Wann ein akuter Blutdruckanstieg gefährlich wird
Ein stark erhöhter Blutdruck ist nicht automatisch ein Notfall. Entscheidend ist, ob akute Organschäden bestehen. Davon hängt auch ab, wie schnell und wie tief die Werte gesenkt werden müssen.
Stark erhöhte Blutdruckwerte allein sind kein Grund, sofort Antihypertensiva zu geben. Es kommt darauf an, ob zeitgleich akute fortschreitende Schäden z. B. an Hirn oder Herz vorliegen. Von dem jeweils betroffenen Organ hängt auch ab, wie tief und wie schnell die Werte gesenkt werden müssen.
Der Begriff „Krise“ sollte im Zusammenhang mit Blutdruckentgleisungen nicht mehr verwendet werden, erklärte Dr. Markus Günther vom Robert Bosch Krankenhaus in Stuttgart. Dieser Terminus suggeriert, dass Eile und eine sofortige antihypertensive Behandlung geboten sind, was aber nicht immer zutrifft. Die American Heart Association sprach 2024 in einem Statement von emotional aufgeladenen Begriffen, die eine unnötige und potenziell schädliche Therapie fördern können. Liegen bei Werten von beispielsweise mehr als 180/100 mmHg keine Anzeichen oder Beschwerden einer akuten Endorganschädigung vor, lautet die bevorzugte Bezeichnung daher „asymptomatischer stark erhöhter Blutdruck“ (s. Kasten).
Einer im Jahr 2021 veröffentlichten Studie zufolge verbessert ein aggressives Senken des Blutdrucks bei asymptomatischen Patientinnen und Patienten das kurzfristige Outcome nicht, sondern ist eher mit Risiken für Herz und Niere verbunden. Ausgewertet wurden die Daten von knapp 23.000 kardiovaskulär gesunden hospitalisierten Personen. Bei 8,2 % der hypertensiven systolischen Werte hatte man medikamentös interveniert.
Bei Organschäden istdie Klinikmortalität hoch
Betroffene mit schwerer Hypertonie (RR > 180/110–120 mmHg) und akuter, fortschreitender Endorganschädigung müssen dagegen als Notfall betrachtet werden, erinnerte Dr. Günther. Bei ihnen beträgt die Krankenhausmortalität fast 10 %. Hochdruckassoziierte Organschäden können Gehirn, Arterien, Retina, Niere und Herz betreffen. Als Merkhilfe dient das Akronym BARKH*. Im Rahmen eines hypertensiven Notfalls kommen der ischämische Schlaganfall und die akute Herzinsuffizienz mit Lungenödem am häufigsten vor. Zusammen machen sie über die Hälfte der Fälle aus.
Vorgehen bei einer Entgleisung ohne Beschwerden
Besteht eine asymptomatische schwere Hypertonie, empfiehlt sich ein strukturiertes Vorgehen gemäß der American Heart Association:
überprüfen, ob die Blutdruckerhöhung persistiert: erneute Messung in ruhiger Umgebung durchführen, dabei auf korrekte Manschettengröße und richtige Positionierung achten
nach reversiblen Ursachen suchen (Schmerzen, Angst, Stress, Medikamente, mangelnde Medikamentenadhärenz, Volumenüberlastung)
die Grundursache behandeln (Schmerztherapie, Anxiolyse etc.)
Die Zielblutdruckwerte richten sich nach der zugrunde liegenden Ursache. Beim ischämischen Schlaganfall mit Indikation für eine Reperfusionstherapie sollte man Werte unter 185/110 mmHg anstreben und das Niveau in den ersten 24 Stunden < 180/105 mmHg halten. Erfolgt die Schlaganfalltherapie konservativ, müssen nur Werte über 220 mmHg systolisch bzw. 120 mmHg diastolisch gesenkt werden – und zwar um 15 % in den ersten 24 Stunden. Das in Deutschland gängigste Medikament hierzu ist das α1-Sympatholytikum Urapidil.
Urapidil bietet sich auch im Falle einer spontanen intrazerebralen Blutung an. Angezeigt ist eine zügige Reduktion auf Blutdruckwerte unter 220 mmHg bzw. auf etwa 140 mmHg binnen einer Stunde, falls der Ausgangswert sich zwischen 150 und 220 mmHg befindet.
Beim hypertensiven Lungenödem muss der Blutdruck in weniger als 60 Minuten um 20–25 % runter. Behandelt wird mit Nitroglycerin oder Urapidil, ergänzt durch eine noninvasive Beatmung mit positivem endexspiratorischem Druck und ggf. Schleifendiuretika. Auch beim akuten Koronarsyndrom hat man eine Stunde Zeit, um den systolischen Wert unter 140 mmHg zu bekommen, der diastolische sollte über 60 mmHg bleiben.
Die Nachsorge muss gutorganisiert werden
Das akute Aortensyndrom (z. B. eine Aortendissektion) erfordert die aggressivste Blutdrucksenkung. Der Druck sollte innerhalb von 20 Minuten unter 120/80 mmHg sinken, der Puls unter 60/min. Auf diese Weise will man die Geschwindigkeit der Kontraktion des linken Ventrikels reduzieren und damit die Scherkräfte in der Aorta so gering wie möglich halten, um ein Fortschreiten der Dissektion zu verhindern, erklärte Dr. Günther. Erste Wahl sind Betablocker mit kurzer Halbwertszeit und dadurch guter Titrierbarkeit, z. B. Esmolol.
Als Schlüssel zum langfristigen Erfolg bezeichnete der Referent die Organisation der Nachsorge. Denn: Jede schwere Blutdruckentgleisung ist ein Alarmsignal für das chronische Management.
*Brain, Arteries, Retina, Kidney, Heart
Deutscher Hypertonie Kongress