Heikle Trias im Alter: Sarkopenie, Diabetes und Adipositas
Im höheren Lebensalter wird ein Gewichtsverlust schnell zum Muskelkiller. Insbesondere bei Adipositas und Typ-2-Diabetes steigt das Risiko für Sarkopenie. Eine Expertin erläuterte, wie sich Muskeln, Kraft und Funktionsfähigkeit im Alter erhalten lassen.
Mit dem Alter verliert der Körper unweigerlich an Muskelmasse. Dafür verantwortlich ist der Rückgang anabol wirkender Hormone, eine zunehmende Insulinresistenz und der Verlust motorischer Einheiten. Hinzu kommt eine anabole Resistenz, also die verringerte Fähigkeit, auf wachstumsfördernde Signale wie Training oder Aminosäuren zu reagieren.
Körperkraft schwindet schneller als Muskelmasse
Die Kraftabnahme erfolgt mit höherer Dynamik als der Verlust an Muskelmasse. Ab dem 70. Lebensjahr kann sie das Zwei- bis Fünffache der Muskelmassereduktion betragen, erklärte Prof. Dr. Kristina Norman von der Klinik für Geriatrie und Altersmedizin der Charité – Universitätsmedizin Berlin.
Da die Körperkraft für zahlreiche klinische Outcomes aussagekräftiger ist als die Muskelmasse allein, definieren aktuelle Kriterien die Sarkopenie als Kombination aus dem Verlust von Muskelmasse plus Kraft und Funktion. Die Folgen des Muskelabbaus sind klar belegt. Bei Sarkopenie drohen unter anderem:
Stürze und Frakturen
Verlust der Selbstständigkeit
Frailty-Syndrom
erhöhte Morbidität
Tod
Bei älteren Menschen mit Adipositas oder Typ-2-Diabetes, die eine Gewichtsreduktion anstreben, offenbart sich ein zentrales Behandlungsdilemma. „Der Gewichtsverlust, den wir brauchen, um die Fettmasse zu reduzieren und in weiterer Folge die kardiometabolische Gesundheit zu verbessern, geht fast immer mit einem Verlust an Muskelmasse einher“, erläuterte Prof. Norman. Das wiederum erhöhe das Sarkopenierisiko.
Das Dilemma: Abnehmen im Alter kostet Muskulatur
Studien zeigen, dass eine hypokalorische Ernährung zum deutlichen Rückgang der Oberschenkelmuskulatur, der fettfreien Masse und der Knochenmineraldichte führt. Ältere Menschen kompensieren diese Verluste nach Phasen der Energierestriktion deutlich schlechter als jüngere. Der Muskelwiederaufbau ist eingeschränkt, zugleich kommt es nur zu einer geringen Abnahme der Fettmasse.
Auch unter GLP1‑Rezeptoragonisten bleibt das Dilemma bestehen. Die Substanzen führen zwar zu einem eindrucksvollen Abbau der Fettmasse, gehen aber gleichzeitig mit einem Verlust an Magermasse einher. Erste Bildgebungsstudien deuten jedoch darauf hin, dass sich die Muskelqualität (z. B. weniger Fettinfiltration) trotz geringerer Muskelmasse verbessern kann. Subanalysen zeigen, dass ältere Personen bei stärkerem Gewichtsverlust auch mehr Muskeln verlieren, als zu erwarten wäre.
Krafttraining plus Protein: Die Strategie gegen Sarkopenie
Als Goldstandard in der Prävention und Therapie der Sarkopenie gilt das progressive Krafttraining. Bei Gewichtsverlust im Kontext von Adipositas schneidet die Kombination aus Kraft- und Ausdauertraining am besten ab. Denn sie verbessert die
körperliche Leistungsfähigkeit,
Sauerstoffaufnahme,
Maximalkraft,
erhält aber Magermasse und Knochendichte.
Ernährungsmedizinisch ist eine ausreichende Proteinzufuhr entscheidend. Im Alter ist der Bedarf an Eiweiß erhöht, erinnerte Prof. Norman. Wichtig ist dabei nicht nur die Tagesmenge, sondern auch die gleichmäßige Verteilung über alle Mahlzeiten hinweg. Zugleich sollte auf eine ausreichende Versorgung mit Vitamin D (bei nachgewiesenem Mangel), ggf. Omega-3-Fettsäuren und Kreatin geachtet werden.
Vitamin D, Kreatin, Omega-3: Nur als Add-on sinnvoll
Die Evidenz für diese Supplemente ist insgesamt begrenzt. Sie können in Studien vor allem additiv zur Wirkung von Krafttraining und proteinreicher Ernährung beitragen, nicht als alleinige Maßnahme. Entsprechend wird eine Supplementierung nur in Kombination mit Training und ausreichender Proteinzufuhr empfohlen.
Derzeit wird der Aktivin-Typ-2-Rezeptorantagonist Bimagrumab als pharmakologische Option zum Erhalt der Muskelmasse unter Inkretinmimetika untersucht. Erste Studien zeigten vielversprechende Ergebnisse bei Bewahrung der Magermasse, auch in Kombination mit Semaglutid. Jedoch fehlen bislang Daten zu Funktionsparametern und Ergebnisse aus Kollektiven mit hohem Anteil älterer Menschen.
Die Therapie sollte stets multimodal sein, fasste die Expertin zusammen. Aus heutiger Sicht ist die Kombination aus progressivem Kraft‑ und Ausdauertraining plus ausreichend hoher, gleichmäßig über den Tag verteilter Proteinzufuhr die Strategie mit der stärksten Evidenz, um Muskelmasse und -funktion während einer Gewichtsreduktion im Alter zu erhalten.