Wege aus dem Diabetesmüll-Dilemma
Mindestens 100 Millionen Pens für Insulin und Inkretinmimetika werden in Deutschland jedes Jahr verbraucht, meist als Einwegprodukte. Hinzu kommen Sensoren, Katheter, Nadeln, Blutzuckerteststreifen und Verpackungen. Noch landet der Großteil davon im Restmüll. Die AG Diabetes, Umwelt & Klima (DUK) der DDG macht sich daher für Müllvermeidung und Recycling stark. Doch bislang fehlt es an Problembewusstsein ebenso wie an klaren Strategien.
Moderne Hilfsmittel erleichtern das Leben von Menschen mit Diabetes –aber sie erzeugen auch eine erkleckliche Menge Abfall. Wie PD Dr. Sebastian Petry vom Universitätsklinikum Gießen mit Blick auf eine – mit nur 49 Teilnehmenden aber möglicherweise nicht repräsentative – US-Erhebung berichtete, fallen bei einer intensivierten konventionellen Therapie mit kontinuierlicher Glukose- sowie Blutzuckermessung rund 1,4 Kilogramm Müll pro Monat an.1 „Das macht rund 2 % des Haushaltsmülls aus.“ Zu beachten ist: Um in dieser Studie das Gewicht des Abfalls zu berechnen, wurden die Gewichtsangaben der Hersteller benutzt, teilweise wurden auch Fotos der teilnehmenden Personen herangezogen. In der Studie wird nicht angegeben, wie viele Teile von welcher Art/Produkt vorkamen.
Zusätzliches Stigma als Umweltsünder?
Diesen vergleichsweise geringen Anteil am gesamten Abfallaufkommen dürfe man in der Debatte nicht vergessen. Und: „Natürlich muss die medizinische Indikation im Vordergrund stehen – niemand will die Versorgung einschränken“, so Dr. Petry.
Die Verantwortung für den Diabetesmüll sieht er bei Industrie und Politik: „Menschen mit Diabetes haben schon mit Stigmatisierung zu kämpfen. Sie dürfen nicht auch noch das Stigma ‚Umweltsünder‘ tragen.“Professor Dr. Christian Unsöld von der TUN Training & Beratung GmbH in Düsseldorf wies darauf hin, dass Recycling nach Vermeidung und Wiederverwendung nur die drittbeste Lösung ist. Allerdings ist der Anteil von wiederverwendbaren Pens in den vergangenen Jahren stetig zurückgegangen: „Mehrwegpens sind sinnvoll, stoßen aber auf praktische Hürden – etwa weil Menschen mit Mobilitätseinschränkungen Schwierigkeiten haben, die Ampulle zu tauschen.“
Wohin mit dem Diabetes-Abfall? – AG DUK hat Online-Befragung zum Thema gestartet
Die AG Diabetes, Umwelt & Klima (DUK) der DDG führt derzeit eine Online-Befragung durch: Wie entsorgen Menschen mit Diabetes Insulin und Hilfsmittel? Der Hintergrund, so PD Dr. Petry: „Es gibt zunehmend Daten über die Menge und Art der Abfälle, die im Rahmen des Diabetesmanagements entstehen. Über die Einstellung der Menschen mit Diabetes zu diesem Thema und ihr Entsorgungsverhalten ist bisher jedoch wenig bekannt.“ Die Ergebnisse der Umfrage sollen nach Auswertung veröffentlicht werden, u. a. in einem wissenschaftlichen Journal, auf Kongressen der DDG, in Pressemitteilungen und über Formate, die sich an Menschen mit Diabetes richten. Übrigens: Die AG DUK hat das Format „Runder Tisch Nachhaltigkeit“ etabliert. Mithilfe der Kommunikationsplattform zwischen Hilfsmittelherstellern, Interessenverbänden, Diabetesteams und Menschen mit Diabetes sollen die Bemühungen zu mehr Nachhaltigkeit koordiniert werden.
Umfrage: redcap.link/entsorgung_diabeteshilfsmittel, mehr zum Thema und zur Umfrage auf diabetes-anker.de
Daher landen hierzulande jährlich schätzungsweise 100 Millionen Pens im Restmüll, ohne dass es flächendeckende Recyclingprogramme gibt. Freiwillige Lösungen seien in Deutschland schwer umzusetzen. „In Frankreich verpflichtet das System ,Dastri‘ Hersteller zur Rücknahme medizinischer Abfälle – dort klappt es hervorragend“, berichtete Prof. Unsöld. In Dänemark sammelt die Firma Novo Nordisk mit ihren Projekten ReMed und ReturPen Millionen Insulinpens, deren Kunststoffbestandteile zu Alltagsgegenständen wie Plastikstühlen verarbeitet werden.
Freiwillige Recycling-Lösungen sind schwer umsetzbar
„In Deutschland ist die Lage fragmentierter“, bedauerte Prof. Unsöld. Unterschiedliche regionale Entsorgungswege, gesetzliche Auflagen und fehlende Finanzierung bremsten den Fortschritt. Ein Pfandsystem oder Sammelstellen in Apotheken könnten helfen – „aber jemand muss es bezahlen“.
Die AG DUK hofft für die Zukunft auf PenDE – ein nationales Rücknahmesystem für Deutschland. „Alle müssen mitspielen: Hersteller, Apotheken, Entsorger, Behörden, Patienten. Aber noch zieht nicht jeder am selben Strang.“
Zumindest patientenseitig scheint es ein hohes Problembewusstsein zu geben, wie DUK-Sprecherin Theresia Schoppe aus Warstein berichtete. Sie stellte vorläufige Ergebnisse einer laufenden Online-Umfrage der DUK vor, an der bis dato 372 Menschen mit Diabetes teilgenommen haben: Ein Großteil macht sich aufgrund seines Diabetesmülls Sorgen um die Umwelt. „Die meisten wünschen sich umweltfreundlichere Materialien und klarere Entsorgungsinformationen – am liebsten direkt auf der Verpackung oder im Benutzerhandbuch“, sagte Schoppe.
Quelle: Tian T et al. Diabetes Care 2025 Jul 1; 48(7): 1198-1203; doi: 10.2337/dc24-2522