Europäische Zöliakie-Leitlinie kündigt Paradigmenwechsel an

Neue Wege beim Zöliakie-Management

Aus der Fachliteratur
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Dr. Andrea Wülker
In der aktualisierten Zöliakie-Leitlinie werden in puncto Diagnostik neue Wege beschritten.

Eine überarbeitete europäische Leitlinie zur Zöliakie setzt weniger auf invasive Biopsien und vertraut stattdessen auf hochsensible Bluttestverfahren. Weitere innovative Ansätze wie ein „Zöliakie-Pass“, der eine nahtlose Transition in die Erwachsenenmedizin erleichtern soll, ­bringen eine neue Dynamik in das Zöliakie-Management.

In den letzten Jahren gab es neue Erkenntnisse über Diagnostik, Management und Krankheitsverlauf der Zöliakie. Daher aktualisierte ein multidisziplinäres Expertenteam unter der Federführung von ­Abdulbaqi ­Al-Toma vom St. Antonius Hospital Nieuwegein die Zöliakie-Guideline der ESsCD* aus dem Jahr 2019 gründlich. Gerade auf dem Gebiet der Zöliakiediagnostik gibt es Neuerungen. Wichtigstes Screening bleibt der Test auf IgA-Antikörper gegen Gewebstransglutaminase 2 (Anti-TG2-IgA), wobei leistungsstarke Assays verwendet werden sollen. Der routinemäßige Einsatz der IgA-Anti-Endomysium-Serologie wird nicht mehr empfohlen; dieser Test kann aber noch in nicht eindeutigen Fällen zum Einsatz kommen.

In bestimmten Fällen reichen Blutwerte für die Diagnose

Unter bestimmten Bedingungen kann bei Erwachsenen unter 45 Jahren eine Zöliakie auch ohne Endoskopie und Duodenalbiopsie dia­gnostiziert werden. Voraussetzung ist, dass der Anti-TG2-IgA-Wert mindestens das Zehnfache des oberen Normalwerts beträgt. Zudem ist eine Bestätigung der Zöliakieserologie in einer zweiten Blutprobe erforderlich.

Wenn eine Biopsie erfolgt, werden mindestens vier Gewebeproben aus dem zweiten Duodenalabschnitt und zwei aus dem Bulbus duodeni gefordert. Die modifizierte Marsh-Klassifikation bleibt der Referenzstandard. Bei Marsh I und negativer Serologie ist eine Zöliakie unwahrscheinlich.

Genetischen Bluttest zum Screening von Risikogruppen nutzen

Neue strukturierte Vorgehensweisen werden für schwer zu diagnostizierende Fälle vorgestellt, wie z. B. bei seronegativer Zottenatrophie oder bei Personen, die bereits mit einer glutenfreien Diät begonnen haben. Z. B. kann dann die HLA-DQ2/8-Typisierung durchgeführt werden, sie soll aber nicht mehr routinemäßig erfolgen. Empfohlen wird sie auch für das Screening von Gruppen mit erhöhtem Risiko für eine Zöliakie.

Ein positives Ergebnis in einem Point-of-care-Test (POCT) sollte immer durch eine klassische serologische Untersuchung und – falls erforderlich – durch eine Duodenalbiopsie bestätigt werden. In der ESsCD-Guideline wird vom Einsatz von Speichel- und Stuhltests abgeraten, da ihre diagnostische Aussagekraft zu gering ist.

Multidisziplinäre Evaluation ist wichtig für Verlaufskontrollen

Für das Follow-up und Monitoring werden in der aktualisierten Leitlinie zwei Strategien anerkannt: Ein individualisiertes Vorgehen, das an patientenspezifische Bedürfnisse und Risikoprofile angepasst wird, und ein standardisiertes Vorgehen mit festgelegten Untersuchungsintervallen. Beide Ansätze priorisieren eine multidisziplinäre Evaluation einschließlich telemedizinischer Ansätze und systematischer Erfassung von Adhärenz, psychosozialem Wohlbefinden und Lebensqualität. Selbsthilfegruppen werden als integraler Bestandteil des langfristigen Managements anerkannt. Im Hinblick auf die Transition aus der pädiatrischen in die Erwachsenenversorgung empfiehlt das Autorenteam einen „Zöliakie-Pass“, um einen reibungslosen Übergang zu erleichtern und eine kontinuierliche Betreuung sicherzustellen.

Eine partizipative Entscheidungsfindung ist wichtig, insbesondere wenn eine biopsiefreie Diagnostik oder ein Glutenbelastungstest in Betracht gezogen wird. Unnötige Interventionen sollten reduziert, eine gute diagnostische Sicherheit gewährleistet werden. Zusammengefasst reflektiert die aktualisierte ESsCD-Leitlinie einen Paradigmenwechsel in Richtung einer personalisierten, proaktiven und multidisziplinären Versorgung von Menschen mit Zöliakie.

Aktuelles zur Therapie

Was die Empfehlungen zur Therapie der Zöliakie betrifft, bleibt die lebenslange Einhaltung einer streng glutenfreien Ernährung nach wie vor die wichtigste Maßnahme. Neu in der Leitlinie sind die Hinweise auf eine ausgewogene Ernährung, metabolische Gesundheit, Prävention von Nährstoffmängeln sowie Aspekte der Kennzeichnung von Lebensmitteln. Eine Low-FODMAP-Kost wird für Patientinnen und Patienten mit persistierenden Beschwerden trotz histologischer Remission vorgeschlagen.

Für die Therapie der refraktären Zöliakie definiert die Leitlinie diagnostische Kriterien und therapeutische Strategien, einschließlich potenzieller gezielter immunsuppressiver Therapien mit JAK-Inhibitoren, Cladribin oder Fludarabin.

* European Society for the Study of Coeliac Disease

1. Al-Toma A et al. United European Gastroenterol J 2025; 13: 1855-1886; doi: 10.1002/ueg2.70119

2. Al-Toma A et al. United European Gastroenterol J 2026; 14: e70195; doi: 10.1002/ueg2.70195

Dr. Andrea Wülker

Dr. Andrea Wülker hat in Freiburg Medizin studiert und anschließend in der Orthopädie und inneren Medizin gearbeitet. Seit vielen Jahren ist sie als freie Autorin für verschiedene Titel der Medical Tribune tätig.

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