Funktionelle Tics oder Tourette-Syndrom?
Nicht jeder Tic ist Tourette: Viele Social-Media-Videos zeigen stattdessen funktionelle Tics, die sich in einigen wichtigen Merkmalen vom Tourette-Syndrom unterscheiden. Eine Expertin erklärt, worauf es bei Diagnose und Therapie zu achten gilt.
Im Internet und in sozialen Medien kursieren viele Videos, die Tics zeigen. In der Beschreibung der Posts und in den Kommentaren ist dann schnell vom Tourette-Syndrom die Rede. Tatsächlich aber sind viele dieser Verhaltensweisen funktionelle Tics, erklärte Prof. Dr. Kirsten Müller-Vahl von der Medizinischen Hochschule Hannover.
Typisch für eine funktionelle Tic-Störung sind überwiegend komplexe Tics, stereotype Symptome, komplexe Lautäußerungen (z. B. ganze Wörter wie „hässlich“ oder „fick dich“ und kurze Sätze) und stark armbetonte Symptome. Kopf und Gesicht sind dagegen nur relativ wenig an den Tics beteiligt. Zudem stoppen funktionelle Tics bei Ablenkung komplett.
Tics im Rahmen eines Tourette-Syndroms treten dagegen typischerweise plötzlich auf, sind kurz, schnell und nicht rhythmisch. Bei den motorischen Tics überwiegen einfache Bewegungen; komplexe Abläufe sind seltener. Die Tics treten betont im Gesicht und am Kopf auf – die Betroffenen reißen etwa die Augen auf oder verdrehen sie, runzeln ihre Stirn, verziehen den Mund oder rucken mit dem Kopf. Niemand mit Tourette-Syndrom habe nur am Rumpf Tics, betonte Prof. Müller-Vahl.
Bei Tourette überwiegen die morotischen Symptome
Die motorischen Symptome überwiegen bei Tourette deutlich die vokalen, die meist nur kurze Lautäußerungen von einem Hüsteln bis kurzen Schreien sind. Während in der Öffentlichkeit eine Koprolalie als typisch für Tourette wahrgenommen wird, tritt diese tatsächlich nur bei jedem zehnten Betroffenen auf. Eine Palilalie, das unwillkürliche Wiederholen von Silben, Wörtern und Sätzen, ist laut Prof. Müller-Vahl noch seltener.
Das Tourette-Syndrom beginnt früh im Leben, oft schon im sechsten oder siebten Lebensjahr. Ein Beginn nach Erreichen der Volljährigkeit weist eher auf eine funktionelle Störung hin. Tourette-Symptome werden durch Kognition und Emotion nicht komplett gehemmt, aber moduliert: Sie nehmen bei Tätigkeiten, die Konzentration erfordern, ab, bei Überforderung zu. Allgemein wirken Stress, emotionale Belastungen, Ärger, Angst und Aufregung verstärkend. Aber auch Müdigkeit, Langeweile und sogar Gespräche über Tics können Letztere fördern. Abmildernd wirken dagegen Schlaf und Entspannung, Konzentration, Gespräche mit Freunden, Sport, Tanzen, Lesen und Beschäftigung allgemein – dieses Muster findet sich nicht bei der funktionellen Tic-Störung.
Am Beginn der Therapie steht die Psychoedukation. Patientinnen und Patienten empfinden es als entlastend zu wissen, dass bei vielen Betroffenen der Gipfel der Symptomlast im 10. bis 14. Lebensjahr erreicht ist und es im Jugend- und Erwachsenenalter meist kontinuierlich besser wird. Bei Kenntnis über den Verlauf und die verstärkenden und abschwächenden Faktoren für Tics verzichten einige Betroffene auf eine Behandlung. Dann könne man ihnen ein Monitoring anbieten, sagte Prof. Müller-Vahl.
Verhaltenstherapie vor Antipsychotika
Therapie der ersten Wahl bei Tourette-Syndrom ist die Verhaltenstherapie. Speziell empfahl Prof. Müller-Vahl die Comprehensive Behavioural Intervention für Tics (CBIT) mit einem Habit Reversal Training (HRT). Die CBIT umfasst acht Sitzungen über zehn Wochen. Danach sollen die Behandelten die Übungen selbst fortsetzen. Im Rahmen des HRT wird für besonders belastende Tics ein mögliches Alternativverhalten identifiziert und eingeübt.
Wenn die Verhaltenstherapie nicht möglich ist oder abgelehnt wird, kann ein Antipsychotikum in Monotherapie eingesetzt werden. Zugelassen hierfür ist nur Haloperidol, von dem Prof. Müller-Vahl jedoch abriet. Beim Off-Label-Einsatz von Antipsychotika wie Aripiprazol, für das Evidenz in dieser Indikation und eine Empfehlung in der europäischen Leitlinie vorliegt, hatte die Referentin – mit entsprechender Aufklärung und Dokumentation – bislang kein Problem bei der Abrechnung. Aripiprazol ist in den USA zur Tourette-Behandlung zugelassen und wird in Europa bevorzugt eingesetzt. Die Therapie sollte mit niedriger Dosis begonnen und langsam aufdosiert werden. Angestrebt wird eine Besserung der Tics um 50 %, ohne nichttolerable Nebenwirkungen zu erzielen. Tardive Dyskinesien habe sie bei Patienten mit Tic-Störung bislang nie gesehen, ergänzte Prof. Müller-Vahl.
Bei jeder Resistenz auf eine Therapie sollte die Diagnose überprüft werden, riet die Expertin. Inzwischen sieht sie beispielsweise auch Tourette-Betroffene mit komorbiden funktionellen Tics. Psychische Komorbiditäten sind häufig, vor allem Angststörungen, Depression, ADHS und Zwangserkrankungen. Diese Begleitkrankheiten sind oft belastender als das Tourette-Syndrom selbst. Wird die psychische Komorbidität gut behandelt, könnten manchmal auch die Tics besser werden, sagte Prof. Müller-Vahl.
* Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde