Von Völlegefühl bis Wiederkäuen

Wie man die Big Five der Darm-Hirn-Interaktionsstörungen erkennt

Aus der Fachliteratur
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Fast 11% der Allgemeinbevölkerung leiden an Symptomen einer gastroduodenalen Störung.

Epigastrische Schmerzen, Völlegefühl, Übelkeit und Erbrechen, exzessives Aufstoßen – all diese und weitere Symptome können darauf hinweisen, dass eine funktionelle Störung im Gastro­duodenal­trakt vorliegt. Die Diagnostik und Therapie dieser verbreiteten Störungen kann durchaus herausfordernd sein.

Wie häufig sind eigentlich Störungen der Darm-Hirn-Interaktion? Dieser Frage gingen Forschende in der Rome Foundation Global Epidemiology Study nach. Die Studie deckte u. a. auf, dass 10,6 % der Allgemeinbevölkerung an Symptomen leiden, die für eine gastroduodenale Störung sprechen. Diese lassen sich in fünf Kategorien einteilen, schreibt das Team um Dr. ­Hans ­Törnblom von der Universität Göteborg/Schweden:

 

Eine funktionelle Dyspepsie liegt vor, wenn über Monate hinweg Symptome wie störendes postprandiales Völlegefühl, frühes Sättigungsgefühl, epigastrische Schmerzen oder epigastrisches Brennen auftreten, und keine strukturelle, systemische oder metabolische Erkrankung besteht, die diese Symptome erklären kann. Die funktionelle Dyspepsie lässt sich entsprechend der vorherrschenden Symptomatik in zwei Untergruppen einteilen: das epigastrische Schmerzsyndrom (EPS) und das postprandiale Dyspepsiesyndrom (PDS).

Die Beschwerden stehen meist – aber nicht immer – in Verbindung mit den Mahlzeiten

Beim PDS kommt es an mindestens zwei Tagen pro Woche zu störendem postprandialem Völlegefühl und/oder zu frühzeitigem Sättigungsgefühl. Zusätzlich können Symptome wie postprandiale Schmerzen oder Brennen bzw. postprandiale Übelkeit oder übermäßiges Aufstoßen auftreten. Das EPS ist gekennzeichnet durch epigastrische Schmerzen oder Brennen an mindestens einem Tag pro Woche. Die Beschwerden können nach dem Essen auftreten bzw. sich verschlimmern, aber auch unabhängig von den Mahlzeiten bestehen.

Zu den Syndromen mit Übelkeit und Erbrechen zählen das chronische Nausea-and-Vomiting-Syndrom (CNVS), das zyklische Erbrechen und das Cannabinoid-Hyperemesis-Syndrom. Beim CNVS kommt es mindestens zweimal wöchentlich zu ausgeprägter Übelkeit mit oder ohne Erbrechen, wobei diese Symptome nicht Ausdruck einer strukturellen, systemischen oder metabolischen Erkrankung sind. Das zyklische Erbrechen ist gekennzeichnet durch repetitives, akut einsetzendes Erbrechen, das bis zu zehn Tage anhalten kann. Das Cannabinoid-Hyperemesis-Syndrom ähnelt dem zyklischen Erbrechen, jedoch tritt es nach prolongiertem exzessivem Cannabis-Konsum auf.

Bei exzessivem Aufstoßen liegt meistens die supragastrische Variante vor

Aufstoßen hat nur einen Krankheitswert, wenn es exzessiv ist und als störend empfunden wird. Bei exzessivem Aufstoßen (Excessive Belching Disorders) wird unterschieden, ob es gastrischer oder supragastrischer Herkunft ist, wobei in der Regel Letzteres vorliegt. Die entweichende Luft stammt in diesem Fall aus dem Rachen; sie wird in den Ösophagus eingesaugt und sofort danach wieder ausgestoßen. Exzessives supragastrisches Aufstoßen stört die sozialen Funktionen, es tritt unter Stress vermehrt auf.

Das Gegenteil, nämlich die Unfähigkeit aufzustoßen (Inability to Belch Syndrome), wird auch als retrograde cricopharyngeale Dysfunktion bezeichnet. Der zugrundeliegende Mechanismus dieser Störung ist eine ineffektive Entspannung des oberen Ösophagussphinkters als Reaktion auf gastroösophagealen Gasreflux. Als weitere Symptome können bei dieser Störung Blähungen, Flatulenz sowie Schmerzen auftreten.

Das Ruminationssyndrom ist gekennzeichnet durch mühelose Regurgitation von Nahrung kurz nach dem Essen. Betroffene kauen den hochgewürgten Nahrungsbolus erneut und schlucken ihn wieder hinunter oder spucken ihn aus. Das Ruminationssyndrom wird manchmal als gastroösophageale Refluxkrankheit, Gastroparese, Erbrechen unbekannter Ursache oder als Essstörung fehldiagnostiziert.

Es gibt medikamentöse und verhaltenspsychologische Therapieoptionen

Zur Behandlung der genannten Störungen kommen vor allem nichtmedikamentöse Verfahren wie Patientenedukation, Ernährungsberatung, Verhaltens- und Psychotherapie zum Einsatz. Je nach Art der Störung können Medikamente wie Protonenpumpeninhibitoren, bestimmte pflanzliche Mittel, Prokinetika, Neuromodulatoren, Antiemetika u. a. sinnvoll sein.

Liegt bei der Unfähigkeit zum Aufstoßen eine retrograde cricopharyngeale Dysfunktion vor, kommt die Injektion von Botulinumtoxin in den oberen Ösophagussphinkter infrage, in manchen Fällen auch die cricopharyngeale Myotomie. Beim Ruminationssyndrom kann Biofeedback mit Förderung der Zwerchfellatmung helfen, als Ultima Ratio ist die Nissen-Fundoplicatio eine Option.

Törnblom H et al. Gastroenterology 2026; doi: 10.1053/j.gastro.2026.01.038

Dr. Andrea Wülker

Dr. Andrea Wülker hat in Freiburg Medizin studiert und anschließend in der Orthopädie und inneren Medizin gearbeitet. Seit vielen Jahren ist sie als freie Autorin für verschiedene Titel der Medical Tribune tätig.

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