Gestörte Kommunikation zwischen Darm und Gehirn

Reizdarmsyndrom: Einblicke in die Pathomechanismen

Aus der Fachliteratur
|Erschienen am: 
|Lesezeit: 3 Min
Abdominelle Schmerzen oder Beschwerden im Zusammenhang mit der Defäkation sowie eine auffällige Frequenz oder Form des Stuhls stellen die typischen Symptome des Reizdarmsyndroms dar.

Das Reizdarmsyndrom lässt sich als Störung der Darm-Hirn-Achse betrachten. Auch wenn bzgl. Diagnostik und Behandlung noch Forschungsbedarf besteht, hat sich das Verständnis der zugrundeliegenden vielschichtigen Pathomechanismen deutlich erweitert.

Inhaltsverzeichnis

Abdominelle Schmerzen oder Beschwerden im Zusammenhang mit der Defäkation sowie eine auffällige Frequenz oder Form des Stuhls stellen die typischen Symptome des Reizdarmsyndroms dar. Anhand der Rome-Kriterien wird die Diagnose vor allem klinisch gestellt. Ein definitiver Biomarker für die Erkrankung ist nicht bekannt, schreibt ein Team um Dr. Yasmin Nasser von der University of Calgary in Kanada. Für bestimmte pathophysiologische Veränderungen gibt es aber klinische Tests, mit denen sich manche der Mechanismen quantifizieren lassen.

Stoffwechsel der Galle gezielt im Blick

Auf einen veränderten Stoffwechsel der Galle können z. B. Marker im Serum oder Stuhl oder die Messung der Retention hinweisen. Bei Vorliegen einer dadurch bedingten Diarrhö sind Gallensäurebinder oder die neueren GLP1-Rezeptoragonisten wirksam.

Auch zur Bewertung der Darmpassagezeit ist ein Test verfügbar. Allerdings lässt sich grundsätzlich verlässlich auf die Transitzeit bzw. die Darmmotilität rückschließen, wenn man die Form des Stuhls anhand der Bristol-Stuhlformen-Skala beurteilt. Pharmaka zur Kontrolle der Transitzeit werden daher häufig allein aufgrund der Symptomatik gewählt: Bei Diarrhö wirken 5-HT3-Rezeptorantagonisten wie Alosetron, während bei Konstipation Wirkstoffe wie Linaclotid angezeigt sind, die die Sekretion im Darm fördern.

Viszerale Hypersensitivität erkennen und behandeln

Eine viszerale Hypersensitivität kann per rektaler Barostatuntersuchung beurteilt werden. Um diese zu lindern, werden – oft empirisch – Neuromodulatoren wie Amitriptylin verordnet, deren Effekt jedoch nicht allein durch die Wirkung auf die viszerale Hypersensitivität zu erklären ist.

Über die genannten Faktoren hinaus sind inzwischen zahlreiche weitere Pathomechanismen des Reizdarmsyndroms bekannt, die sich in periphere und zentrale Faktoren einteilen lassen. Zu ersteren gehören neben dem veränderten Gallensäuremetabolismus, der gestörten Darmmotilität und der viszeralen Hypersensitivität auch

  • gastrointestinale Infektionen,

  • niedriggradige Inflammation der Darmmukosa und veränderte immunologische Funktion,

  • erhöhte Darmpermeabilität,

  • veränderter Kohlenhydratmetabolismus und

  • veränderter Serotoninstoffwechsel.

Pathophysiologisch bedeutsam sind zudem zentrale Faktoren wie psychische Erkrankungen oder eine gestörte Schmerzverarbeitung im ZNS. Entsprechend kann das Reizdarmsyndrom als eine Störung der bidirektionalen Kommunikation der Darm-Hirn-Achse gelten. Diese Achse wird auch durch Ernährung, Medikamente, Stress, genetische Merkmale und andere Faktoren beeinflusst.

Psychische Symptome per Fragebogen erfassen

In der Diagnostik ist es daher wichtig, psychische Symptome per Fragebögen zu eruieren: Eine Angststörung oder Depression liegen bei bis zu einem Drittel der Patientinnen und Patienten mit Reizdarm vor. In solchen Fällen hat sich eine kognitive Verhaltenstherapie als effektiv erwiesen.

Als ein Eckpfeiler der Therapie gelten diätetische Maßnahmen, etwa eine an FODMAP-Nahrungsmitteln (fermentierbare Oligo-, Di-, Monosaccharide und Polyole) arme Kost oder eine stärke- und saccharosereduzierte Ernährung. Häufig sind auch empirisch verschiedene Auslassdiäten sinnvoll, um eine verträgliche Ernährung zu etablieren.

Das Reizdarmsyndrom als Zusammenspiel vieler Mechanismen

Grundsätzlich interagieren die vielschichtigen Mechanismen beim Reizdarmsyndrom. Am Beispiel einer akuten Darminfektion lassen sich diese Wechselwirkungen vereinfacht veranschaulichen: Mit der Infektion einher gehen immunologische Veränderungen im Sinne einer niedriggradigen Mukosainflammation inklusive u. a. intestinaler IgE-Produktion, Mastzellaktivierung und eines veränderten Serotoninstoffwechsels. Sowohl Serotonin als auch proinflammatorische Mediatoren können zur viszeralen Hypersensitivität beitragen. Diese wiederum ist mit einer erhöhten Darmpermeabilität assoziiert. Darminfekte führen zudem oft zu Veränderungen des Darmmikrobioms, Studien zum genauen Zusammenhang zwischen Mikrobiom und Reizdarmsyndrom allerdings sind inkonsistent. Die Kenntnis dieser unterschiedlichen interagierenden Pathomechanismen könnte die Erforschung genauerer diagnostischer Tests sowie gezielterer Therapieoptionen für die Erkrankung unterstützen, so das Autorenteam.

Nasser Y et al. Lancet Gastroenterol Hepatol 2026; doi: 10.1016/S2468-1253(26)00148-2

Dr. Susanne Meinrenken

Dr. Susanne Meinrenken ist als freie Autorin u. a. für die Medical Tribune tätig. Nach ihrer Approbation begann sie 1998 ihre freiberufliche Tätigkeit als Autorin, Journalistin und Redakteurin im Bereich Humanmedizin. So verschieden wie die Zielgruppen ihrer Texte – Medizinerinnen und Mediziner, Studierende oder Laien – sind auch die Fachbereiche, in denen Susanne Meinrenken tätig ist: Neurologie und Psychiatrie, Pneumologie, Gynäkologie und Onkologie sowie internistische und allgemeinmedizinische Texte oder auch Public-Health-Themen.

Schlagwörter:

Das könnte Sie auch interessieren