Morbus Menière triggert Angst und Depression
Der Morbus Menière geht häufig mit Angst und Depressionen einher. Manche Betroffene entwickeln dadurch auch einen psychogenen Schwindel. Dies muss sowohl in der Diagnostik als auch in der Therapie berücksichtigt werden.
Auch wenn Schwindelanfälle bei einem Morbus Menière organisch bedingt sind, kann aufgrund der dadurch bedingten Angst reaktiv eine psychogene Schwindelsymptomatik hinzukommen, die die eigentlichen Anfälle überdauert. Menschen mit vorbestehenden psychischen Erkrankungen sind dafür besonders gefährdet, schreibt Dr. Helmut Schaaf von der Tinnitus-Klinik Dr. Hesse am Krankenhaus Bad Arolsen. Bei Personen, die schon länger unter einer Menière-Erkrankung leiden, scheinen Angst und Depression sowie ein reaktiver psychogener Schwindel seltener vorzukommen als bei Personen, die erst seit kurzem an Morbus Menière erkrankt sind. Erstere hatten wahrscheinlich schon länger Gelegenheit, geeignete Anpassungsstrategien zu entwickeln. Auch eine sorgfältige Aufklärung sowie medizinische und soziale Unterstützung können die psychische Anpassung an die Erkrankung fördern.
Rund ein Drittel leidet an einer Depression
Aus einer Metaanalyse von 35 Beobachtungsstudien geht hervor, dass 34 % der Menière-Patientinnen und -Patienten unter einer Depression und 23 % unter Angstzuständen leiden. Beide Werte lagen im Vergleich zu Kontrollpersonen signifikant höher. Sie sind auch deutlich höher als die Prävalenzen von Angststörungen und Depressionen in Deutschland: Diese lagen nach AOK-Daten 2023 bei knapp 5 % bzw. 12 %.
Eine ausgeprägte Angstsymptomatik bedingt auch eine höhere Haltungsinstabilität während einer Schwindelattacke und hemmt die Anpassung daran. Besonders angstauslösend scheint für Menière-Erkrankte zu sein, dass die Attacken unvorhersehbar auftreten.
Komorbiditäten schwächen den Behandlungserfolg
Behandelnde Ärztinnen und Ärzte sollten mögliche psychische Komorbiditäten in ihrer Diagnostik unbedingt berücksichtigen, so Dr. Schaaf. Denn insgesamt seien die Chancen auf eine erfolgreiche Therapie höher, wenn der Morbus Menière nicht auch noch von psychischen Erkrankungen begleitet wird.
Der Experte empfiehlt, Anzeichen für eine Depression und Angststörungen mit jeweils zwei Fragen aus dem Gesundheitsfragebogen PHQ (Patient Health Questionnaire) zu erfassen. Für Depression lauten diese:
Wie oft fühlten Sie sich in den letzten zwei Wochen dadurch beeinträchtigt, dass Sie wenig Interesse oder Freude an Ihren Tätigkeiten hatten?
Wie oft fühlten Sie sich in den letzten zwei Wochen durch Niedergeschlagenheit, Schwermut oder Hoffnungslosigkeit beeinträchtigt?
Die Antwort kann zwischen 0 Punkten („überhaupt nicht“) und 3 Punkten („beinahe jeden Tag“) eingestuft werden, mit einem Punkt für die Antwort „An einzelnen Tagen“ und zwei Punkten für „An mehr als der Hälfte der Tage“. Ab einem Summenscore von 3 aus beiden Fragen ist eine Depression wahrscheinlich.
Ebenso funktioniert die Auswertung der Angst-Fragen:
Wie oft fühlten Sie sich in den letzten zwei Wochen durch Nervosität, Ängstlichkeit oder Anspannung beeinträchtigt?
Wie oft fühlten Sie sich in den letzten zwei Wochen dadurch beeinträchtigt, dass Sie nicht in der Lage waren, Sorgen zu stoppen oder zu kontrollieren?
Auch hier deute ein Summenscore ≥ 3 auf eine Störung hin, so Dr. Schaaf. Eine wichtige Hilfe gegen die Angst bei Menière kann die ausführliche Aufklärung über die Gutartigkeit der Erkrankung sein. Auch Tipps, wie man sich auf eine Schwindelattacke vorbereiten kann, helfen vielen Betroffenen, ebenso wie das Mitführen von Zäpfchen oder Tabletten gegen die Übelkeit (z. B. Dimenhydrinat) und einer Tüte für eventuelles Erbrechen.
Das Filmen von Nystagmen in einer ruhigen Minute üben
Ein Mobiltelefon hat ohnehin fast jeder dabei – damit kann man Hilfe anfordern oder auch Nystagmen zur Unterstützung der Diagnose filmen. Das Filmen sollte man in einem anfallsfreien Intervall einüben, damit es später im Anfall auch klappt. Betroffenen sollte man außerdem raten, aufzustehen und fest aufzustampfen, wenn Schwindelsymptome auftreten. Sind diese psychogen verursacht, lässt sich durch solche Tretversuche oft Standfestigkeit erreichen (s. Tabelle). Dies mindert auch die Angst vor dem nächsten Anfall.
Gegenmaßnahme | vestibulärer Schwindel | psychogener Schwindel |
Fixieren eines Gegenstands | nicht möglich | möglich |
heftiges Aufstampfen mit den Füßen | nicht möglich bzw. nicht hilfreich | bessert den Schwindel und macht standfester |
vertraute Menschen | ohne direkten Einfluss auf den Schwindel | können den erlebten Schwindel deutlich bessern |
Eine begleitende psychische Störung bzw. ein sekundärer psychogener Schwindel sollte psychotherapeutisch behandelt werden. Damit werden bessere Voraussetzungen dafür geschaffen, dass die Betroffenen Bewältigungsstrategien entwickeln können.
Schaaf H. HNO 2025; doi: 10.1007/s00106-025-01685-2