Erst präzise Epilepsiediagnostik schafft Lebensqualität
Ob Absencen, Myoklonien oder komplexe Anfälle: Moderne Diagnostik mit Video‑EEG, PET und SPECT macht heutzutage sichtbar, wo im Gehirn ein epileptischen Anfall entsteht. Das ermöglicht gezielte Therapien und verhilft vielen Betroffenen zu einem anfallsfreien Leben.
Die meisten Menschen mit Epilepsie können heutzutage ein Leben ohne Angst vor dem nächsten Anfall führen. Der Schlüssel dazu liegt in einer präzisen Diagnose der jeweiligen Epilepsieform, einer individuell zugeschnittenen medikamentösen Therapie und – wo nötig und wo möglich – in einer epilepsiechirurgischen Operation.
So zeigt sich eine generalisierte Epilepsie
Kennzeichen der generalisierten Epilepsie sind Absencen, Myoklonien und tonisch-klonische Anfälle, die meist schon seit Kindheit und Jugend bestehen. Noch Stunden nach einer Absence kann es zu Zuckungen der Arme kommen, die mitunter so heftig sind, dass ein gehaltener Gegenstand weggeschleudert wird, beschreibt Dr. Berthold Voges vom Epilepsiezentrum Hamburg am Evangelischen Krankenhaus Alsterdorf.
Während die meisten Absencen nur kurz anhalten, dauert ein sogenannter Absencen-Status mehrere Minuten bis Stunden. Die Betroffenen sind währenddessen desorientiert und nicht ansprechbar. Manchmal führen sie komplexe Fehlhandlungen aus, an die sie später keinerlei Erinnerung haben. Als Beispiel dafür berichtet Dr. Voges von einer Studentin, die ihre Küche während eines Absencen-Status in kräftigem Pink gestrichen hatte, wovon sie später selbst sehr überrascht war.
Von der fokalen Epilepsie zum tonisch-klonischen Anfall
Das klinische Bild einer fokalen Epilepsie wird maßgeblich davon bestimmt, in welcher Hirnregion die überschießende elektrische Aktivität ihren Ursprung hat, wo also der sogenannte epileptogene Fokus liegt. Die Aktivität kann sich auf andere Areale des Gehirns ausbreiten oder die Gegenseite erfassen. Letzteres resultiert in einem bilateralen tonisch-klonischen Anfall.
Anfälle des Frontallappens währen in der Regel kurz
Anfälle des Frontallappens ereignen sich häufiger im Schlaf als im Wachzustand. Je nach betroffener Hirnregion treten repetitive fokale Kloni, abrupte Tonisierungen, hyperkinetische Bewegungsstürme oder agitiert wirkende schablonenhafte Verhaltensmuster auf. Die Anfälle sind in der Regel kurz, die Betroffenen sind für den Vorfall amnestisch. Interiktal kann es zu Konzentrations-, Aufmerksamkeits-, Affekt- und Impulskontrollstörungen kommen.
Schläfenlappenanfälle können zu Affektstörungen führen
Bei temporal bedingten Epilepsien kann es für Sekunden oder Minuten zur Bewusstlosigkeit kommen. Die Anfälle kündigen sich unter Umständen durch eine inadäquate Geruchswahrnehmung, unbegründete Gefühlsaufwallung, psychoseähnliche Denkstörungen oder Pseudohalluzinationen an. Vegetative Symptome wie Gesichtsröte, Blässe, Tachy- oder Bradykardie können hinzukommen. Bei häufigen Anfällen im Schläfenlappen kann es zur Minderung der Lern- und Merkfähigkeit kommen, zu Depressionen und anderen organisch bedingten Affektstörungen.
Anfälle in Scheitel- oder Hinterhauptlappen sorgen für Fehlwahrnehmungen
Parietale Anfälle sind durch Fehlwahrnehmungen wie Par- oder Dysästhesien und komplexe visuelle Illusionen gekennzeichnet. Beispielhaft berichtet der Verfasser über einen Patienten, der ihn während der Untersuchung als weißbekitteltes Wesen mit Schweinekopf sah und Passanten als Butterkekse wahrnahm. Eher einfache visuelle Wahrnehmungen wie bunte Punkte, drehende Kreise oder Muster im kontralateralen Gesichtsfeld weisen auf einen okzipitalen Anfall hin. Während oder nach parietalen und okzipitalen Anfällen treten oft Kopfschmerzen über der betroffenen Region auf.
Diagnostisch stehen verschiedene Verfahren zur Verfügung
Zur Diagnostik bei Verdacht auf eine Epilepsie stehen eine ganze Reihe Verfahren zur Auswahl. Im Video-EEG wird über 20 bis 45 Minuten die Geschwindigkeit der Hirnstromwellen ermittelt. Eine diffuse Verlangsamung kann auf eine Bewusstseinstrübung oder eine metabolisch bedingte Einschränkung der Hirnfunktion hinweisen, etwa bei Nieren- oder Leberinsuffizienz. Herdförmige Verlangsamungen und Spike-Wave-Komplexe sprechen für eine fokale Hirnfunktionsstörung bzw. Epilepsie. Per Langzeit-Video-EEG-Monitoring lassen sich Hirnaktivität und Krankheitszeichen der Patientinnen und Patienten über drei bis fünf Tage aufzeichnen, in Einzelfällen auch über zwei Wochen.
Mittels Single-Photonen-Emissions-CT (SPECT) lässt sich die anfallsbedingte Hyperperfusion betroffener Hirnareale sichtbar machen. Zu diesem Zweck wird unmittelbar zu Beginn eines Anfalls ein Kontrastmittel injiziert, das sich daraufhin in der Region der epileptischen Aktivität anreichert. Ähnliches gelingt mit der Fluordesoxyglukose-PET, die den epileptogenen Fokus anhand schwach radioaktiv markierter Zuckermoleküle und der veränderten Glukosemetabolisierung darstellt. Beide Verfahren lassen sich mit der MRT koppeln.
Ohne anfallssuppressive Dauertherapie geht es nicht
Auch die neuropsychologische Untersuchung gibt Hinweise auf den Epilepsiefokus. So lassen sich Einschränkungen im verbal-mnestischen Bereich Störungen im dominanten Schläfenlappen zuordnen, Defizite bei Aufmerksamkeit oder Konzentration sprechen eher für Störungen im Frontallappen. Ergänzend kommt die Liquordiagnostik zum Einsatz, um womöglich eine Enzephalitis als Ursache zu finden. Auch wird nach genetischen Ursachen gesucht.
Jede Epilepsie erfordert eine anfallssuppressive Dauertherapie. In Deutschland stehen über 20 verschiedene Arzneistoffe zur Verfügung, wobei für die individuelle Auswahl das Nebenwirkungsspektrum ausschlaggebend ist. Etwa zwei Drittel der Patientinnen und Patienten erreichen spätestens mit der dritten versuchten Substanz Anfallsfreiheit.
Lässt sich medikamentös keine Anfallsfreiheit erreichen, wird im Rahmen einer interdisziplinären Konferenz überlegt, ob sich der epileptogene Fokus operativ entfernen lässt. Ist das nicht möglich, bleiben supportive Verfahren wie die Neurostimulation.
Voges B. Hamburger Ärzteblatt 2026; 80: 12-17