Die neue Strenge bei Schwangeren mit Bluthochdruck
Die Zielwerte für Schwangere mit hypertensiver Erkrankung wurden heruntergeschraubt. Was der Vorteil davon ist, erklärt eine Expertin und geht auf weitere wichtige Aspekte in der Diagnostik und Therapie des Bluthochdrucks ein.
Etwa jede zehnte Schwangere hat eine Hypertonie. Bei ca. 800.000 Lebendgeburten in Deutschland jährlich betrifft das immerhin 80.000 Frauen pro Jahr. Die Unterscheidung der verschiedenen Unterformen fällt dabei nicht immer leicht. Tritt ein Bluthochdruck nach der 20. SSW auf, spricht man von einer Gestationshypertonie. Wird die Erkrankung früher bzw. vor der Schwangerschaft festgestellt, liegt definitionsgemäß eine chronische Hypertonie vor.
Welche Kontrollintervalle empfiehlt die Leitlinie nach Schwangerschaftskomplikationen?
Es gibt jedoch auch Erstdiagnosen nach der 20. SSW ohne Vorbefunde. Diese antenatal unklassifizierbare Hypertonie lässt sich erst nach einer postpartalen Reevaluation beurteilen. Während ein chronisches Leiden typischerweise persistiert, bildet sich eine Gestationshypertonie meist innerhalb von sechs Wochen zurück. „Das klingt alles ein bisschen kompliziert, ist es aber nicht“, beruhigte Prof. Dr. Ute Seeland von der Medizinischen Fakultät der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Die Kollegin bestimmt in ihrer Ambulanz i. d. R. die arterielle Gefäßsteifigkeit, um die Ursache genauer eingrenzen zu können.
Wichtig ist, eine Präeklampsie bzw. Patientinnen mit erhöhtem Risiko hierfür zu erkennen (s. Infobox). Und „egal welche Hypertonie vorliegt, man muss sie immer mindestens zehn Jahre weiterverfolgen“, sagte Prof. Seeland. Die 2025 aktualisierte europäische Leitlinie1 sieht nach Schwangerschaftskomplikationen alle sechs bis zwölf Monate Kontrollen von kardiovaskulären Risikofaktoren vor (Klasse-IIa-Empfehlung). Diese Langzeitprävention sollten die primärversorgenden Ärztinnen und Ärzte übernehmen.
Biomarker in der Präeklampsie-Diagnostik
Wird bei einer Schwangeren ein Blutdruck ≥ 140/90 mmHg festgestellt, sollte nach Anzeichen von Organdysfunktionen gefahndet werden. Denn bei einer Präeklampsie „wird es gefährlich, auch für das Kind“, erinnerte Prof. Seeland. Für die Diagnose muss eines der folgenden Kriterien vorliegen:
Proteinurie
ein oder mehrere klinische Merkmale (Kopfschmerzen, Erbrechen, Ödeme, pathologische Leberwerte, Hämolyse etc.)
uteroplazentare Dysfunktion (z. B. fetale Wachstumsrestriktion, pathologischer Doppler)
Die Präeklampsie kann im Zuge einer Gestationshypertonie auftreten, aber auch „überlagert“ (engl. superimposed) bei vorbestehendem chronischem Bluthochdruck.
Lässt sich die Diagnose nicht eindeutig stellen, erlauben Biomarker (sFlt-1/PlGF-Verhältnis oder PlGF) eine kurzfristige Risikoabschätzung. Allerdings „gilt das nur für eine Woche“, betonte die Referentin. Da sich die Biomarkerlevel verändern können, reicht ein einmaliger Test nicht aus und man muss diese Diagnostik gezielt einsetzen.
Was den Zielblutdruck angeht, soll laut Leitlinie neuerdings ein Wert < 140/90 mmHg angestrebt werden. Ausgangswerte bis 159/109 mmHg lassen sich ambulant managen, ab 160/110 mmHg ist eine notfallmäßige stationäre Behandlung erforderlich. Die strengeren Blutdruckziele basieren auf den Ergebnissen der CHAP- und der CHIPS-Studie, erklärte die Referentin.
Erstere war eine randomisierte kontrollierte Untersuchung mit ca. 2.400 schwangeren Teilnehmerinnen mit milder chronischer Hypertonie (< 160/105 mmHg). Die Interventionsgruppe erhielt eine aktive medikamentöse Senkung auf Werte unter 140/90 mmHg, in der Kontrollgruppe wurde erst bei einem Anstieg über 160/105 mmHg behandelt. Die aktive Therapie führte signifikant seltener zu Komplikationen wie schwerer Präeklampsie oder vorzeitiger Plazentaablösung (Inzidenz 30,2 % vs. 37,0 %). Gleichzeitig war die Sicherheit für das Kind gegeben, betonte Prof. Seeland: „Das heißt, es gab kein erhöhtes Risiko für ein geringeres Geburtsgewicht.“
Viele Ärztinnen und Ärzte wählen eher den Betablocker statt Methyldopa
In CHIPS lag der Fokus auf dem diastolischen Zielblutdruck (100 mmHg vs. 85 mmHg). Auch in dieser Studie gab es bei strengerer Einstellung keine Sicherheitsbedenken sowie eine geringere Wahrscheinlichkeit für schwere Hypertonien.
Zur antihypertensiven Erhaltungstherapie kommen im Alltag vorwiegend Methyldopa und Metoprolol zum Einsatz. Aufgrund der mitunter geringeren Tablettenlast greifen viele Ärztinnen und Ärzte eher auf den Betablocker zurück, so die Erfahrung von Prof. Seeland. Kontraindiziert für Schwangere sind ACE-Hemmer, Angiotensinrezeptorblocker, Aliskiren und Atenolol
1. De Backer et al. Eur Heart J 2025; 46: 4462–4568; doi: 10.1093/eurheartj/ehaf193
