Entwicklung des Darmmikrobioms

Die 1.000 ersten Tage entscheiden über das Darmmikrobiom

132. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin
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Der Grundstein für die Vielfalt des Darmmikrobioms wird in den ersten Lebensmonaten gelegt.

Wie schafft man die besten Voraussetzungen für ein gesundes Darmmikrobiom? Diese Frage treibt die Forschung derzeit um. Doch der Grundstein wird früher gelegt, als viele denken, nämlich bereits im Geburtskanal. Was die Kinder dabei und in ihren ersten Lebensmonaten aufnehmen, essen und berühren, hinterlässt Spuren, die Jahrzehnte überdauern.

„Die Mikrobiomfrage beginnt schon mit der Geburt – in Wahrheit vermutlich sogar schon präpartal“, sagte Prof. Dr. Florian Thalhammer von der Medizinischen Universität Wien. Wobei die Datenlage zu den Effekten der Schwangerschaft auf das Mikrobiom derzeit noch widersprüchlich sei. Was man aber weiß, ist, dass sich die Mikrobengemeinschaft des Darms innerhalb der ersten 1.000 Lebenstage – gemeint ist die Spanne von der Konzeption bis zum Ende des zweiten Lebensjahrs – aufbaut und insbesondere nach der Geburt stetig an Diversität zunimmt. Für die Plastizität des Mikrobioms gilt dieser Zeitraum als „Window of Opportunity“.

Bei vaginaler Geburt erfolgt Mikrobiotatransfer

Studien zeigen, dass das frühkindliche Mikrobiom bereits durch den Geburtsprozess und die Art der Ernährung geprägt wird. So findet während des Durchtritts durch die Vagina während der Geburt ein Transfer der mütterlichen Bakterien auf das Kind statt, der bei einer Sectio entfällt. Ebenso erfolgt eine Mikrobiotaübertragung beim Stillen, nicht aber bei Ernährung des Säuglings mit Formulanahrung.

Neugeborene und Kleinkinder, die vaginal geboren und gestillt wurden, weisen eine günstigere Zusammensetzung der Mikrobiota auf, unter anderem mit einer hohen Anzahl an Lactobacillus- und Bifidobacterium-Arten. Beiden Gattungen werden gesundheitsfördernde bzw. immunstärkende Eigenschaften zugeschrieben. Bei gleichaltrigen Kindern, die per Sectio zur Welt kamen und Formulanahrung erhielten, konnte eine eher ungünstigere Zusammensetzung des Mikrobioms nachgewiesen werden, teilweise mit krankenhausassoziierten Keimen. „Damit können Sie schon ab Tag 0 die Gesundheit Ihres Kindes positiv oder negativ für die kommenden 100 Jahre beeinflussen“, so Prof. Thalhammer.

Bedeutsam für die Kolonisation mit Bakterien nach der Geburt sind zudem Kontakte mit den Personen aus dem Familien- und Bekanntenkreis sowie mit Haustieren und der Nahrung. Umweltfaktoren spielen ebenfalls eine wichtige Rolle, ebenso wie die genetische Prädisposition.

Diversifizierung der Mikrobengemeinschaft stagniert bei Erwachsenen

Nach diesen ersten frühen Lebensjahren verliert die Entwicklung des Darmmikrobioms an Dynamik und es folgt eine lange Lebenspanne, in der es weitestgehend stabil bleibt – es sei denn, die Darmflora wird durch äußere oder innere Einflüsse gestört. Das kann durch Infektionen und andere Erkrankungen geschehen oder durch medizinische Interventionen wie eine Antibiotikaeinnahme. Aber auch Lebensstil, Ernährungsweise und übertriebene Hygiene kommen als Störgrößen infrage. Die laterale Übertragung durch Alltagskontakte kann die Kolonisation mit Bakterien ebenfalls beeinflussen.

Nicht zuletzt kommt auch das Geschlecht zum Tragen. So fördern Östrogene im Allgemeinen eine proinflammatorische Mikrobiota, während Androgene ein eher antiinflammatorisches Milieu induzieren. Auf diese Weise führt die geschlechtsspezifische Mikrobiota zu Unterschieden in der angeborenen und adaptiven Immunität. Diese Beziehung ist bidirektional, denn auch die Darmbakterien nehmen Einfluss auf die Sexualhormone. „Das führt dazu, dass Männer zum Beispiel anders auf ein Breitspektrumantibiotikum reagieren als Frauen, was die Auswirkungen auf das Mikrobiom anbelangt“, erklärte Prof. Thalhammer.

Im höheren Lebensalter wird das Mikrobiom fragil

Ab einem Alter von 65 Jahren nimmt die Diversität des Darmmikrobioms allmählich ab. Zugleich reichern sich potenziell schädliche Bakteriengruppen an, was zu gesundheitlichen Komplikationen führen kann. Treiber dieses Prozesses sind neben den genannten medizinischen Interventionen alterstypische Entwicklungen wie Frailty, Inaktivität oder der Aufenthalt in Kliniken, Pflegeheimen und ähnlichen Einrichtungen.

Der Zustand des Mikrobioms und die Konsequenzen

Gesundes Mikrobiom (Eubiose)

  • Integrität der Schleimhautbarriere

  • Dominanz von Bakterienstämmen, die kurzkettige Fettsäuren produzieren und Ballaststoffe abbauen

  • ausgewogene Immunfunktion

  • effektive Infektionskontrolle, Ansprechen auf Immuncheckpoint-Inhibitoren

  • metabolische Gesundheit

  • höhere Lebenserwartung

Krankheitsassoziiertes Mikrobiom (Dysbiose)

  • Darmbarrierestörung mit erhöhter Durchlässigkeit

  • Überwucherung durch pathogene, proinflammatorische Mikroben

  • chronische niedriggradige Entzündungen

  • beeinträchtigte Immunität, Unempfindlichkeit gegenüber Immuncheckpoint-Inhibitoren

  • metabolisches Ungleichgewicht

  • geringere Lebenserwartung

Yvonne Emard

Yvonne Emard

Redakteurin Medical Tribune
Nach ihrem Studium der Biologie an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz arbeitete sie zunächst als Neurobiologin im Forschungsbereich der Universitätsmedizin Mainz. Sie entschied sich jedoch, die Pipette gegen die Feder zu tauschen und wechselte ins Verlagswesen. Über zehn Jahre arbeitete sie in Medizinverlagshäusern in Heidelberg und Mainz. Seit 2023 verstärkt sie als Medizinredakteurin das Team der Medical Tribune in Wiesbaden, wo sie aktuell den Fachtitel Gastroenterologie & Hepatologie betreut.

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