Blutdruck schneller messen ohne Genauigkeitsverlust
Um den Blutdruck korrekt zu erfassen, braucht man nach derzeitigen Leitlinienempfehlungen fast zehn Minuten. Das ist im Praxisalltag oft schlecht umsetzbar. Dabei kann man Zeit sparen, ohne an Messgenauigkeit zu verlieren.
Jeder Herzschlag generiert einen eigenen Blutdruck. Darum fluktuiert dieser bei ein und derselben Person ständig und jeder Messwert stellt nur eine Momentaufnahme dar. Für die Diagnose einer Hypertonie muss daher nach den Empfehlungen der Leitlinien der Blutdruck an mindestens zwei verschiedenen Tagen erhöht sein. Und für jede einzelne Messung galten für die zu Untersuchenden bestimmte Regeln:
keine körperliche Anstrengung, kein Koffein und nicht rauchen in den 30 Minuten vor der Blutdruckmessung
vorher Blase entleeren
mit einem validierten Gerät in einem ruhigen Raum und im Sitzen messen
beide Füße auf den Boden setzen, der Rücken wird unterstützt.
den Arm so auf dem Tisch platzieren, dass die Mitte der Blutdruckmanschette auf Herzhöhe liegt
Es sollte mindestens zweimal gemessen werden, erste Messung nach einer Ruhephase von 3–5 Minuten, Wiederholung nach 1–2 Minuten Pause Mehrfache Messungen sind deshalb notwendig, weil die erste Messung Studien zufolge meist höher ausfällt als nachfolgende.
Wichtig scheint nach älteren Untersuchungen die Wahl der richtigen Manschettengröße. Ist sie zu klein, wird der Blutdruck eher überschätzt, ist sie zu groß, unterschätzt. Falsch erhöhte Werte können auch herauskommen, wenn der Arm nicht unterstützt aufliegt oder die Mitte der Manschette unterhalb des Herzniveaus liegt.
Eine Autorengruppe um Prof. Dr. Kathryn Foti von der University of Alabama in Birmingham hat die jüngste Evidenz zum Einfluss verschiedener Schritte der Blutdruckmessung auf die Genauigkeit des Messergebnisses analysiert. Im Anschluss hat das Team daraus ein praktisches Protokoll für die primärärztliche Routine entwickelt, um das Prozedere zu vereinfachen.
Ruhephase nur für Personen mit einem RR ab 140 mmHg
In Studien, die den Einfluss der Ruhephase vor der Messung auf das Ergebnis untersucht haben, zeigte sich, dass sich die Werte kaum unterschieden, wenn die Personen vorher 5 Minuten oder weniger als 2 Minuten bzw. überhaupt nicht geruht hatten. In den meisten Fällen könnte man deshalb auf die Ruhephase verzichten. Das gelte jedoch nicht bei systolischen Werten ≥ 140 mmHg.
Eine andere Studie hat die Auswirkung des Intervalls zwischen Messungen untersucht. Dabei erwies sich die Messung nach einer Pause von 30 Sekunden als ebenso akkurat wie die nach einer Pause von 60 Sekunden. Auch wenn man eine verkürzte Ruhephase vor der Messung mit einem verkürzten Intervall kombinierte, wirkte sich das nicht negativ auf die Messgenauigkeit aus.
Aus Studien, bei denen wiederholte Messungen im Fokus standen, geht zudem hervor, dass man zusätzliche Messungen ohne Nachteile auf Fälle beschränken kann, in denen der erste Wert ≥ 130/80 mmHg lag. Dieses Vorgehen brachte die höchste Effizienz (am wenigsten Messungen) und Genauigkeit.
Außerdem wurde der Einfluss der Umgebung untersucht. Die Messergebnisse in ruhigen Räumen unterschieden sich nicht wesentlich von denen in solchen mit Publikumsverkehr. Was sich aber bei der Recherche bestätigte, war die Bedeutung der richtigen Manschettengröße und korrekten Position von Person und Arm.
Um die Blutdruckmessung in der Praxis ohne Verlust an Genauigkeit zu vereinfachen, kann man also Ruhephasen vorher und zwischen den einzelnen Messungen verkürzen, ihre Anzahl insgesamt reduzieren und braucht nicht unbedingt einen ruhigen Raum. Das Autorenteam schlägt folgendes Vorgehen vor: Auf die Ruhephase vor der ersten Messung wird grundsätzlich verzichtet. Eine zweite schließt sich nur an, wenn der erste Wert ≥ 130/80 mmHg beträgt. Vor dieser zweiten Messung wird eine Ruhephase von 3–5 Minuten eingehalten. Das bedeutet, dass die gesamte Prozedur in den meisten Fällen nur etwa eine Minute dauert. Und selbst wenn eine zweite Messung erforderlich wird, ist man in weniger als 5 Minuten mit allem fertig.
Therapieentscheidung nach der ersten Messung treffen
Auch die Entscheidung für eine antihypertensive Therapie lässt sich auf Basis von weniger Messungen treffen, als es die Leitlinien vorsehen. Wenn der systolische Blutdruck beim ersten Screening ≥ 160 mmHg oder der diastolische ≥ 100 mmHg beträgt, ist es unwahrscheinlich, dass beim nächsten Termin Normotension festgestellt wird. Deshalb kann man in diesem Fall gleich mit einer Medikation beginnen. Nach Einschätzung des Autorenteams könnte eine breite Anwendung eines derart vereinfachten Protokolls das Blutdruckscreening und das Hypertoniemanagement in der Praxis effektiver machen, ohne dass dies auf Kosten der Messgenauigkeit geht.
Quelle: Foti K et al. Hypertension 2026; doi: 10.1161/HYPERTENSIONAHA.125.24527