Was ist neu bei den STIKO-Empfehlungen?
Änderungen bei der Meningokokken- und Herpes-zoster-Impfung, die Vakzinen gegen das Chikungunyafieber finden Eingang in den STIKO-Empfehlungen, zudem ist mit der Zulassung einer Influenza-COVID-19-Kombinationsimpfung zu rechnen. Eine Expertin stellte die wichtigsten Neuerungen des Jahres 2026 vor.
Die STIKO hat ihre Impfempfehlungen 2026 in mehreren Punkten grundlegend überarbeitet. Dr. Sabine Jordan von der I. Medizinischen Klinik und Poliklinik am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf gab einen kompakten Überblick über das, was sich für die Impfpraxis ändert.
Invasive Meningokokkeninfektionen: Komplexe Umstellung der Impfempfehlung
Die wohl bedeutendste Änderung betrifft die Prävention von invasiven Meningokokkeninfektionen: Die bisherige Meningokokken-C-Impfung im Kleinkindalter entfällt, berichtete die Referentin. Neu eingeführt wird eine MenACWY-Standardimpfung für Kinder und Jugendliche im Alter von 12 bis 14 Jahren. Die Empfehlung für Säuglinge ab zwei Monaten mit dem MenB-Impfstoff bleibt aber bestehen.
Hintergrund dieser Entscheidung ist die Epidemiologie der Erreger mit besonders hohen Inzidenzraten für invasive Meningokokkenerkrankungen bei Kindern im ersten Lebensjahr sowie bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. In Deutschland dominiert weiterhin Serotyp B, der 59 % der Fälle ausmacht, der Serotyp C hingegen spielt bei uns kaum noch eine Rolle.
Mathematische Modellierungen hätten gezeigt, dass die Impfung in der frühen Jugend nicht nur individuellen Schutz bietet, sondern auch einen Herdeneffekt hat. Denn die Jugendlichen seien die wichtigste Trägergruppe. „Die Idee dahinter ist, dass man das dann mit der HPV-Impfung und mit dem Booster für Tetanus, Diphtherie, Pertussis und Polio kombiniert. Und natürlich bleibt es dabei, dass wir weitere Risikopopulationen haben, die wir impfen sollen.“ Zudem sei die MenACWY-Vakzine in der Reisemedizin von größter Bedeutung, betonte die Impfexpertin. Als Beispiele nannte sie die Pilgerreise nach Mekka, für die es eine Impfpflicht gebe, oder die Familie mit ghanischen oder nigerianischen Wurzeln, die zum Verwandtenbesuch nach Westafrika reist.
Herpes zoster: Empfehlungen für gefährdete Personen schon ab 18 Jahren
Für Herpes zoster hat die STIKO die Empfehlung ausgeweitet, berichtete Dr. Jordan. Bisher war die Zosterimpfung für Menschen mit deutlich erhöhtem Risiko ab dem 50. Lebensjahr indiziert, nun kann man sie bei entsprechender Gefährdung schon ab 18 geben. Das ist etwa für Patientinnen und Patienten nach hämatopoetischer Stammzelltransplantation, unter Rituximab, JAK-Inhibitoren oder zytostatischer Chemotherapie von Bedeutung, zählte die Referentin auf. Relevanz hat diese Änderung aber auch bei maligner Erkrankung, HIV-Infektion, rheumatoider Arthritis und SLE, CED, COPD oder chronischer Niereninsuffizienz. Leichte oder medikamentös gut kontrollierte chronische Erkrankungen bei unter 60-Jährigen stellen laut STIKO indes keine Indikation dar.
Personen, die bereits eine Gürtelrose durchgemacht haben, sollten gleichfalls geimpft werden, jedoch erst nach vollständiger Abheilung und mit einem Abstand von mindestens sechs, besser zwölf Monaten. Auch nach einer Varizellenimpfung in der Kindheit besteht ein gewisses Zosterrisiko durch Reaktivierung des Impfvirus, merkte die Referentin an. Die Impfung erfolgt zweimalig mit dem adjuvantierten Totimpfstoff im Abstand von zwei bis sechs Monaten.
Chikungunyafieber: Neu bei den STIKO-Reiseimpfungen
Erstmals hat die Impfung gegen das Chikungunyavirus Eingang in die STIKO-Empfehlungen gefunden. Zur Verfügung stehen eine Lebend- und eine Totvakzine.
Die Impfung gegen das Chikungunyafieber ist nach STIKO-Empfehlung bei Reisen in Ausbruchsregionen oder bei Hochrisikokonstellationen mit längeren bzw. wiederholten Aufenthalten in Endemiegebieten für Personen ab 12 Jahren indiziert. Besonders von Chikungunya sind derzeit etwa Kuba, Costa Rica und Surinam sowie weitere Teile Südamerikas betroffen, ebenso die Seychellen und Mayotte im Indischen Ozean sowie Sri Lanka und der indische Subkontinent.
Der Lebendimpfstoff hat wegen schwerwiegender neurologischer Nebenwirkungen – u. a. wurde von einem Todesfall durch Enzephalitis berichtet – einen Rote-Hand-Brief erhalten. Die STIKO rät dazu, ihn nur bis zum Alter von 59 Jahren einzusetzen. „Man muss ein bisschen vorsichtig sein, was diesen Lebendimpfstoff angeht“, so Dr. Jordan.
Chikungunyafieber: Ein Virus, das den Menschen in die Knochen fährt
Das Chikungunyavirus (CHIKV) wurde erstmals in Tansania beschrieben. Der Name des Erregers bedeutet dort so viel wie „der gekrümmt Gehende“ und beschreibt treffend das typische Bild schwer betroffener Patientinnen und Patienten. Anders als viele andere Tropenviren wie das Denguevirus gehört CHIKV zu den Alphaviren.
Das durch Stechmücken übertragene Virus verursacht hohes Fieber und ausgeprägte Gelenkschmerzen, viele Infektionen verlaufen aber subklinisch oder mild. In 25–30 % der Fälle kommt es zu persistierenden Arthritiden, die bis zur Berufsunfähigkeit und Invalidität führen können.
Im Jahr 2025 wurden weltweit über 500.000 Chikungunyafälle registriert, berichtete Dr. Jordan. Auch in Deutschland waren im vergangenen Jahr mit 230 importierten Erkrankungen ungewöhnlich viele Menschen betroffen.
Änderungen bei der RSV- und Influenzaimpfung
Zu weiteren Änderungen gab die Referentin einen schnellen Überblick: Beim respiratorischen Synzytialvirus (RSV) wurde der neue mRNA-Impfstoff in die Empfehlung für Ältere aufgenommen, sodass nun drei Impfstoffe zur Verfügung stehen. Die Indikation zur Influenzaimmunisierung wurde für Personen mit beruflichem oder privatem Kontakt zu Schweinen, Geflügel, Wildvögeln und Robben erweitert. Das sei keineswegs geschehen, um diesen Personenkreis vor den bei den Tieren zirkulierenden Influenzastämmen zu schützen, stellte Dr. Jordan klar. Vielmehr wolle man so Koinfektionen mit den zoonotischen Viren verhindern, aus denen neue Influenzastämme hervorgehen könnten.
Kombinierter Influenza-COVID-19-Impfstoff in der Pipeline
Ein kombinierter mRNA-Impfstoff gegen Influenza und COVID-19 hat einen positiven Vorbescheid der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) erhalten, berichtete Dr. Jordan. Allerdings sei in den kommenden Wochen bis Monaten wohl noch nicht mit der Zulassung zu rechnen. Ob die Vakzine zum Herbst 2026 verfügbar sein wird, ist also fraglich.
Nach wie vor ist die COVID-19-Auffrischimpfung von großer Bedeutung, betonte die Referentin. Sie belegte dies mit Daten einer großen Studie aus der US-amerikanischen Veteranenkohorte, für die in der Saison 2024/25 zwei Gruppen verglichen wurden: Personen, die sowohl gegen COVID-19 als auch gegen Influenza geimpft worden waren, und solche, die nur die Influenzaimpfung erhalten hatten.
Die zusätzlich COVID-19-Geimpften kamen seltener in die Klinik, wurden seltener in der Notaufnahme vorstellig und hatten eine niedrigere Sterblichkeit durch COVID-19. „Das heißt, wir haben die Evidenz, dass wir diese Impfung weiter brauchen“, so Dr. Jordans klares Fazit.
Neues zu Mpox, Pneumokokken und Borreliose
Bei Mpox wurde die Risikogruppendefinition auf alle Personen mit sexuellen Risikokontakten ungeachtet der sexuellen Präferenz ausgeweitet. „Und bei den Pneumokokken können wir jetzt auch PCV20* für Kinder über zwei Jahre einsetzen“, so die Impfexpertin. Der bislang genutzte 23-valente Polysaccharidimpfstoff finde sich also überhaupt nicht mehr in den Empfehlungen.
Die Hoffnung auf eine Borreliose-Impfung bekommt neue Nahrung: Eine Phase-3-Studie zu einer entsprechenden Vakzine, die in Europa und den USA durchgeführt wurde, ist inzwischen abgeschlossen. Publizierte Studiendaten liegen zwar noch nicht vor, doch einer Pressemitteilung der Hersteller zufolge erzielte der Impfstoff eine Wirksamkeit von immerhin rund 70 %. Dr. Jordan dämpfte allzu große Erwartungen: Was wirklich in den Studien steckt, werde sich erst mit den vollständigen Daten zeigen.
* 20-valente Pneumokokken-Konjugat-Vakzine