Alzheimer per Biomarker aufspüren
Menschen mit leichter kognitiver Störung werden nicht zwangsläufig dement, auch wenn sie das häufig befürchten. Ob eine Alzheimer-Krankheit vorliegt und wie groß das Risiko für eine Demenzentwicklung ist, lässt sich mit Hilfe von Biomarkern abschätzen.
Bei der Alzheimer-Krankheit kommt es zu einem regional unterschiedlich ausgeprägten Verlust von Nervenzellen und Synapsen sowie zur Ablagerung von aggregiertem Amyloid-Beta-Protein (Amyloid-Plaques) und von Tau-Protein (neurofibrilläre Bündel). Schon im Prodromalstadium der Erkrankung, also bei leichter kognitiver Störung mit vollständig oder weitgehend erhaltener Alltagskompetenz, lassen sich Veränderungen nachweisen. Dafür stehen zum einen Labortests, zum anderen die MRT und spezielle PET-Scan-Verfahren zur Verfügung (s. Kasten). Prof. Dr. Johannes Pantel vom Institut für Allgemeinmedizin der Universität Frankfurt am Main warnt allerdings davor, Menschen mit MCI (mild cognitive impairment) zu solchen Untersuchungen zu überreden oder gar zu drängen, selbst wenn heute neue Therapieoptionen zur Verfügung stehen. Schließlich gebe es das Recht auf Uninformiertheit.
Erläuterung der Befunde häufig in der Hausarztpraxis
Hat man nach entsprechender Aufklärung und Zustimmung seitens der Patientin/des Patienten eine Biomarkertestung durchgeführt, müssen die Befunde sorgsam interpretiert werden, um die Prognose abzuschätzen und entsprechend zu informieren und zu beraten. Dies kann im Einzelfall durchaus komplex sein und setzt eine gewisse Erfahrung und Expertise voraus, betont der Kollege. Er hält es daher für wünschenswert, wenn Kolleginnen und Kollegen aus der Neurologie, Neuro- bzw. Gerontopsychiatrie diese Aufgabe übernehmen würden, zumal sie ggf. auch die krankheitsmodifizierende Antikörpertherapie initiieren und überwachen müssen. Häufig sind jedoch Hausärztinnen und -ärzte gefordert, ihren Patientinnen und Patienten die Befunde und ihre Konsequenzen zu erklären. Mit den folgenden Situationen bzw. Konstellationen müssen Sie rechnen:
Bei Menschen mit negativen kognitiven Tests oder mit nur subjektiv empfundenen Beeinträchtigungen wird die Messung von Biomarkern nicht empfohlen, da sie in solch einem Fall keine diagnostische Aussagekraft haben. Hat man sie dennoch bestimmt, signalisiert ein positiver Befund allenfalls ein erhöhtes Erkrankungsrisiko. Von „Entwarnung“ dürfe in einer solchen Situation aber keine Rede sein, man müsse mit den Betroffenen über die Ergebnisse sprechen, meint Prof. Pantel. Sie zu „verschonen“, sei keine Option.
Sind bei einer Patientin/einem Patienten mit MCI sowohl der Amyloid- als auch der Tau-Nachweis in Liquor oder PET positiv, gilt die Alzheimer-Krankheit als sehr wahrscheinlich oder bereits manifest.
Besteht ausschließlich eine Amyloid-Pathologie (bei negativem oder unbekanntem Tau-Status), liegt wahrscheinlich eine Alzheimer-Krankheit vor.
Ist nur Tau positiv (bei unbekanntem oder negativem Amyloid-Status), scheint die Erkrankung zwar möglich, aber nicht mehr wahrscheinlich.
Als unwahrscheinlich gilt die Alzheimer-Krankheit sowohl bei negativem Tau-Befund mit unbekanntem Amyloid-Status als auch bei negativem Amyloid-Nachweis mit unbekanntem Tau.
Sind bei Menschen mit MCI beide Biomarker negativ, ist die Alzheimer-Krankheit sehr unwahrscheinlich bzw. ausgeschlossen.
Was womit nachweisen?
Amyloid-Beta-Pathologie
zerebrale Plaques im Amyloid-PET-Scan
reduzierte Konzentration von Aβ42 bzw. erniedrigte Aβ42/Aβ40-Ratio in Liquor (oder Plasma)
Bei Amyloid-Negativität ist nur die Alzheimer-Krankheit unwahrscheinlich oder ausgeschlossen. Andere Hirnerkrankungen können durchaus vorliegen.
Tau-Pathologie
Tau-Pathologie
erhöhte Konzentration von phosphoryliertem Tau in Liquor (oder Plasma)
Neurodegeneration
atrophische Veränderungen in der MRT, insb. hippocampal und temporal
hypometaboles Befundmuster in der Fluordesoxyglukose-PET
erhöhte Konzentration von Gesamt-Tau im Liquor
Cave: In Deutschland gibt es weder für die Plasmabiomarker noch für das Tau-PET eine diagnostische Zulassung.
In manchen Fällen liegen die Messergebnisse nahe an den Cut-off-Werten der jeweiligen Untersuchungsverfahren bzw. der Labore. Dann sollte man der/dem Betroffenen komplementäre Tests, etwa ein PET bei vorheriger Liquoranalyse, empfehlen oder die Untersuchungen nach einer gewissen Zeit wiederholen.
Ein positiver Amyloid- und Tau-Status erhöht bei Menschen mit MCI das Risiko, innerhalb von fünf Jahren dement zu werden, von 10 % auf über 90 %. Werden nur Amyloid oder Tau nachgewiesen, steigt es auf 45–50 %, erklärt Prof. Pantel. Wie schnell der geistige Abbau fortschreitet, lasse sich anhand der Biomarker nicht vorhersagen.
Pantel J. internistische praxis 2026; 69: 539-553