreies Deutschland 2040
Gibt es zu diesem Thema Fortbildungen für Ärzt:innen und Informationen für Patient:innen?
Prof. Andreas: Ja, zum Beispiel bietet die Ärztekammer Berlin Fortbildungen für Ärzt:innen an. Auf der Homepage der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin sind solche ebenfalls zu finden. Für Patient:innen stehen Selbsthilfematerialien zur Verfügung, zum Beispiel neu erarbeitet von verschiedenen pneumologischen Fachgesellschaften.
Welche Rolle spielt die Kommunikation – was sind Do´s & Dont´s?
Prof. Andreas: Wichtig sind freundliches und unterstützendes Zuhören nach dem Prinzip des motivierenden Interviews. Man sollte das Verhalten der Rauchenden nicht abwerten. Es gilt, Hilfe nach dem ABC-Prinzip anzubieten. Wollen Betroffene den Tabakkonsum nicht beenden, sollte man beim nächsten Kontakt erneut freundliche Hilfe bei der Tabakentwöhnung anbieten.
Und wie gilt es, zu argumentieren, wenn Patient:innen auf E-Zigaretten umsteigen, weil das vermeintlich „gesünder“ ist?
Prof. Andreas: E-Zigaretten sind schädlich und erhalten die Nikotinabhängigkeit aufrecht. Sehr oft rauchen Menschen sowohl E-Zigaretten als auch konventionelle Zigaretten, was besonders gefährlich ist. Daher wird die E-Zigarette von medizinischen Fachgesellschaften und der WHO nicht zur Tabakentwöhnung empfohlen. Es gibt zudem bereits experimentelle und epidemiologische Daten, die eine Assoziation zwischen E-Zigaretten und Lungenkarzinom zeigen.
Inwiefern beeinflusst die Tabakindustrie das Rauchverhalten der Bevölkerung und wie kann man dem entgegenwirken?
Prof. Andreas: Die Nikotin- und Tabakindustrie hat einen starken Einfluss auf die Wissenschaft und die Politik. Der Einfluss auf die Politik ist in Deutschland besonders stark ausgeprägt. Daher ist Deutschland unter den Schlusslichtern in der Tabakprävention. Es braucht Maßnahmen, um die Beeinflussung durch die Tabakindustrie einzuschränken, ebenso die Umsetzung der Strategie für ein „Tabakfreies Deutschland 2040“, und eine vollständige Kostendeckung der Tabakentwöhnung. Nur so lässt sich die abzusehende Kostenexplosion im Gesundheitssystem erfolgreich bremsen.
Die medizinischen Fachgesellschaften folgen der Aufforderung der WHO: Organisationen sollen bei der Bekämpfung des Tabakkonsums weder mit der Tabakindustrie noch mit Einrichtungen, die sich für die Interessen der Tabakindustrie einsetzen, zusammenarbeiten und keine Gelder von ihr annehmen. Die Fachgesellschaften verlangen die Offenlegung von Beziehungen zur Tabakindustrie.
Strategie für ein tabakfreies Deutschland 2040 (DKFZ Heidelberg)
die Tabaksteuern jedes Jahr deutlich erhöhen
Rauchende beim Rauchstopp unterstützen und Kostenübernahme der Behandlung der Tabakabhängigkeit gewährleisten
Werbung für Tabak und verwandte Produkte vollständig verbieten und standardisierte Verpackungen einführen
Verfügbarkeit von Tabak und verwandten Produkten deutlich reduzieren
Wirksam vor Passivrauchen schützen und vollständig tabakfreie Lebenswelten schaffen
Kinderrechte in Bezug auf Tabak konsequent umsetzen und den Jugendschutz verbessern
regelmäßige Kampagnen durchführen, um über Risiken des Tabakgebrauchs aufzuklären, zur Entwöhnung zu motivieren und Tabakfreiheit zur Norm zu machen
im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit Initiativen zur Tabakkontrolle sowie Alternativen zum Tabakanbau unterstützen
politische Entscheidungen wirksam vor der Beeinflussung durch Hersteller von Tabakerzeugnissen und verwandten Produkten sowie deren Organisationen schützen
die Maßnahmen regelmäßig überprüfen, anpassen und weiterentwickeln