Prävention als Leitlinie gegen das Rauchen

„Wir finanzieren die Folgen einer Sucht!“

66. Kongress der DGP
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Ärzt:innen sollen sich gemäß Prof. Streeck ebenso engagiert äußern wie die Tabaklobby.

Tabak- und Nikotinkonsum zählen zu den größten vermeidbaren Ursachen von Krankheit und Tod, mit E-Zigaretten als Teil des Problems. Ein wichtiges Credo lautet: Prävention. Prof. Dr. Hendrik Streeck zeigte Impulse auf, wie man hier vorankommen kann.

Die Zahl der Personen in Deutschland, die rauchen, gehe zwar langsam zurück, vor allem in der Gruppe jüngerer Menschen. „Im europäischen Vergleich liegen wir aber hier Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte, zurück“, konstatierte Prof. Dr. Hendrik Streeck, Beauftragter der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen.

Es würden enorme Ressourcen in die Behandlung tabakbedingter Erkrankungen investiert. Das greife zu kurz: „Wir finanzieren die Folgen einer Sucht, einer Abhängigkeit, die wir in weiten Teilen eigentlich verhindern könnten.“ Europäische Nachbarländer wie Frankreich und Dänemark hätten teils eine wesentlich striktere Tabak- und Nikotinpolitik.

Für Deutschland gelte es also, den Schwerpunkt zu verschieben. Allerdings sei die Tabak- und Nikotinlobby hierzulande sehr stark: stark organisiert, finanziell stark und laut. Das präge auch die Debatten in der Bubble des Bundestags.

Insbesondere Kinder und Jugendliche im Visier der Tabaklobby

Ein Bereich, der Prof. Streeck aktuell große Sorgen bereitet, ist die Entwicklung bei E-Zigaretten und Vapes. Diese gebe es teils mit extrem hohen Nikotinkonzentrationen, in Sorten wie Cola, Erdbeere, Kiwi oder Salted Caramel. „Das sind Produkte, deren Gestaltung eher an Süßigkeiten oder an Wassereis erinnert, aber nicht an ein gefährliches, süchtigmachendes Produkt.“ Die Geschmacksrichtungen sprächen dabei insbesondere Jugendliche und Kinder an.

Neben Nikotin enthalten Vapes Inhaltsstoffe, die „nicht gut sind, wenn man sie inhaliert.“ Unter anderem Menthol: Dieses unterdrücke den Hustenreiz und erleichtere das Inhalieren und somit, gerade bei hohen Nikotinkonzentrationen, auch den Einstieg in eine Abhängigkeit. Der Süßstoff Sucralose wiederum zersetzt sich laut Prof. Streeck ab einer Temperatur von 120 °C, wobei unter anderem Chlorverbindungen und Aldehyde entstehen – also Substanzen, die toxikologisch relevant und zum Teil krebserregend sind. Weitere Zusatzstoffe in Vapes stehen im Verdacht, Organe wie Leber, Niere, Milz oder das zentrale Nervensystem zu schädigen.

Verbot von 13 Vape-Zusatzstoffen gefordert

Wie Prof. Streeck berichtete, wird gerade versucht, das Verbot von 13 Zusatzstoffen in Vapes umzusetzen. „Persönlich würde ich hier sehr viel weitergehen“, so der Experte. Zum Beispiel mit einer Positivliste, die besagt, dass etwa nur noch Tabakgeschmack erlaubt ist. Ähnlich wurde es auch in Dänemark und in den Niederlanden umgesetzt; in Deutschland scheint das aber zurzeit ein unmögliches Vorhaben.

Projekt „Rauchfrei im Mai“

Prof. Streeck wies auf das Angebot „Rauchfrei im Mai“ hin, das den Rauchausstieg erleichtern soll. Getragen wird das Projekt vom Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit. Die Teilnahmezahlen hätten sich im vergangenen Jahr mehr als verdreifacht, 21.000 Menschen haben mitgemacht. Der Experte warb dafür, das Projekt in die eigenen Institutionen weiterzutragen.

Mehr Infos: https://www.rauchfrei-im-mai.de/

Der Wissenschaftler sieht sich mit einer massiven Gegenwehr konfrontiert. „Es wird von einer Unverhältnismäßigkeit gesprochen, vom Ende ganzer Märkte, dass der Mittelstand gefährdet ist, dass ganze Zweige der Wirtschaft zerstört werden.“ Gerade im Tabakbereich sei der Lobbyverband extrem stark.

Als umso wichtiger erachtet er die Unterstützung der ärztlichen Kolleg:innen. Die Stimmen aus den Gesundheitsfächern und der Gesundheitsversorgung müssten ebenso laut werden wie die der Tabakindustrie. Gemeinsam sei es möglich, Änderungen zu bewirken. „Sie kennen die Folgen, Sie haben die fachliche Autorität, Sie haben auch die Glaubwürdigkeit der Bürgerinnen und Bürger“, schloss Prof. Streeck.

Streeck H. 66. Kongress der DGP; Keynote Lecture 2 „Prävention als Leitlinie der Tabak- und Nikotinpolitik“

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