Prävention statt Reparatur
Prävention soll in der Inneren Medizin vom „Nice-to-have“ zur Pflicht werden: DGIM-Präsidentin Prof. Dr. Dr. Dagmar Führer-Sakel fordert frühes Erkennen statt Reagieren. Beispiele reichen von LDL-Strategien über Lungenkrebsscreening bis Teplizumab bei Typ-1-Diabetes.
Die Innere Medizin ist gut darin, Krankheiten zu diagnostizieren und zu behandeln. Aber viele der Erkrankungen, mit denen Internistinnen und Internisten täglich konfrontiert sind, beginnen weit früher, als sie klinisch sichtbar werden. „Wir müssen uns von einer Medizin lösen, die reagiert, und uns hin zu einer Medizin entwickeln, die früh erkennt", sagte Prof. Dr. Dr. Dagmar Führer-Sakel, Vorsitzende der DGIM und Kongresspräsidentin des 132. Internistenkongresses, auf der Vorab-Pressekonferenz der Fachgesellschaft. Sie machte deutlich: Prävention sei keine freundliche Ergänzung zur kurativen Medizin, sondern eine systemrelevante Zukunftsaufgabe – für Wissenschaft, Versorgung und Politik gleichermaßen.
Konkrete Belege dafür liefern aktuelle wissenschaftspolitische Impulse: Der Wissenschaftsrat hat 2026 explizit gefordert, Prävention stärker in Forschung und Versorgung zu verankern. Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina beschreibt in einem aktuellen Fokuspapier Adipositas als komplexe chronische Erkrankung mit enormen gesellschaftlichen Folgen – ein Viertel der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland leidet daran. Prävention, so das Fazit beider Papiere, müsse früher beginnen: in Schulen, Betrieben, Kommunen. Und nicht erst in der Arztpraxis.
Welche Rolle spielt LDL-Cholesterin in der Prävention?
Wie konkret präventives Handeln aussehen kann, zeigt die kardiovaskuläre Medizin exemplarisch. „Ohne Cholesterin kann keine Atherosklerose entstehen„, erklärte Prof. Dr. Ulrich Laufs, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kardiologie am Universitätsklinikum Leipzig. Erhöhte Blutfette seien leicht zu detektieren und damit eine „low-hanging fruit“ in der Prävention. Das primäre Target bleibe das LDL-Cholesterin. Allerdings warnte der Experten vor falschen Erwartungen: Der direkt messbare Effekt von Bewegung und Nichtrauchen auf den Cholesterinspiegel sei gering – Cholesterin sei kein gutes Maß, um diese Effekte abzubilden. Auf die Gesamtprognose dagegen sei der Einfluss von Nichtrauchen und Bewegung enorm. Er empfahl: „Nummer eins: nicht rauchen. Nummer zwei: sich bewegen." In Bezug auf das Lipoprotein(a) rät Prof. Laufs zu einer einmaligen Bestimmung pro Patientin oder Patient. Erste Medikamente, die das Lipoprotein(a) günstig beeinflussen sollen, werden derzeit geprüft.
Lungenkrebsscreening 2026: früher finden, besser heilen
Ein weiteres Beispiel für den präventiven Paradigmenwechsel ist das seit dem 1. April 2026 bundesweit verfügbare Lungenkrebsscreening. Lungenkrebs ist nach wie vor die häufigste krebsbedingte Todesursache in Deutschland – vor allem, weil die Diagnose meist zu spät gestellt wird. „Wenn wir früh diagnostizieren, ist eine Heilung im Regelfall möglich„, sagte Prof. Dr. Tim Hirche, Klinik für Pneumologie an den HELIOS Dr. Horst Schmidt Kliniken Wiesbaden. Das neue Programm richtet sich an aktive und ehemalige starke Raucherinnen und Raucher zwischen 50 und 75 Jahren – rund 3 bis 5 Millionen Menschen in Deutschland. KI-gestützte Bildanalyse und roboterassistierte Bronchoskopieverfahren verbessern die diagnostische Präzision. „Der Erfolg des Programms wird damit stehen und fallen, wie gut die Kommunikation darüber laufen wird“, betonte Prof. Hirche. Er appellierte an Hausärztinnen und Hausärzte, sich frühzeitig schulen zu lassen.
Diabetes neu denken: proaktiv steuern, Ausbruch verzögern
Auch in der Diabetologie verlagert sich der Blick. „Die Diabetesversorgung war lange reaktiv ausgerichtet„, sagte Dr. Annie Mathew, Universitätsklinikum Essen. Heute ermöglichen Systeme zur automatisierten Insulinsteuerung – die sogenannte digitale Bauchspeicheldrüse – eine proaktiv gesteuerte Therapie, die den Blutzucker rund um die Uhr stabilisiert und gefährliche Unterzuckerungen reduziert. Voraussetzung ist allerdings eine enge Begleitung und Schulung der Patientinnen und Patienten. Noch weiter geht der Wirkstoff Teplizumab: Das seit Januar 2026 in der EU zugelassene Immuntherapeutikum kann bei Personen im Stadium 2 eines Typ-1-Diabetes den Ausbruch der Erkrankung im Median um etwa zwei Jahre hinauszögern. „Das bedeutet für die Betroffenen vor allem eines: Zeit“, so Dr. Mathew.
Was alle Beispiele verbindet, brachte Prof. Führer-Sakel auf den Punkt: „Prävention hat viele Gesichter." Entscheidend sei, den Impuls jetzt in die Praxis zu überführen – mit Evidenz, Gesundheitskompetenz und dem Willen zur gesamtgesellschaftlichen Verantwortung.
* Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin