Funktionelle neurologische Störungen sind real, häufig – und gut behandelbar
Anfälle ohne Epilepsie, Lähmungen ohne Läsion – funktionelle neurologische Störungen sind keine Einbildung, sondern reale Fehlfunktionen des Gehirns. Neue Daten zeigen: Wer sie erkennt und versteht, kann gezielt und erfolgreich behandeln.
Anfälle ohne Epilepsie, Lähmungen ohne Läsion, Taubheitsgefühl ohne Nervenschaden: Funktionelle neurologische Störungen treten oft akut auf, wirken dramatisch und führen regelmäßig in die Notaufnahme. Wer die Dynamik der Erkrankungen versteht, kann mit gezielter Aufklärung und aktivierender Therapie eine Menge erreichen.
Funktionelle neurologische Störungen (FNS) sind gewissermaßen das täglich Brot in der Neurologie, erklärte PD Dr. Stoyan Popkirov von der Klinik für Neurologie der Universitätsmedizin Essen. Bei Patientinnen und Patienten, die aufgrund einer neurologischen Erkrankung stationär versorgt worden waren, hatten über 4,7 % eine FNS ohne eine andere Erkrankung des Nervensystems. Damit waren FNS nach Schlaganfall und Epilepsie die dritthäufigste neurologische Diagnose.
Bis zum 60. Lebensjahr waren bei den FNS Anfallsereignisse die häufigste Kategorie, im Alter zwischen 45 und 59 Jahren auch Schwäche/Lähmung. Insgesamt ist die Vielfalt bei den FNS aber recht groß. In einer neurologischen Notaufnahme lag der Anteil von Patientinnen und Patienten mit FNS bei 3,6 %. Viele Betroffene kamen mit Rettungswagen und Notarzt, vor allem wegen eines Anfalls oder wegen akuter sensorischer oder motorischer Defizite. „Das sind rot triagierte Patientinnen und Patienten, die einer raschen neurologischen Diagnostik bedürfen“, betonte Dr. Popkirov. Der Anteil der ambulant versorgten FNS-Patientinnen und -Patienten ist mit etwa 15 % noch höher.
Spezialisierte Zentren berichten von einem hohen Anteil von Fehldiagnosen im Zusammenhang mit FNS. So wurden in Spezialambulanzen 7 % der auswärts diagnostizierten autoimmunbedingten Enzephalitiden als FNS erkannt (25 % aller Fehldiagnosen), 16 % der seronegativen Myasthenia gravis (45 %), 17 % der Epilepsien (35 %) und 4 % der Fälle an vermuteter Multipler Sklerose (16 %), fasste Dr. Popkirov die Daten verschiedener Publikationen zusammen. Erschwert wird die korrekte Diagnosestellung durch die Komorbidität einer anderen neurologischen Erkrankung mit einer FNS. Bei MS wurde von 6 % der Betroffenen eine zusätzliche funktionelle Störung berichtet, und 23 % der MS-Schübe mit Aufsuchen der Notaufnahme seien funktionell, sagte der Experte. Bei Personen mit Epilepsie verliefen 13 % der Anfälle dissoziativ, und Personen mit dissoziativen Anfällen waren zu 12 % auch von Epilepsie betroffen.
Funktionelle neurologische Störungen sind gekennzeichnet durch eine wiederkehrende Verzerrung der Wahrnehmung, Sensorik und Motorik sowie des Verhaltens entlang biologisch angelegter und durch Lernvorgänge erworbener Symptommuster. Diese Verzerrung wird nur bei Aufmerksamkeit aktiviert und ist typischerweise wechselhaft. Das lässt sich diagnostisch nutzen, erläuterte Dr. Popkirov, etwa im Hoover-Test bei funktioneller Beinparese.
Bei allen FNS ist es wichtig, im Patientengespräch die Umstände, die Verfassung und die psychovegetativen Begleitbeschwerden zu Beginn der Erkrankung zu eruieren. Dr. Popkirov riet, den tagesgenauen Symptombeginn und die speziellen Umstände an diesem Tag zu erfragen. Über 80 % der funktionellen Bewegungsstörungen beginnen mit einem konkreten Ereignis wie Verletzung, Operation, Lumbago, mit einer schweren Migräneattacke mit Aura oder einem Infekt.
In der Rückschau wird die Situation meist als sehr belastend beschrieben, mit Reaktionen wie Schockstarre, Depersonalisation, Angstzittern oder Schonhaltung, was Hinweise auf den Ursprung der FNS-Symptome geben kann. Unsicherheit der Betroffenen begünstigt, dass schon ein einziges Ereignis dieser Art zu einem Lernen von FNS-Mustern führt, erläuterte Dr. Popkirov. Häufig ist bei Betroffenen auch eine Tendenz zu voreiligen Schlussfolgerungen und zu Fehlattributionen festzustellen.
Ist die Wechselhaftigkeit der Symptomatik objektivierbar, beispielsweise im Hoover-Test bei funktioneller Beinparese, sollte das den Patientinnen und Patienten gegenüber nicht als Aufdecken von Widersprüchlichkeit ausgelegt werden. Das würde die Authentizität der Symptome und die Glaubwürdigkeit der Kranken infrage stellen. Ganz im Gegenteil sollte man die im Test feststellbare Kraft im gelähmten Bein als charakteristische Eigenart der Störung erklären. Oft sind die Betroffenen überrascht und erfreut, wenn sie Kraft im kranken Bein erleben. Mit diesem Vorgehen kann ein zentraler Störungsmechanismus und ein therapeutischer Ansatzpunkt für sie erfahrbar werden.
Die Diagnose zu vermitteln, ist der erste Schritt in eine erfolgreiche Behandlung, machte der Referent deutlich. Die Metapher von Soft- und Hardware kann nützlich sein. Begünstigende, auslösende und aufrechterhaltende Faktoren sollten ermittelt werden. Physiotherapie – möglichst mit variablen Bewegungen und spielerischen Aufgaben – sollte und kann bei einer F44-Diagnose verordnet werden, betonte Dr. Popkirov. Eine Psychotherapie ist essenziell.