Migräneversorgung bei jungen Betroffenen unzureichend
Migräne tritt häufig schon in jungen Jahren auf. Doch längst nicht alle Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene erhalten eine adäquate Versorgung. Es brauche mehr Awareness für das Problem, sagt eine Expertin.
Bei bis zu 25-Jährigen ist die Versorgung bei Migräne unzureichend. Das ergaben Analysen von Prof. Dr. Gudrun Goßrau-Solimena von der neurologischen Universitätsklinik in Dresden. Wie sie anlässlich des DGN-Kongresses 2025 berichtete, war bei 0- bis 25-jährigen Versicherten der AOK PLUS in den Jahren 2017 bis 2023 die häufigste Kopfschmerzdiagnose die eines unspezifischen Kopfschmerzes. Mit zunehmendem Alter nahm aber auch der Anteil von jungen Menschen mit Migräne zu, vor allem ab dem 14. Lebensjahr.
Migräne häufig als „unspezifischer Kopfschmerz“ fehldiagnostiziert
Die Expertin geht davon aus, dass hinter der Diagnose unspezifische Kopfschmerz häufig auch eine Migräne stecken könnte. Mädchen erhielten häufiger eine Migränediagnose als Jungen. Das liege auch daran, dass Letztere wegen Kopfschmerzen seltener zum Arzt gehen, vermutet Goßrau-Solimena.
Die meisten Betroffenen werden in der Hausarztpraxis betreut
Die Versorgung von jungen Erwachsenen mit Kopfschmerz/Migräne erfolgte zu 80 % in der Hausarztpraxis, nur 4 % wurden in einer neurologischen Praxis betreut. Die meisten von Migräne betroffenen jungen Menschen erhielten eine Verordnung für eine Akuttherapie, der Anteil nahm aber in der Adoleszenz auf unter 60 % ab. Eigentlich sollte jeder von Migräne Betroffene eine Akutmedikation haben, betonte Prof. Goßrau-Solimena.
Spezifische Therapeutika werden nur selten verordnet
Nach der InGef Datenbank der Betriebskrankenkassen liegt der Anteil der Personen mit Migräne im Alter von 6 bis 17 Jahren, die eine Verordnung für eine Akutmedikation erhalten, sogar nur bei 48,6 %. Am häufigsten rezeptiert wurde Ibuprofen, bei den bis zu 11-Jährigen außerdem Paracetamol, bei den 12- bis 17-Jährigen Metamizol. Etwa ein Viertel der Älteren erhielt Sumatriptan. Das ebenfalls in dieser Altersgruppe zugelassene Zolmitriptan wurde nur bei 8 % verordnet.
Nur ein kleiner Bruchteil erhält eine Prophylaxe
Eine Migräneprophylaxe erhielten nur 5,7 % der 6- bis 17-Jährigen. Der Anteil des auch im Kindesalter zugelassenen Propranolol lag dabei nur bei 12 %, die meisten Verordnungen waren off-label (Metoprolol, Amitriptylin). Die 6- bis 11-Jährigen erhielten sehr häufig Magnesium zur Migräneprophylaxe.
Psychische Komorbiditäten sind häufig
Viel Diskussionsstoff sah Prof. Goßrau-Solimena in dem Befund, dass sich von 2018 bis 2023 der Anteil der Psychotherapien bei 12- bis 17-jährigen Migränebetroffenen kontinuierlich erhöht hat. Sie selbst sieht ebenfalls viele junge Patientinnen und Patienten mit Migräne mit psychischen Komorbiditäten. Am häufigsten seien Angststörungen, Depression und chronifizierte Verhaltensweisen, gerade auch seit der Pandemie. Postpandemisch hätte auch die Zahl der jungen Menschen, die wegen Kopfschmerzen die Notaufnahme aufsuchen, deutlich zugenommen.
Prof. Goßrau-Solimena forderte eine spezifische Diagnosestellung mit adäquaten Behandlungsstrategien auch bei jungen Menschen mit Kopfschmerzen und Migräne. Dazu brauche es mehr Awareness auf allen Ebenen und spezifische Therapiestrukturen für die im Kindes- und Jugendalter Betroffenen.