Zosterverdacht nach Impfung: Kein Hinweis auf Kausalität
Kann die Herpes-zoster-Impfung womöglich eine Gürtelrose erst auslösen? Entsprechende Verdachtsfälle legen dies nahe. Doch eine Beobachtungsstudie gibt Entwarnung.
Der rekombinante Herpes-zoster-Impfstoff Shingrix® kam 2018 auf den deutschen Markt. Bereits im Folgejahr wurden dem Paul-Ehrlich-Institut (PEI) 53 Verdachtsfälle von Herpes zoster gemeldet, die kurz nach der Impfung aufgetreten waren, berichten Prof. Dr. Axel Schnuch, Universitätsmedizin Göttingen, und Friederike Sohns, Bundesärztekammer Berlin.
80 Verdachtsfälle systematisch untersucht
Daher startete das Bundesinstitut 2020 eine Anwendungsstudie, um einen möglichen Kausalzusammenhang zu klären. Über sechs Monate wurden 80 Verdachtsfälle näher betrachtet, von denen 72 in die abschließende Bewertung eingingen. Erfasst wurden Anamnese und Medikation der Patientinnen und Patienten, die Läsionen wurden fotografiert sowie Abstriche per PCR und Genotypisierung untersucht.
Zwei Dermatologen bewerteten alle vorliegenden Befunde und kamen in 27 Fällen (37,5 %) zum Ergebnis „Herpes-zoster-positiv“ und in 45 Fällen (62,5 %) zum Ergebnis „Herpes-zoster-negativ“. Bei den als negativ beurteilten Fällen wurden als Differenzialdiagnosen unter anderem Infektionen mit dem Herpes-simplex-Virus (HSV), Ekzeme und unspezifische Exantheme festgestellt.
Zosterähnlich, aber nicht zosterassoziiert
Dieses Resultat entspricht im Übrigen den Beobachtungen der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ), schreiben Prof. Schnuch und seine Koautorin. Die gemeldeten vermeintlichen Zosterfälle entpuppten sich häufig lediglich als zosterähnlich, nicht aber als zosterassoziiert. Bei allen tatsächlichen Zosterfällen handelte es sich beim Auslöser um den Wildtyp des Varizella-zoster-Virus (VZV), nicht um einen impfstoffassoziierten Stamm. Meist traten die Hauterscheinungen dann bei Personen ohne vollständigen Impfschutz auf. Die Ergebnisse deuten also auf einen zeitlichen Zusammenhang hin, nicht jedoch auf eine Kausalität.
Was bleibt, ist die Trigger-Hypothese
Shingrix® ist eine nicht vermehrungsfähige rekombinante Subunit-Vakzine. Ein direkter Zusammenhang zwischen dem Impfstoff und einer Varizella-zoster-Virus-Reaktivierung ist daher biologisch nicht plausibel, schreiben Prof. Schnuch und Friederike Sohns.
Hypothetisch durchaus möglich bleibe allerdings eine wie auch immer geartete „Umstimmung des Immunsystems”. Ganz Ähnliches werde auch im Zusammenhang mit COVID-19-Impfungen diskutiert, berichtet das Autorenteam. Bewiesen seien derartige Hypothesen aber nicht.
Auch weltweit keine neuen Sicherheitssignale
Auch internationale Spontanmeldedaten liefern keinen Hinweis auf einen kausalen Zusammenhang zwischen Zosterimpfungen und VZV-Reaktivierungen. Die gemeldeten Fälle betreffen häufig immunsupprimierte Personen oder Menschen unter immunsuppressiver Medikation, also bekannte Risikokonstellationen für VZV-Reaktivierungen.
Auch eine Splenektomie, ein Alter ab 61 Jahren und Autoimmunerkrankungen haben sich in einer australischen Studie als unabhängige Risikofaktoren erwiesen. Ein neues Sicherheitsrisiko durch Shingrix® lässt sich aus diesen Daten nicht ableiten.
Die Analyse ergab keinen Hinweis auf ein neues Shingrix®-bedingtes Sicherheitsrisiko. Zugleich sind die Herpes-zoster-Impfquoten in Deutschland unzureichend: 80 % der Anspruchsberechtigten ab 60 Jahren sind nicht oder unvollständig geschützt, obwohl gerade dieser Personenkreis besonders gefährdet ist, an Herpes zoster sowie an einer postzosterischen Neuralgie zu erkranken.
Schnuch A, Sohns F. Arzneiverordnung in der Praxis 2026; 53: 113-115